Experte rechnet mit „sehr plötzlichem“ Durchbruch der Ukraine-Offensive
VonStephanie Munk
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Bei der Gegenoffensive gelingen der Ukraine keine schnellen Vorstöße, Russland verteidigt sich vehement. Doch die Wende im Ukraine-Krieg könnte noch kommen.
Saporischschja - Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte es bereits vergangene Woche: Die ukrainische Gegenoffensive im Ukraine-Krieg verlaufe nicht wie in einem Hollywood-Film, die Erwartungen der Öffentlichkeit seien zu hoch.
Und wahrlich: Anders als im letzten Herbst, als der Ukraine recht schnell besetzte Gebiete zurückeroberte, scheint die derzeitige Gegenoffensive schleppend zu verlaufen. In den vergangenen Tagen gelang der Ukraine zwar ein wichtiger Frontdurchbruch in der Region Cherson. Doch insgesamt scheint die Ukraine derzeit nur kleine Nadelstiche gegen die russische Verteidigung zu setzen. Und das, obwohl der ukrainischen Armee mittlerweile hochmoderne Waffen aus dem Westen zur Verfügung stehen.
Im Ukraine-Krieg baute Russland massive Verteidigungsanlagen
Was sind die Gründe für den stockenden Verlauf der Gegenoffensive? Im Vergleich zur Offensive im Herbst hatten die Russen über den Winter und dem verregneten Frühjahr viel Zeit, große Verteidigungsanlagen zu bauen, heißt es in einem Bericht der New York Times. Ein „riesiger Streifen Minenfelder“ schütze die russische Verteidigungslinie vor der Gegenoffensive der Ukraine und bilde ein wahres „ Tötungsfeld für ukrainische Truppen“. Die russischen Soldaten hätten sich außerdem in „ausgedehnten Schützengräben“ eingegraben.
Hinzu biete auch das Gelände in den derzeit umkämpfen Regionen schwierige Voraussetzungen für den Angreifer: Der Südosten der Ukraine bestehe großteils aus weiten, flachen Feldern. Hügel oder Wälder zum Verstecken seien kaum vorhanden.
Ukraine sei Russlands Übermacht im Luftraum ausgeliefert
Russland falle es derzeit außerdem leicht, ukrainische Panzer aus der Luft zu treffen, beschreibt der bekannte ukrainische Kriegsreporter Ilia Ponomarenko, der das unabhängige Nachrichtenportal Kyiv Independent betreibt, in einem Interview mit Welt. Der Ukraine fehle es an Luftabwehr. Sie sei der „russischen Übermacht im Luftraum“ derzeit fast komplett ausgeliefert. Russland schieße mit ihren Kampfflugzeugen von weit hinter der Frontlinie Gleitbomben ab, die die Ukraine kaum abwehren könne.
Das Ergebnis: Reihenweise zerstörte Panzer. Laut New York Times sind mehr als 15 Prozent der von der USA gelieferten Bradley-Panzer bereits zerstört, auch über zerbombte deutsche Leopard-Panzer wurde schon mehrfach berichtet.
Anders wäre dies, würden der Ukraine F16-Kampfjets zur Verfügung stehen, glaubt der Kriegsreporter. Die Ukraine fordert seit langem schon Kampfjets vom Westen, um die russischen Angriffe besser abwehren zu können.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Gegenoffensive im Ukraine-Krieg zu spät gestartet?
Doch die Ukraine habe sich mit ihrer Gegenoffensive auch zu viel Zeit gelassen, kritisiert Ponomarenko. Dass die ukrainischen Truppen so lange Bachmut verteidigte, habe der russischen Armee die Gelegenheit geboten, ihre Verteidigungsanlagen an anderen Stellen auszubauen. Lange ausbleibende westliche Waffenlieferungen taten ihr Übriges.
Doch Ponomarenko ist dennoch nicht pessimistisch, was den Erfolg der ukrainischen Gegenoffensive betrifft. Durch den „medialen Hype“ um die Gegenoffensive wirkten die Erfolge jetzt eher gering. Doch noch immer befinde sich die Ukraine bei ihrer Offensive in der Vorbereitung. Die New York Times berichtet, die Ukraine sondiere derzeit verschiedene Frontabschnitte und versuche, Schwachstellen in der russischen Verteidigung anhand kleinerer Angriffe zu finden.
Durchbruch bei Gegenoffensive im Ukraine-Krieg ganz plötzlich?
„All die kleineren Nadelstiche, die gerade gesetzt werden, kulminieren irgendwann und dann werden wir den ganz großen Durchbruch sehr plötzlich sehen“, sagt Experte Ponomarenko voraus. Durch eine Lücke in der russischen Verteidigung könnten die ukrainischen Truppen womöglich abrupt in besetzte Gebiete strömen und dort die Rückeroberung fortführen. Nach Einschätzung der New York Times sei entscheidend, wie viele Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten die ukrainische Armee bis dahin noch zur Verfügung hat.
Die Gegenoffensive werde sich bis in den Herbst hinein ziehen, glaubt Kriegsreporter Ponomarenko - bis die Regenzeit wieder beginnt. Seiner Meinung nach sei das Ziel der Ukraine dann erreicht, wenn die russische Landverbindung zur Krim unterbrochen sei.
Dass die Ukraine neben der russische besetzten Gebiete auf dem Festland auch die seit 2015 von Russland besetzte Halbinsel Krim zurückerobern kann, hält der Kriegsreporter dagegen für unwahrscheinlich. „Aber selbst wenn alles außer die Krim befreit wird, wäre das auch schon ein riesiger Sieg.“ (smu)