Donald Trump würdigt Ahmed al-Sharaa – obgleich Syriens Präsident zuvor Al-Qaida-Statthalter war. Dahinter könnte auch ein schlichtes Kalkül stecken.
US-Präsident Donald Trump hat am Montag den syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa im Weißen Haus empfangen. Es war der jüngste in einer Reihe von einst unvorstellbaren Momenten für al-Sharaas Land – und eine weitere unwahrscheinliche Station auf dem persönlichen Weg des ehemaligen Militanten.
US-Streitkräften hatten Sharaa einst im Irak inhaftiert. Später führte er die syrische Al-Qaida-Zweigstelle an. Nun erscheint er als interimistischer Staatschef lächelnd auf Fotos mit Präsidenten und Premierministern aus aller Welt – deren Hilfe er sucht, um Syrien aus Jahrzehnten der Diktatur und des Krieges zu befreien. Nach dem historischen ersten Besuch eines syrischen Staatschefs im Weißen Haus stieg Sharaa aus seinem Auto. Er begrüßte eine jubelnde Menge von Anhängern, die sich vor dem Gebäude versammelt hatte. Viele von ihnen schwenkten syrische Flaggen.
Trump preist Syriens Präsidenten: „Ein harter Kerl“, „ein Kämpfer“
Sharaa führte im Dezember die Rebellen an, die den syrischen Diktator Bashar al-Assad stürzten. Trump ist mittlerweile einer seiner enthusiastischsten Unterstützer auf der Weltbühne. Das liegt an der US-Wahrnehmung der strategischen Bedeutung des Syriens, aber auch an Trumps offensichtlicher persönlicher Wertschätzung. „Ein harter Kerl“, sagte Trump über Sharaa, nachdem sich die beiden Männer im Mai zum ersten Mal getroffen hatten. „Eine sehr starke Vergangenheit. Ein Kämpfer.“
In einer Stellungnahme nach dem Treffen am Montag wiederholte Trump sein Lob für den syrischen Präsidenten. „Wir möchten, dass Syrien ein sehr erfolgreiches Land wird. Und ich glaube, dass dieser Führer das schaffen kann, das glaube ich wirklich“, sagte Trump.
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Mit seinem Besuch in Washington wollte Sharaa die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten vertiefen. Die hat sich bereits ausgezahlt, etwa durch die Aufhebung der gegen die Assad-Regierung erlassenen Sanktionen und die Vermittlung der USA mit Sharaas Rivalen im In- und Ausland angesichts wiederholter Herausforderungen für die Herrschaft des syrischen Staatschefs.
In einem Interview mit der Washington Post nach dem Treffen im Weißen Haus bezeichnete Sharaa die Aufhebung der Sanktionen als notwendig, um Syrien die Möglichkeit zu geben, sich von Jahrzehnten des Krieges zu erholen. „Aus der Politik von Herrn Trump geht klar hervor, dass er für die Stabilität Syriens und die territoriale Einheit sowie für die Aufhebung, die vollständige Aufhebung der Sanktionen gegen Syrien eintritt“, sagte Sharaa. „Er drängt also in diese Richtung.“
Sharaa sagte, „die Mehrheit“ der Kongressabgeordneten, mit denen er sich am Montag getroffen hatte, habe ebenfalls die Aufhebung der Sanktionen unterstützt. „Die amerikanische Regierung ist sich einig, dass Syrien eine Chance verdient, stabil zu sein, seine Wirtschaft aufzubauen und seine territoriale Integrität zu bewahren“, sagte er.
USA setzen Sanktionen gegen Syrien aus – und streichen al-Sharaa von Terrorliste
Das US-Finanzministerium erließ am Montag eine neue Verordnung. Mit ihr werden die strengen Sanktionen gegen Syrien im Rahmen des sogenannten Caesar Act für einen Zeitraum von sechs Monaten ausgesetzt. Die Verordnung verlängerte eine bereits im Mai erlassene Aussetzung, blieb jedoch hinter den Forderungen Syriens nach einer vollständigen Aufhebung der Sanktionen zurück.
Sharaa war letzte Woche von der Sanktionsliste der Vereinten Nationen gestrichen worden. Er war einst Anführer der islamistischen Miliz Hay‘at Tahrir al-Sham, die 2017 ihre Verbindungen zu Al-Qaida abbrach. Am Freitag erklärte das Außenministerium, dass Sharaa – früher bekannt unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani – und der syrische Innenminister Anas Khattab „in Anerkennung der Fortschritte, die die syrische Führung nach dem Abgang von Bashar al-Assad erzielt hat“ von der Liste der weltweit benannten Terroristen gestrichen würden.
Die US-Regierung hob die Sanktionen aus der Assad-Ära auf, nachdem Trump sich im Mai in Saudi-Arabien mit Sharaa getroffen hatte. Das war ein entscheidender Schritt, Syrien versucht nach den verheerenden Zerstörungen durch den Bürgerkrieg den Wiederaufbau. Dessen Kosten schätzt die Weltbank auf 216 Milliarden US-Dollar – was als „konservative Bestschätzung“ gilt.
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Die Aufhebung der Sanktionen wird Syrien den Zugang zu internationalen Finanzmitteln ermöglichen, die Wiederanbindung an das globale Bankensystem und den Import von Gütern, um den Wiederaufbau seines zerstörten Gesundheitssystems und anderer Sektoren zu unterstützen.
Die Regierung von Sharaa strebt außerdem die dauerhafte Aufhebung des „Caesar Syria Civilian Protection Act“ durch den Kongress an. Dabei handelt es sich um 2019 verhängtes Sanktionspaket. Es ist nach einem Whistleblower benannt, der Fotos Tausender durch die Assad-Regierung getöteter Menschen veröffentlicht hatte.
Trotz der Aussetzung des Caesar Act durch die Trump-Regierung schrecke die Gefahr einer erneuten Verhängung der Sanktionen US-Unternehmen ab, die in Syrien Geschäfte machen wollen, sagte Mouaz Moustafa von der Syrian Emergency Task Force, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für die Verhängung der Caesar-Sanktionen eingesetzt hatte. Seitdem seien sie zu einem Damoklesschwert geworden, „das alle Initiativen lähmt“ und Syriens Erholung bedroht, sagte er.
Skeptiker der Regierung Sharaa verweisen hingegen auf alarmierende Vorfälle sektiererischer Gewalt in Syrien im vergangenen Jahr. Bei diesen kamen tausende Menschen ums Leben und die wiederholten Versprechen des neuen Präsidenten, Minderheiten zu schützen und eine inklusive Politik zu betreiben, wurden untergraben. Bei zwei der schlimmsten Gewaltausbrüche, in der Küstenregion Syriens und im Süden, waren Sicherheitskräfte unter dem Kommando von Sharaa direkt an Massakern beteiligt. Die Regierung hatte versprochen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Sie begann vor einigen Monaten mit der Strafverfolgung einiger Sicherheitsbeamter unter staatlichem Kommando, wie Richter in Damaskus berichten.
Die sektiererische Gewalt stelle eine „gefährliche“ Herausforderung für den Übergang Syriens dar und mache es schwierig, „den internationalen Goodwill aufrechtzuerhalten, wenn man in dieser Hinsicht nicht vorsichtig ist“, sagte Michael Hanna, US-Programmdirektor bei der International Crisis Group, einem internationalen Think Tank. Die internationale Gemeinschaft habe zwar zugunsten einer Wiedereingliederung Syriens nach Jahren der Isolation weitgehend über die Gewalt hinweggesehen – dennoch glaube er nicht, „dass die Geduld unbegrenzt ist“, sagte er.
USA setzt auf Sharaa – auch, um einen Truppenabzug zu ermöglichen
Gleichzeitig haben die USA ein starkes Interesse daran, Sharaa und seine Autorität zu stärken. Unter anderem, weil das den Abzug der US-Truppen ermöglichen könnte, die noch immer als Teil der Anti-IS-Koalition in Syrien stationiert sind. Zu diesem Zweck hat die Trump-Regierung zwischen der Regierung und den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) vermittelt. Die SDF sind eine kurdisch geführte Miliz im Nordosten Syriens, mit der die US-Streitkräfte im Kampf gegen den Islamischen Staat zusammenarbeiten. Eine im März unterzeichnete Vereinbarung sieht die Integration der SDF-Kräfte in die Streitkräfte der Regierung in Damaskus vor.
Die beiden Regierungen einigten sich auch darauf, dass Syrien der von den USA geführten Anti-IS-Koalition beitreten wird. Diese wurde 2014 gegründet, als die islamistischen Militanten im Irak kämpften. Ihr gehören mittlerweile 90 Länder an, wie ein hochrangiger Vertreter der Trump-Regierung erklärte, der unter der von der Regierung festgelegten Regel der Anonymität sprach.
Trumps Regierung hat auch versucht, ein Sicherheitsabkommen zwischen der Regierung von Sharaa und Israel zu vermitteln. Israel ist nach dem Sturz von Assad in Teile Süd-Syriens einmarschiert, hat Militärstützpunkte errichtet und unter Berufung auf die Sicherheitsbedürfnisse Israels eine entmilitarisierte Zone südlich von Damaskus gefordert. Sharaa hat sich für ein Abkommen ausgesprochen, das die seit Dezember besetzten syrischen Gebiete zurückgibt, aber nicht für eine umfassendere Normalisierungsvereinbarung mit Israel. Zu deren Unterzeichnung hat die Trump-Regierung andere Regierungen in der Region gedrängt.
Im Gespräch mit der Washington Post am Montag beschrieb Sharaa die Verhandlungen mit Israel als schwierig, aber mit Unterstützung der USA und anderer internationaler Parteien als weiter im Gange. Er fügte hinzu, die Bedingungen eines künftigen Abkommens würden den Rückzug von Israels Armee auf die Positionen erfordern, die sie vor dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember hielten. „Ich glaube, dass die Vereinigten Staaten das einzige Land der Welt sind, das das Verhalten Israels in Schach halten kann“, sagte Sharaa.
Zu den Autoren
Kareem Fahim ist Büroleiter in Istanbul und Nahost-Korrespondent für die Washington Post. Zuvor war er elf Jahre lang bei der New York Times tätig, wo er unter anderem als Korrespondent in Kairo über die arabische Welt berichtete. Kareem arbeitete auch als Reporter bei der Village Voice.
Cleve R. Wootson Jr. ist Reporter im Weißen Haus für die Washington Post.
Susannah George ist Leiterin des Golf-Büros der Washington Post in Dubai, wo sie die Berichterstattung über die ölreichen Monarchien am Persischen Golf und deren Nachbarn Iran leitet. Zuvor war sie vier Jahre lang Leiterin des Afghanistan-Pakistan-Büros der Washington Post.
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Dieser Artikel war zuerst am 1. November 2025 in englischer Sprache bei „Washingtonpost.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung und leicht gekürzter Fassung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.
Rubriklistenbild: © Syrian Presidency/Imago
