Russland „befriedigt“

Ukraine-Verhandlungen in Istanbul: Putin-Delegation droht Kiew mit neuem Angriff

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Putins Delegation in Istanbul forderte einen ukrainischen Rückzug aus den vier annektierten Regionen – und soll mit weiteren Annexionen gedroht haben.

Istanbul – Die ersten direkten Gespräche zwischen der Ukraine und Russland seit über drei Jahren haben offensichtlich zunächst keine Annäherung bei der Frage einer Waffenruhe zwischen den Kriegsparteien gebracht. Hinzu kommt: Russland hat offenbar damit gedroht, weitere Regionen in der Ukraine zu annektieren.

Russische Drohung bei Istanbul-Verhandlungen: Putin plant neuen Angriff

Ein ukrainischer Regierungsvertreter sagte am Freitag der Nachrichtenagentur AFP, die russische Seite habe „inakzeptable“ Forderungen gestellt, um die Gespräche scheitern zu lassen. Dazu gehöre, dass Kiew ukrainische kontrollierte Gebiete abtreten solle, noch bevor es eine Waffenruhe gebe. Eine ukrainische diplomatische Quelle sagte dem Nachrichtenportal Axios, bei den Gesprächen habe es keinen signifikanten Fortschritt gegeben. Die russischen Forderungen seien „realitätsfern“.

Wie der Auslandskorrespondent von The Economist, Oliver Carroll, unter Berufung auf eine informierte Quelle berichtet, hat Russland bei den Gesprächen damit gedroht, zusätzlich zu den vier bereits annektierten Regionen – Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk – zwei weitere ukrainische Regionen zu besetzen und zu annektieren. Sollte es keinen Rückzug aus den vier Regionen geben, so will Moskau demnach auch Charkiw und Sumy annektieren. Auch in ukrainischen Quellen im Kurznachrichtendienst Telegram kursiert diese Information.

Kreml-Propagandistin Simonjan deutet auf neuen Angriff gegen die Ukraine

Unter Berufung auf die gleiche Quelle zitierte Carroll den Chef der russischen Delegation, Wladimir Medinski, aus den Gesprächen. Demnach sagte der Kreml-Vertreter: „Wir wollen keinen Krieg, aber wir sind bereit, ein Jahr lang, zwei Jahre, sogar drei Jahre lang zu kämpfen.“ Russland werde so lange wie nötig kämpfen, verkündete er demnach. Und weiter: „Wir haben gegen Schweden 21 Jahre lang gekämpft. Wie lange seid ihr bereit, zu kämpfen?“ Medinski verwies hierbei auf den Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721.

Ein Beitrag der Kreml-Propagandistin und Russia Today-Chefredakteurin Margarita Simonjan im Kurznachrichtendienst X scheint zu bestätigen, dass Russland der Ukraine mit einem neuen Angriff gedroht hat. Simonjan schrieb, dass die ukrainische Seite empört reagiert habe, als Russland den Rückzug aus den vier annektierten Regionen gefordert hat. Daraufhin habe die russische Seite Gerüchten zufolge geantwortet: „Nächstes Mal werden es sonst fünf Regionen sein.“

Ein RT-Reporter in Istanbul habe die russische Seite gefragt, was dort wirklich passiert sei, so Simonjan. Die Antwort laut der Kreml-Propagandistin: „Wir haben nicht fünf gesagt. Wir haben acht gesagt.“ Das würde bedeuten, dass Russland nicht nur mit der Annexion von Sumy und Charkiw, sondern zusätzlich zwei weiteren Regionen gedroht hat.

Ukraine-Verhandlungen in Istanbul bleiben ohne Durchbruch

Die ukrainisch-russischen Gespräche wurden jedenfalls nach etwas mehr als 90 Minuten beendet, wie aus Kreisen des türkischen Außenministeriums verlautete. „Das Treffen ist vorbei“, hieß es aus dieser Quelle. Die ukrainischen Vertreter waren mit der Forderung nach einer Waffenruhe „ohne Vorbedingungen“ in die Gespräche gegangen.

Ein hochrangiger ukrainischer Regierungsvertreter nannte es jedoch „möglich“, dass es eine zweite Gesprächsrunde mit den Russen noch am Freitag geben könnte. Bislang sei aber kein weiteres Treffen geplant, sagte er der AFP. „Wenn sie (die Russen) andere Anweisungen aus Moskau erhalten, dann ist es möglich, dass heute etwas passiert“, sagte der Regierungsmitarbeiter. Das scheint aber wohl nicht der Fall zu sein: Eine Quelle berichtete der russischen Staatsagentur Tass, die russische Delegation werde Istanbul sofort verlassen und nach Moskau zurückkehren.

Ukraine und Russland planen großen Gefangenenaustausch – auch Gipfel zwischen Putin und Selenskyj?

Der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umerow, der die ukrainische Delegation anführte, teilte in einem Statement nach dem Treffen in Istanbul mit, man habe neben den Fragen rund um einen Waffenstillstand auch ein mögliches Treffen zwischen Kreml-Chef Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj diskutiert. Dies bestätigte der russische Chef-Verhandler Medinski. Er sagte, die ukrainische Seite habe einen Gipfel zwischen den Präsidenten gefordert und die Moskauer Delegation habe dies zur Kenntnis genommen.

Ferner verkündete Umerow, man wolle große Gefangenenaustausche im Format „1000 gegen 1000“ durchführen. Auch hier bestätigte ihn Medinski. Im Rahmen des Ukraine-Krieges gab es mehrmals kleinere, aber auch größere Gefangenenaustausche zwischen den Kriegsparteien.

Der russische Chef-Verhandler Medinski sagte außerdem auch, die russische Seite sei „befriedigt“ und wolle die Kontakte fortsetzen. Zudem behauptete er, beide Seiten würden nun ihre „Vision“ für einen Waffenstillstand vortragen, wonach man weitere Gespräche halten werde. Umerow äußerte sich ähnlich: Auch er sagte, es werde in Zukunft weitere Gesprächsrunden geben.

Ukraine-Verhandlungen mit Russland in Istanbul: Erdogan-Außenminister Fidan sieht „zwei Wege“

Ein möglicher, großer Durchbruch in Istanbul blieb aus. Die Erwartungen an die Gespräche waren allerdings von vornherein eher gering gewesen, da Kreml-Chef Putin nicht selber angereist war und nur eine relativ niedrigrangige Delegation entsandt hatte. Bei den direkten Gesprächen der Kriegsparteien waren türkische Vertreter zugegen, jedoch keine der USA – obwohl der Druck von US-Präsident Donald Trump wesentlich dazu beigetragen hatte, dass die Gespräche zustande gekommen waren.

Bilder der Gespräche zeigten, wie die Delegationen der zwei verfeindeten Länder im Dolmabahce-Palast einander gegenüber saßen. In der Mitte waren die türkischen Vertreter platziert, unter ihnen Außenminister Hakan Fidan. Der türkische Chefdiplomat plädierte zum Auftakt für eine rasche Waffenruhe. Jeder Tag der Verzögerung bedeute, dass es „neue Verluste von Menschenleben“ gebe, sagte Fidan.

Weiter warnte er, dass nun zwei Wege vor der Ukraine und Russland stehen würden. Ein Weg führe zum Frieden, der andere zu „mehr Zerstörung und Tod“. So sagte der türkische Chefdiplomat: „Die beiden Parteien werden nun mit ihrem eigenen Willen entscheiden müssen, welchen Weg sie einschlagen wollen.“ (bb/AFP)

Rubriklistenbild: © Handout/Türkisches Außenministerium/dpa

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