Ein Zwerg zum Fürchten: Wieso Putin ausgerechnet Dänemark bedroht
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Dänemark hilft „ohne Skrupel“ – und stellt sich Wladimir Putin entschlossen entgegen. Dafür müssen die Skandinavier aktuell büßen mit hybriden Attacken.
Kopenhagen – „Es birgt das Risiko einer weiteren Eskalation und zeigt Dänemarks Wunsch, sich durch die Fortsetzung des Blutvergießens in der Ukraine zu bereichern“, sagte Maria Sacharowa. Die Sprecherin von Wladimir Putins Außenministeriums hat die Nachrichtenagentur Reuters zitiert, weil Dänemark beschlossen hatte, den Treibstoff für die Langstreckenrakete „Flamingo“ im eigenen Land zu produzieren.
Russland sieht Dänemarks Schritt als Frontalangriff auf seine Integrität. „Es birgt das Risiko einer weiteren Eskalation und zeigt Dänemarks Wunsch, sich durch die Fortsetzung des Blutvergießens in der Ukraine zu bereichern“, sagte Maria Sacharowa im Rahmen einer Pressekonferenz. Mit dieser Eskalation sieht sich der kleine NATO-Partner jetzt konfrontiert.
Dänemarks Soldaten tragen Verantwortung: Henrik ist der Leiter des dänischen Beitrags zur von England geführten Operation INTERFLEX, bei der ukrainische Soldaten im März 2024 in einem Gebiet im Osten Englands in grundlegenden militärischen Fähigkeiten wie Grabenkrieg, Minenräumung, Führungstraining und Training an gespendetem Material ausgebildet werden.
„Dänemark war in den letzten Tagen hybriden Angriffen ausgesetzt und auf dänischem Boden findet derzeit ein hybrider Krieg statt“, sagte Mette Frederiksen jüngst in einer Videoansprache. Die dänische Zeitung Berlingske fasst die Ausführungen der dänischen Ministerpräsidentin deutlich zusammen: „Es gibt einen hybriden Krieg auf dänischem Boden“.
Hybrider Krieg – Kampf ohne Schusswaffen
„In modernen Konfliktszenarien setzen Angreifer auf eine Kombination aus klassischen Militäreinsätzen, wirtschaftlichem Druck und Cyberangriffen bis hin zu Propaganda in den Medien und sozialen Netzwerken. Dieses Vorgehen wird auch als ,hybride Taktik‘ oder ,hybride Kriegsführung‘ bezeichnet. Konkrete Beispiele dafür sind gezielte Falschinformationen und -meldungen in den Medien, Beeinflussung des Meinungsklimas und Wahlbeeinflussung in liberalen Demokratien und offenen Gesellschaften.“
Quelle: Bundesministerium der Verteidigung
„Kopenhagen hat erkannt, dass kleine Länder nur überleben können, wenn die Welt nach bestimmten Regeln funktioniert und nicht nach dem Recht des Stärkeren“, schreibt Linda Koponen. Die Autorin der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) lobt den kleinen NATO-Partner dafür, dass sich der internationale Zwerg gegenüber der Ukraine mit der größten Unterstützung aller europäischen Nachbarn hervorgetan hat. Dänemark betrachte den Freiheitskampf der Ukraine als seinen eigenen, urteilt Koponen. Ähnlich konsequent denken in Europa möglicherweise nur die Briten – aber anders als die Skandinavier ist das Vereinigte Königreich eine Atommacht. Allerdings betrachte Russland wohl auch die zügige konventionelle Aufrüstung Dänemarks bereits als Affront.
Jüngster Affront für Putin: Dänen realisieren ihren „größten Waffenkauf aller Zeiten“ mit SAMP/T-Batterien
Dänemark hatte kürzlich beschlossen, in französische SAMP/T Luftabwehrbatterien zu investieren und damit den, laut der Nachrichtenagentur Reuters, „größten Waffenkauf aller Zeiten“ zu realisieren. Allerdings liegt der Grund für die Feindschaft wahrscheinlich tiefer, als dass das rund sechs Millionen zählende Völkchen dem russischen Diktator provokativ die Stirn bietet.
Dänemark gehört aus gutem Grund zu einem Oktett der nordischen Länder, obwohl die Skandinavier weniger Grund haben Russland zu fürchten als beispielsweise die Finnen oder die Balten; Letztere wollen um jeden Preis vermeiden, erneut unter Russlands Kuratel zu kommt. Dänemarks Motivation für einen offensiven Kurs gegenüber Wladimir Putin ähnelt derjenigen Norwegens: Sie liegt auf Eis, wie Lesia Ogryzko behauptet.
„Das Machtgefüge zwischen Russland und Dänemark in der Arktisregion wird von konkurrierenden Interessen hinsichtlich Sicherheit, Ressourcenzugang und geopolitischem Einfluss geprägt“, schreibt sie für den Thinktank „European Council on Foreign Relations“ (ECFR).
Dänemarks Souveränität über Grönland sichere dem Land eine Hauptrolle in der Arktis; Grönland sei im Verhältnis zu Russland ein essenzieller Standort zur Kontrolle von Schifffahrtsrouten sowie für „strategische Militäroperationen im Rahmen der NATO“. Dänemark wird dadurch im Norden zum Torwächter westlicher Werte – und westlicher Prosperität: „Grönlands ungenutzte natürliche Ressourcen, darunter Seltene Erden und Kohlenwasserstoffe, stärken Dänemarks Einfluss in der Arktis“, so Ogryzko.
Selbstverständlichkeit für Dänemark im Ukraine-Krieg: Hilfe „ohne Skrupel“
Hilfe „ohne Skrupel“ hatte Morten Bødskov Mitte 2022 öffentlich geäußert, was die Ukraine von Dänemark zu erwarten habe, wie Krzysztof Nieczypor an die Worte des damaligen dänischen Verteidigungs- und heutigen Ministers für Wirtschaftsförderung und Betriebe erinnert. Laut dem Autoren des polnischen Thinktanks „Ośrodek Studiów Wschodnich“ („Center for Eastern Studies“) bilde Dänemark die Speerspitze der europäischen Unterstützung – sowohl politisch als auch materiell.
Laut Nieczypor gehöre das Land zu sieben der acht „Fähigkeitskoalitionen“ innerhalb der „Ukraine Defence Contact Group“, dem „Ramstein-Format“; für die Koordinierung der Unterstützung der ukrainischen Luftwaffe hat das Land die Federführung übernommen. Beispielsweise werden die ukrainischen F-16-Piloten ausgebildet auf dem Luftwaffenstützpunkt Skrydstrup.
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Eben dort, wo die jüngste Drohnenaktivitäten gesichtet worden waren, nachdem bereits an vorherigen Tagen ähnliche Beobachtungen Dänemark alarmiert hatten, wie Associated Press (AP) berichtet hat. Ziel der Überflüge sei, Angst und Zwietracht zu säen, zitiert die Nachrichtenagentur den dänischen Justizminister Peter Hummelgaard. Nieczypor erklärt die Entschlossenheit der gesamten dänischen Gesellschaft zur Opposition gegen die russische Invasion in der tief verwurzelten Betonung von aktiver Außen- und Sicherheitspolitik als Folge des Kalten Krieges – offenbar sei das aus einem Gefühl der Sicherheit heraus geschehen, möglicherweise auch aufgrund eines gesteigerten Verantwortungsgefühls, durch das Wachstum der Verteidigungsallianz von deren Rand in deren Mitte gerückt zu sein, vermutet der Analyst.
Russlands Sabotage-Versuch – „auf zynische Weise, Misstrauen in der dänischen Bevölkerung zu säen“
„Kopenhagen unterstützte die Osterweiterung der NATO und der EU – insbesondere die Bestrebungen Litauens, Lettlands und Estlands – nachdrücklich und setzte sich als kleiner Staat konsequent für eine regelbasierte internationale Ordnung ein. Infolge geopolitischer Veränderungen sah sich Dänemark nicht mehr als Frontstaat und sah bis 2022 keine direkte Bedrohung durch militärische Aggression“, schreibt Nieczypor. Ein Stachel im Fleisch von Wladimir Putins Menschenbild wird auch in dem durch die Krise gesteigerten Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Regierten und Regierenden liegen – deshalb möglicherweise der Versuch der hybriden Beeinflussung; die Erhöhung der Ausgaben für Verteidigung war schnell und reibungslos erfolgt; genau so einmütig registrieren Meinungsforscher die hohe Zustimmung der dänischen Bevölkerung für die Unterstützung der Ukraine.
Ein Erbe aus den Auseinandersetzungen mit Preußen im 19. Jahrhundert und den Verlusten an Territorium: „Die nationale Identität ist seitdem nach innen gerichtet und basiert auf einem starken Gemeinschaftsgefühl, Konsensbildung und Vertrauen, das durch Sprache und Kultur gestärkt wird“ schreibt Miłosz J. Cordes. Der Analyst des deutschen Thinktanks „Heinrich-Böll-Stiftung“ macht klar, dass der beginnende aggressive Expansionismus am anderen Ende der Ostsee auch das kleine Land wieder in Reichweite eines Krieges rückt und dazu zwingt, die eigene Sicherheitsarchitektur neu zu strukturieren. „Russland versuche möglicherweise auf zynische Weise, Misstrauen in der dänischen Bevölkerung zu säen, die sich bisher überwiegend für eine deutliche Unterstützung der Ukraine ausgesprochen habe“, erklärt Katja Bego gegenüber dem britischen Independent.
Dänen sicher: „ein Land, das eine Bedrohung für die Sicherheit Europas darstellt, und das ist Russland“
Wobei die Analystin des britischen Thinktanks „Chatham House“ deutlich macht, dass bisher kein Beweis für die Urheberschaft Russlands für die Drohnen-Attacken bestehe. Das ist auch die Botschaft von Dänemarks Ministerpräsidentin an die dänische Bevölkerung: „Obwohl die Behörden nicht feststellen können, wer dahinter steckt, können wir zumindest feststellen, dass es in erster Linie ein Land ist, das eine Bedrohung für die Sicherheit Europas darstellt, und das ist Russland“, so Mette Frederiksen laut Berlingske. Deshalb sei Dänemark beispielsweise auch maßgeblicher Finanzier geworden für die Entwicklung der Bohdana-Panzerhaubitze durch die Ukraine, schreibt Krzysztof Nieczypor. Als der Westen seine Lieferungen aufgrund von Materialknappheit einstellte, habe Kopenhagen eine kreative Lösung gefunden – die sei dann schließlich von anderen Partnern adaptiert worden.
Möglicherweise ist Dänemark neben Polen und Finnland der Gegner, den Putin in Europa am stärksten fürchten muss. Und anders als immer wieder von der Bundesregierung behauptet wird, hat Dänemark für die westlichen Werte auch personell Verantwortung übernommen und ist dem Terror entgegen marschiert – statt nur mit Geld und guten Worten aus der Etappe heraus zu helfen, woran Miłosz J. Cordes erinnert: „Als die Anschläge vom 11. September 2001 auf die USA verübt wurden, gehörte Kopenhagen zu den westeuropäischen Hauptstädten, die an den US-Invasionen in Afghanistan und im Irak teilnahmen.“ (Quellen: Bundesministerium der Verteidigung, European Council on Foreign Relations, Ośrodek Studiów Wschodnich, Heinrich-Böll-Stiftung, Chatham House, Reuters, Associated Press, Berlingske, Neuen Zürcher Zeitung, The Independent) (hz)