
VonSven Hauberg
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Israel und die Hamas haben eine Vereinbarung zu einer Waffenruhe im Gazastreifen unterzeichnet. Ein Nahostexperte erklärt, wie es dort nun weitergeht.
Zwei Jahren nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel haben sich beide Seiten auf ein Abkommen zur Beendigung des Konflikts geeinigt. Das gab am Mittwoch zunächst US-Präsident Donald Trump bekannt. Auch wenn viele Details noch offen sind: Nahost- und Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media von einer „fantastischen Nachricht“. Schindler mahnt aber auch: Die Hamas bleibt eine Gefahr.
Herr Schindler, nach der Einigung zwischen Israel und der Hamas spricht US-Präsident Donald Trump von „ersten Schritten zu einem starken, dauerhaften und immerwährenden“ Frieden. Ist so viel Optimismus tatsächlich angebracht?
Es sieht danach aus, dass ein erster Schritt zumindest gemacht ist. Und das ist eine fantastische Nachricht. Wenn alles so wie aktuell vereinbart umgesetzt wird, wird Israel sich zum Teil aus dem
Gazastreifen zurückziehen und die Hamas die lebenden Geiseln freilassen beziehungsweise die toten Geiseln übergeben. Es ist wichtig zu verstehen, dass die technischen Fragen bezüglich der operativen Umsetzung einfacher zu verhandeln waren, als es bei den nächsten Schritten des US-Plans der Fall sein wird: Wie weit zieht sich Israel zurück, wie viele Gefangene werden für die 48 lebenden und toten israelischen Geiseln freigelassen, und wer übernimmt die Geiseln? Die nächsten Schritte werden sehr viel komplexer.
Zum Beispiel?
Schwierig wird es, wenn es um einen kompletten Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen geht. Auch die Frage, wie es mit der Hamas weitergeht, ist kompliziert. Diejenigen Hamas-Kämpfer, die der Terrororganisation abschwören, sollen ihre Waffen abgeben und eine Amnestie erhalten. Aber wer kontrolliert das, und wann ist klar, dass alle Waffen abgegeben wurden? Der Plan sieht ebenfalls vor, dass diejenigen, welche sich nicht von der Hamas lossagen, den Gazastreifen verlassen dürfen. Unklar ist aber, wohin sie gehen könnten.
Zur Person
Hans-Jakob Schindler ist Nahost- und Terrorismusexperte. Er ist Direktor beim Counter Extremism Project in Berlin.
Einigung mit Israel: „Die Hamas ist zunehmend isoliert“
Nach Katar, das die Hamas seit Jahren unterstützt?
Vielleicht. Ägypten und Jordanien haben in der Vergangenheit jedenfalls schon abgewunken. Möglicherweise könnte die Türkei bereit sein, einige aufzunehmen. Die Frage ist aber, was passiert, wenn es sehr viele Hamas-Kämpfer sind, welche den Gazastreifen verlassen wollen.
Wenn die Hamas und die israelischen Streitkräfte Teile des Gazastreifens verlassen: Wie geht es dort dann weiter?
Im Gespräch ist, dass eine arabische regionale Schutztruppe vorübergehend die Kontrolle übernimmt. Nur existiert diese Schutztruppe derzeit noch nicht. Unklar ist auch, wie groß und wie stark bewaffnet sie sein soll. Und was passiert, wenn diese Schutztruppe zwar die Sicherheit im Gazastreifen herstellt, die Hamas aber weiter Anschläge verübt? Und dabei vielleicht sogar Mitglieder dieser Schutztruppe ums Leben kommen?
Die Gefahr durch die Hamas ist also noch nicht gebannt?
Die Hamas ist zwar bei weitem nicht mehr so stark, wie sie es bis zum 7. Oktober 2023 war. Sie ist nicht mehr in der Lage, systematisch Widerstand zu leisten. Aber einzelne Terroranschläge kann sie durchaus noch verüben. Das Problem aus meiner Sicht ist, dass Israel den Gazastreifen nie komplett kontrolliert hat. So konnte sich die Hamas immer in jene Gebiete zurückziehen, die gerade nicht unter israelischer Kontrolle standen.
Wieso hat sich die Hamas überhaupt auf den Deal eingelassen? So zynisch es klingt: Mit der Übergabe der Geiseln gibt sie ihr wichtigstes Faustpfand aus der Hand.
Das stimmt, die Hamas gibt ihren wichtigsten Hebel, die Geiseln, auf. Sie bekommt im Austausch dafür aber 2000 palästinensische Gefangene. Das wird sie sicherlich in ihrer Propaganda als Erfolg verkaufen. Und die Netanyahu-Regierung kann die Freilassung der Geiseln als absoluten Erfolg für sich verbuchen. Ich sehe trotzdem noch ein Restrisiko, dass die Hamas nicht alle Geiseln übergibt, dass sie einfach sagt, ein paar der Geiseln seien nicht mehr auffindbar. Aber dass die Hamas grundsätzlich dazu bereit ist, das ist eine großartige Entwicklung.
Warum kam diese Einigung gerade jetzt?
Was Israel angeht: Ich glaube, dass die US-Administration und Donald Trump starken Druck auf Premierminister Netanyahu ausgeübt haben, damit er dem Plan zustimmt. Die Hamas wiederum ist zunehmend isoliert. Die arabischen Staaten haben sich darauf verständigt, dass die Hamas auf keinen Fall wieder die Macht in Gaza übernehmen soll. Auch das Assad-Regime, über welches viele der iranischen Gelder an die Hamas geleitet wurden, ist weg. Und der Iran, der staatliche Hauptunterstützer der Hamas, ist wirtschaftlich extrem geschwächt.
Rubriklistenbild: © Emilio Morenatti/dpa