VonYannick Hankeschließen
Deutschland inmitten der Energiekrise. Die große Frage: Reicht das Gas im Winter überhaupt? Der Präsident der Netzagentur klärt auf und spricht mahnende Worte.
Berlin – Die Folgen des Ukraine-Kriegs sind unübersehbar. Der russische Angriffskrieg unter der Leitung von Präsident Wladimir Putin wirkt sich wirtschaftlich aus, viele Lebensmittel des täglichen Bedarfs sind deutlich teurer geworden. Ähnlich verhält es sich mit Benzin, Gas oder Strom. Mithilfe der Gaspreisbremse will die Politik in Form der Ampel-Koalition die Verbraucher zumindest ein Stück weit entlasten.
Doch es stellt sich auch die Frage, ob Deutschland überhaupt genug Gas zur Verfügung hat, um die kalten Wintermonate zu überstehen. Darüber weiß Klaus Müller, seines Zeichens Präsident der Bundesnetzagentur, Auskunft zu geben.
Energiekrise in Deutschland: Präsident der Bundesnetzagentur appelliert zum Sparen von Gas
Im Gespräch mit dem Spiegel ist Klaus Müller darum bemüht, die derzeitige Gas-Lage sachlich einzuordnen. Seiner Ansicht nach sind die Gaspreise unter anderem auch deswegen so stark gesunken, „weil wir die Speicher so stark gefüllt haben“. Ein unumgänglicher Schritt der Bundesregierung, nicht zuletzt durch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) initiiert. Besteht damit also bereits ein Grund zur Entwarnung?
Nicht, wenn es nach dem Präsidenten der Bundesnetzagentur geht. „Wir können gut durch den Winter kommen, wenn wir mindestens 20 Prozent Gas sparen“, sagt Müller. Deshalb werde er auch nicht müde, zu mahnen, so Müller: „Zumal nur einzelne Unternehmen von den wieder günstigeren Gaspreisen profitieren, nicht aber die Bürger, weil sie nicht an den Spotmärkten kaufen“.
Gaspreisbremse soll „Energiearmut“ eindämmen – doch schwindet die Motivation zum Sparen von Gas?
Entscheidend sei für Müller auch, dass die Verbraucher ihr Verhalten ändern. Doch wie können die Menschen im Land dazu bewegt werden? Laut des Chefs der Bundesnetzagentur würde ein großer Teil der Verbraucher auf Preise reagieren, viele sei auch „intrinsisch“ motiviert. Heißt: „Die wollen mit ihrem Geld nicht die Kriegsmaschinerie Putins finanzieren“. Und dann gebe es auch immer noch die Menschen, die sehr auf den Klimaschutz bedacht seien.
Die Gaspreisbremse, deren konkrete Höhe mittlerweile fixiert wurde, ermöglicht, dass Verbraucher ihre komplette Abschlagszahlung für Dezember 2022 ersetzt bekommen. Könnte darin nicht die Gefahr bestehen, dass die Motivation zu sparen sich zunehmend in Grenzen hält? Dieses Problem hätte auch Müller ausgemacht, sagt er. Doch sei die gefundene Lösung „vertretbar“. Schließlich würde sich die „Energiearmut“ ohne entsprechende Entlastungen nur weiter ausbreiten.
Energiekrise in Deutschland: Kommt der Frost, „werden die Speicher schnell leergesaugt“
Darauf angesprochen, was in diesem Winter denn noch schiefgehen können, zeichnet Klaus Müller ein düsteres Bild. „Für einen dramatischen Anstieg des Gasverbrauchs reichen aber schon wenige klirrend kalte Tage. Aus historischen Daten wissen wir: Wenn es richtig frostig wird, werden die Speicher schnell leergesaugt“, lautet die Einschätzung des Präsidenten der Bundesnetzagentur.
Für einen dramatischen Anstieg des Gasverbrauchs reichen aber schon wenige klirrend kalte Tage. Aus historischen Daten wissen wir: Wenn es richtig frostig wird, werden die Speicher schnell leergesaugt“
Zudem will Müller den Solidaritätsgedanken hervorheben. Schließlich hätte Deutschland seine Gasspeicher nur dank Ländern wie Norwegen, Belgien oder der Niederlande voll bekommen. Dementsprechend sei man selbst von der Solidarität anderer Staaten abhängig und sollte zugleich auch solidarisch agieren. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, für wie lange die vollen Speicher eigentlich reichen. Auf Grundlage eines warmen Winters und der reinen Versorgung nur aus den Speichern, sagt Müller „neun bis zehn Wochen“. Das sei jedoch nicht die eigentliche Frage.
Deutschland braucht mehr Gasspeicher – fordert der Präsident der Bundesnetzagentur
Vielmehr gehe es im Rahmen der Energiekrise in Deutschland darum, wie man heute „Versorgungssicherheit“ für sich definieren würde. Der Vorschlag von Klaus Müller: eine Modernisierung und Ergänzung der Gasspeicher in dem Ausmaß, dass jeder Ministerpräsident in seiner lokalen Wirtschaft sagen könne, dass seine Region gut gerüstet ist.
Oder anders formuliert: Müller spricht sich für mehr Gasspeicher in der Bundesrepublik aus. Mit dem Bau müsse man „heute“ beginnen, um sie dann ab 2025 stückweise einweihen zu können. Dies sei aber auch für Wasserstoff relevant, der „Antwort auf Dunkelflauten bei erneuerbaren Energien“.
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