„Verheizen ihren Sommerurlaub“

Gasverbrauch in Deutschland: Wie viel wird wirklich gespart?

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Der Gasverbrauch in Deutschland muss im Vergleich zu den Vorjahren diesen Winter deutlich reduziert werden – schaffen das die Bürger? (kreiszeitung.de-Montage)
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Der Gasverbrauch muss in Deutschland für diesen Winter deutlich reduziert werden – sonst droht der Gasnotstand. Schaffen das Industrie und private Haushalte?

Berlin – Der Winter rückt näher, die Temperaturen sinken und immer mehr Menschen drehen inzwischen ihre Heizungen auf – doch deutlich weniger entspannt als in den vergangenen Jahren. Denn aufgrund der befürchteten Gasnotlage im Winter und der hohen Energiepreise blickt ganz Europa auf den Gasverbrauch von Industrien und Privathaushalten. Aber wie viel Gas wird aktuell in Deutschland wirklich eingespart?

Gas sparen im Spätsommer: Deutschland schneidet im Vergleich zu anderen EU-Staaten schlechter ab

Dabei sollte vorweggenommen werden: Die Deutschen geben sich beim Gassparen Mühe, das zeigen Zahlen schon jetzt. Doch hat die Heizperiode gerade erst begonnen und die Temperaturen waren im goldenen Herbst vergleichsweise mild. Also reichen die aktuellen Bemühungen für den Winter aus?

Zahlen der Europäischen Kommission zufolge ist Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten beim Gassparen zuletzt langsamer vorangekommen. Im August hat die Bundesrepublik, verglichen mit dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre in dem Monat, zwar 28 Prozent weniger Gas verbraucht – doch waren es im September schon nur noch 7,4 Prozent weniger.

Schweden hingegen konnte seinen Gasverbrauch in den beiden Monaten mehr als halbieren und die Niederlande reduzierte den Verbrauch um 28,9 und 32,2 Prozent. Auch Luxemburg, Rumänien und Finnland waren laut dem Handelsblatt in der Lage, anteilig mehr Erdgas als Deutschland einzusparen. Doch steht die Bundesrepublik immer noch deutlich besser da als beispielsweise Spanien, die im August und September sogar mehr Gas verbrauchten als in den Vorjahren.

Wer spart in Deutschland am meisten Gas? Industrien legen vor

Ein Großteil der Gas-Einsparungen in Deutschland ist auf die Industrie zurückzuführen. Im August 2022 konnte der industrielle Verbrauch laut Bundesnetzagentur um mehr als 20 Prozent reduziert werden, im September lag dieser rund 14 Prozent unter dem Mittelwert der vergangenen Jahre.

Damit ist die Industrie aktuell der Bereich in Deutschland, der am schnellsten und auch am meisten Gas einspart. Dem Focus zufolge lässt sich das auf zwei Gründe zurückführen: Einerseits müssen viele Unternehmen aufgrund der hohen Energiepreise ihre Produktion zurückfahren, schalten demnach ihre Maschinen aus und sparen auf dem Weg eine Menge Energie. Wirtschaftlich gesehen führt das jedoch zu roten Zahlen in der Bilanz von etlichen Unternehmen.

Auf der anderen Seite fahren Industriebetriebe laut dem Focus ihre Maschinen nicht mehr unter Volllast, nutzen auch die Wärme aus der Produktion und wechseln von Gas auf Öl oder Kohle – zumindest da, wo es schnell und effektiv möglich ist.

Gas sparen im Haushalt: In Deutschland schneiden private Verbraucher schlechter ab

Die privaten Verbraucher Deutschlands sparen im Gegensatz dazu noch deutlich verhaltener Gas. Laut dem „Kopernikus-Projekt Ariadne“ am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben die Bürger im ersten Halbjahr im Vergleich zu 2021 zwar 16 Prozent weniger Gas verbraucht – doch müsse dabei auch die deutlich mildere Witterung in diesem Jahr beachtet werden.

Temperaturbereinigt hätten die privaten Haushalte sowie der Sektor „Gewerbe-Handel-Dienstleistungen“ im ersten Halbjahr nur knapp drei Prozent weniger Erdgas nachgefragt, berichtet der Deutschlandfunk. Das bedeutet aber auch, dass der Gasverbrauch der Bundesbürger bis jetzt vor allem vom Wetter abhängt – und der kalte Winter steht erst noch bevor. Wie viel im privaten Bereich also tatsächlich gespart wird, wird sich erst im Laufe der kommenden Wochen zeigen.

Gasverbrauch in Deutschland im Haushalt noch zu hoch – Verbraucher spüren den „Schmerz“ nicht

Ein Grund für das aktuell noch verhaltene Gassparen der Deutschen liegt laut dem Verhaltensökonomen Christian Chlupsa darin, dass der Verschleiß von Gas im Moment noch nicht genug wehtut. Die meisten Verbraucher spürten demnach beim Heizen den „Schmerz“ der hohen Kosten nicht, sondern nur wohlige Wärme, führt der Ökonom im Gespräch mit n-tv aus. Denn die Nebenkostenabrechnung landet erst nächstes Jahr im Postfach der Deutschen.

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Demzufolge werden aber auch private Haushalte, die ihren Gasverbrauch bereits deutlich reduziert haben, noch nicht dafür belohnt beziehungsweise können nicht ausmachen, wie viel Geld sie durch die Reduzierung ihres Verbrauches tatsächlich sparen. Dabei führe nur direktes Feedback zu schnellem Handeln, erklärt Chlupsa laut n-tv. Mit Schmerzen in der Zukunft gingen die Menschen dagegen sportlich um – „Viele verheizen gerade ihren Sommerurlaub“, statuiert der Ökonom deswegen.

Ökonom hält Gaspreisbremse für falsch – sendet zum Gassparen falsche Signale

Die Politik sendet ihm zufolge derzeit „ökonomisch total falsche Signal“ und baue auch zu wenig Druck auf. Dass die Energiepreise laut Bundeskanzler Olaf Scholz gedrückt werden sollen und Deutschland mit den gefüllten Gasspeichern gut durch den Winter kommen wird, hält Chlupsa infolgedessen für kontraproduktive Aussagen. Auch die geplante Gaspreisbremse ist seiner Meinung nach der falsche Weg.

„Nur wenn es wehtut, reagieren wir schnell, wenn wir den Schmerz weghaben wollen“, erläutert der Verhaltensökonom im Gespräch mit n-tv. Um einen Gasmangel im Winter zu verhindern, müssen private Haushalte in Deutschland ihren Verbrauch aber jetzt schon deutlich zurückfahren – auch wenn die Temperaturen bald sinken werden.

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