Erdbebengefahr

Erdbeben-Angst in der Türkei nach Griechenland: Minister alarmiert über Millionen gefährdete Gebäude

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In der Ägäis und der Marmara-Region wächst die Furcht vor einem Erdbeben. Aufgrund baufälliger Gebäude könnten in der Türkei Millionen von Menschen ums Leben kommen.

Istanbul/Santorini – In der Türkei und auch im Nachbarland Griechenland wächst die Gefahr vor einem Erdbeben. Aufgrund maroder Bauten könnte es vielerorts katastrophale Folgen haben. Städtebauminister Murat Kurum nannte bei einer Konferenz konkrete Zahlen: Von den 7,5 Millionen Bauten in Istanbul seien allein 1,5 Millionen einem hohen Risiko ausgesetzt. 600.000 Häuser könnten jederzeit einstürzen. „Istanbul hat keine Kraft ein neues Erdbeben zu stemmen“, so Kurum.

Angst vor Erdbeben in der Türkei: Vier Millionen Menschen in Istanbul dem Tod ausgesetzt

Auch der Seismologe Prof. Dr. Naci Görür warnt vor verheerenden Folgen eines Erdbebens in der Türkei. „Vier Millionen Menschen sind dem Tod ausgesetzt“, sagte er angesichts mangelhafter Bauten ebenfalls während einer Konferenz. Auch die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend. „Istanbul wird uns ruinieren, ich mache keine Scherze. Wenn Istanbul und die Marmara-Region kollabieren, dann geht die gesamte Türkei in die Knie.“

Die Türkei würde nach einem solchen Erdbeben ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verlieren. Gute Bauvorschriften und ihre Einhaltung sind daher sehr wichtig. „Nicht die Erdbeben selbst töten Menschen, sondern die Gebäude“, sagte Oliver Heidbach vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam der Deutschen Presse-Agentur. Zwar habe es 2024 teils starke Beben gegeben – die Auswirkungen fielen jedoch dank sicherer Bauten deutlich glimpflicher aus als im Jahr zuvor.

Menschen steigen im Hafen von Piräus in der Nähe von Athen von einer Fähre, mit der sie die griechische Insel Santorini verlassen haben.

Mit einer Stärke von 7,5 hat sich das bislang stärkste Erdbeben im zu Ende gehenden Jahr in Japan ereignet (1. Januar). Es gab mehr als 200 Todesopfer. Es folgte Taiwan, das bei den Erdstößen (7,4 am 2. April) mehr als zehn Todesopfer zählte. „Taiwan hat gezeigt, dass strenge Bauvorschriften und deren konsequente Kontrolle Leben retten“, erklärte der Wissenschaftler. Das starke Beben habe nur zu „geringfügigen Schäden“ geführt, weil die Gebäude den Erschütterungskräften standhielten.

Mindestens 53.000 Tote bei Erdbeben in der Türkei

Im Vergleich dazu verursachten die Beben im türkisch-syrischen Grenzgebiet am 6. Februar 2023 mit Stärken von 7,7 und 7,6 Schäden von verheerenden Ausmaßen. Mindestens 53.000 Menschen wurden dabei getötet. Gerade in der Türkei wurde deutlich, was passiert, wenn Bauvorschriften ignoriert werden.

Mit einem sogenannten „Baufrieden“ hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan 2019 eine Amnestie für fehlerhafte Bauten erwirkt. „Wir haben mit dem Baufrieden die Probleme von 144.556 Bürgern in Kahramanmaras gelöst, in Hatay von 205.000 Bürgern“, so Erdogan in seinen Wahlkampfreden von 2019. Auch in anderen Provinzen hatte es diesen Baufrieden gegeben.

Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Bilder zeigen Ausmaß der Zerstörung

Erdbeben erschüttern Türkei und Syrien
Zivilschutzmitarbeiter und Anwohner durchsuchen die Trümmer eingestürzter Gebäude nach Überlebenden. © Ghaith Alsayed/AP/dpa
Erdbeben
Die Moschee in Malatya (Türkei) wurde durch das Erdbeben zerstört. © Uncredited/DIA Images/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Frauen weinen, während sie zusehen, wie die Rettungskräfte in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana nach Menschen suchen. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbeben
Menschen und Rettungskräfte bergen eine Person auf einer Bahre aus einem eingestürzten Gebäude in Adana. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Rettungskräfte suchen nach Menschen in den Überresten der zerstörten Häuser. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien
Ein Mann sucht nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Bild der Verwüstung: Eingestürzte Gebäude in Aleppo in Syrien. © -/SANA/dpa
Erdbeben
Die Zahl der Opfer des Erdbebens steigt am Dienstagmorgen auf fast 5000. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Zivilisten und Mitglieder des syrischen Zivilschutzes bergen in Harem in der Region Idlib ein Erdbebenopfer. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe
Dichter schwarzer Rauch steigt auf aus brennenden Containern im Hafen von Iskenderun in der Türkei. © Serdar Ozsoy/Depo Photos/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Gaziantep
Rettungskräfte suchen nach Überlebenden in den Trümmern von Gebäuden in Gaziantep. © Muhammad Ata/IMAGESLIVE/ZUMA/dpa
Erdbebenkatastrophe
Notfallteams suchen nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana. © Hussein Malla/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Idlib
Idlib in Syrien: Mit allen Mitteln versuchen Rettungskräfte die unter den Trümmern eingeschlossenen Menschen zu retten. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe - Adana
Zwei Männer tragen eine Leiche aus einem zerstörten Gebäude. © Hussein Malla/AP/dpa

Große Erdbebengefahr: Bauvorschriften in der Türkei missachtet

„Viele Gebäude wurden so gebaut, dass sie klar gegen das Baurecht verstoßen. Gerade in einem Gebiet, dass hochgradig erdbebengefährdet ist, ist das sehr gefährlich. Das Erdbeben hat gezeigt, wie tödlich dieser Baufrieden war“, sagte Kemal Karanfil, ehemaliger Richter am türkischen Kassationshof (Yargıtay), im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.Media nach dem verheerenden Erdbeben.

Auch die Oppositionspartei CHP kritisierte Erdogans Regierung. „Die Wohnungen der Menschen wurden zu ihren Särgen“, sagte der damalige CHP-Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu bei seinem Besuch im Katastrophengebiet. Die Regierung habe nicht nur die Wohnungen zu Särgen gemacht, sondern auch noch Geld damit verdient. Gemeint sind nicht nur Stimmen, sondern auch Schmiergeldzahlungen für Baugenehmigungen.

Erdbebengefahr in der Türkei: Menschen verlassen griechische Urlaubsinsel Santorini

Zuletzt wurde die beliebte griechische Urlaubsinsel Santorini in der Ägäis ist von einer Serie von Erbeben erschüttert. Die Behörden haben deshalb beschlossen, die Schulen zu schließen. Zudem wurden die Menschen auf der Vulkaninsel aufgerufen, sich nicht an Küstenabschnitten aufzuhalten, für die Erdrutschgefahr besteht. Wie es in einer Mitteilung des Stadtrates von Santorini weiter hieß, müssen alle Veranstaltungen in geschlossenen Räumen abgesagt werden.

Größere Schäden sind bislang nicht bekannt geworden. In den sozialen Medien tauchten Videos von Menschen auf, die Santorini aus Angst vor einem großen Erbeben verlassen. Auch andere griechische Inseln hatten zur Sicherheit die Schulen geschlossen. (erpe/dpa)

Rubriklistenbild: © dpa/Socrates Baltagiannis

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