Ruanda-Deal und Abschiebung

Politologe zur EU-Asylpolitik: „Die Grenze ist zu einer kollektiven Obsession geworden“

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Der Politologe Volker M. Heins über Migrationspolitik in Europa, eine Diskursverschiebung nach rechts und darüber, wie Abschottung an den EU-Außengrenzen auch nach innen wirkt.

Herr Heins, in Ihrem Buch „Hinter Mauern“ stellen Sie und Frank Wolff die These auf, dass die Abschottung an den EU-Außengrenzen auch die Menschen innerhalb der EU bedroht. Wie meinen Sie das?
Ja, unsere Grundthese ist, dass Mauern und Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen, also die Abschottungspolitik, nicht nur den Migranten schadet, sondern auch mit uns etwas macht – mit unserer Gesellschaft, unseren Institutionen, unseren Affekten und den Diskussionen, die wir führen.
Inwiefern?
Zunächst einmal ist es so: Wenn sich eine Gesellschaft darauf einigt, dass sie bestimmte Gruppen von Menschen nicht will – sagen wir mal Nordafrikaner oder Muslime oder, wie es neulich mal wörtlich in einer Zeitung stand: Menschen „aus Afrika und Asien“ – dann hat das Folgen für Menschen aus diesen Gruppen, die bereits bei uns leben.
Das ist die wichtigste Wirkung nach Innen. Rassismus und Stigmatisierung nehmen zu. Das lässt sich auch sehr gut belegen. Eine weitere Wirkung ist – und das wird zum Beispiel im Parteiprogramm der AfD auch explizit so gesagt: Nicht nur Migranten und Geflüchtete werden bekämpft, sondern auch all diejenigen, die die AfD die „inländischen Helfer“ nennt.
PiS-Regierung in Polen zeigt: Journalisten, Ärzte, Anwälte werden als „inländische Helfer“ gebrandmarkt
Das sind Journalisten und eventuell Ärzte, die sich für Geflüchtete einsetzen, Anwälte, Aktivisten und andere Gruppen, die in den Lichtkegel der Aufmerksamkeit geraten. In Polen haben wir das unter der konservativen PiS-Regierung erlebt: Dort wurden genau diese Gruppen drangsaliert. Sie hatten im Nordosten des Landes teilweise keinen Zugang mehr zur Grenze nach Belarus, mit der Folge, dass da Dutzende Leute umgekommen sind. Man kann auch auf die Ausdehnung von „Beihilfe“-Paragrafen im EU-Recht verweisen, etwa die Beihilfe zum Menschenschmuggel. Das wird zunehmend weiter gefasst.
Volker M. Heins, 66, ist Politikwissenschaftler und Buchautor.
In welchen konkreten Situationen äußert sich das etwa?
Da nimmt zum Beispiel jemand einen Menschen an einem Bahnhof mit und bringt ihn zu einem anderen Bahnhof oder in die Nähe einer Grenze – und plötzlich ist man der Beihilfe zum Menschenschmuggel schuldig. Zu solchen Fällen gab es bereits Prozesse in Frankreich, der Schweiz oder in Dänemark.
Das soll abschrecken…
… ja, so wie auch die Kriminalisierung der Seenotrettung im Mittelmeer – um mal ein offensichtlicheres Beispiel zu nennen. Aber es passiert viel mehr. Schauen Sie sich zum Beispiel die Kritik des Deutschen Anwaltvereins am „Rückführungsverbesserungsgesetz“ der Ampel-Koalition an. Da haben Anwältinnen und Anwälte gesagt: Wir werden hier verpflichtet, gegen unseren Auftrag und jenseits dessen, was wir leisten können, den Wahrheitsgehalt der Aussagen unserer Mandanten, die abgeschoben werden sollen, zu überprüfen. So wird zunehmend die ganze Gesellschaft in die Pflicht genommen für Abschottungs- und Abschiebeprogramme.

Diskursverschiebung auch in Deutschland: CDU und CSU übernehmen rechte Rhetorik

Abschottungspolitik wird mittlerweile auch von Stimmen aus der Mitte gefordert. Wie konnte es zu dieser Diskursverschiebung kommen, zur Übernahme rechter Politik und Rhetorik – obwohl man doch weiß, dass sich so etwas nur wieder für die Rechten auszahlt?
Also ich finde das auch erschreckend, weil dieser Mechanismus eben so gut belegt ist. Die größte Verantwortung liegt hier vermutlich bei Mitte-Rechts-Parteien, also etwa den britischen Tories oder bei uns CDU und CSU. Wenn die nachgeben – und das beobachten wir ja in Europa – dann kommt ganz vieles ins Rutschen. Weil das relativ große Parteien sind mit einer großen Diskursmacht. Wie ich mir das erkläre? Erstmal hat das etwas mit der intellektuellen Auszehrung der großen Parteien zu tun: Ich glaube nicht, dass sie die Befunde der Politikwissenschaft überhaupt kennen.
Meinen Sie wirklich?
Zumindest werden solche Befunde nicht berücksichtigt. Es ist aber auch Kurzsichtigkeit, das heißt man überblickt nicht die Folgen des eigenen Handelns. Man versteht nicht, dass die Übernahme rechter Narrative den Mitte-Rechts-Parteien in der Regel nichts nützt.

Flüchtlingssituation individuell betrachten – Differenzierten Diskurs auch von links zu lassen

Es gab einen Moment im hessischen Landtagswahlkampf, da fuhr bei einer Diskussion der Parteispitzen zum Thema Migration im HR die Moderatorin Elisabeth Kula von der Linken übers Wort, weil diese über bezahlbaren Wohnraum sprach. Sie solle doch beim Thema bleiben. Das zeigt, wie wenig Raum überhaupt noch für konstruktive Ansätze vorhanden ist bei dem Thema. Warum ist das so?
Also erstmal muss man feststellen, dass die Situation in den Gemeinden sehr unterschiedlich ist, man kann da nichts verallgemeinern. München zum Beispiel, die Stadt, in der ich lebe, hat keine unlösbaren Probleme, Flüchtlinge unterzubringen. 50 Kilometer weiter auf dem Land ist es dann tatsächlich manchmal schwierig. Es ist ganz wichtig, für Linke und für die Flüchtlingsunterstützerszene – zu der ich auch selbst gehöre – dass man sich die Probleme vor Ort ganz genau anschaut.
Die EU hat mit viel Geld die griechische Grenzpolizei hochgerüstet – und diese geht teilweise brutal gegen Bootsflüchtlinge vor.
Da ist zum Beispiel das Flüchtlingsheim in einem kleinen bayerischen Ort, das direkt an einem Schulweg liegt und wegen der vielen jungen Männer, die nichts zu tun haben, haben Eltern Angst um ihre Töchter. Da wäre dann die Antwort: Man muss dafür sorgen, dass die Geflüchteten dort von Sozialarbeitern betreut werden, dass die was zu tun haben usw. Politik ist letztlich immer lokal. Und wenn die Linken-Politikerin aus Hessen von mehr bezahlbarem Wohnraum spricht, den wir brauchen, auch wegen der Geflüchteten, dann hat sie natürlich völlig recht.

Konservativer Diskurs in Deutschland – Bezahlkarte für Flüchtlinge kreiert neue Probleme

Manche Leute kann man aber auch mit den besten Lösungen nicht überzeugen.
Natürlich gibt es auch schlicht offenen Rassismus. Wenn die Leute sagen, wir wollen einfach keine Leute aus Afrika oder Asien, dann können wir Wohnungen bauen und Sozialarbeiter einsetzen, wie wir sollen – diese Menschen werden immer dagegen sein.
Die Ampel-Koalition hat ja umgesetzt, dass Geflüchtete im Asylverfahren früher arbeiten dürfen. Solche Fortschritte scheinen aber bei all den gleichzeitigen Verschärfungen in der öffentlichen Wahrnehmung unterzugehen.
Ja, und gleichzeitig haben wir einen konservativen Diskurs, der jetzt vom Arbeitsverbot direkt zu einer Arbeitspflicht übergeht. Am besten eine öffentlich sichtbare Arbeitspflicht, also Geflüchtete in Parkanlagen, wo sie das Laub kehren sollen für einen Euro oder weniger. An diesem Diskurs merkt man auch: Es gibt eine Lust daran, die Leute erkennbar schlecht zu behandeln. Das ist ein ganz wichtiger Impuls: Es soll den Migranten einfach nicht so gut gehen.
Da geht es nicht darum, irgendein Problem zu lösen, sondern nur darum, abzuschrecken und den Abstand zu den Einheimischen zu markieren. Das wird ja offen gesagt. Nehmen wir die Diskussion um die Bezahlkarte. Es gibt Dörfer, da wird nirgendwo eine EC-Karte angenommen. Das heißt, man kreiert neue Probleme, die dann die Flüchtlinge durch eigene Kreativität lösen müssen. Und auch die Flüchtlingshelferkreise haben dann jede Menge Arbeit damit, diese völlig unnötig geschaffenen Probleme wieder zu lösen.

„The border“ in den USA als kollektive Obsession – ähnliche Rhetorik bei der CDU

An den Außengrenzen gibt es auch massive Abschreckung – etwa durch gewaltsame Pushbacks.
Ich sage mal ein Wort zu den USA: Dort ist das am meisten verwendete Substantiv in den Reden von Trump und vielen anderen Republikanern „the border“, die Grenze. Dieses ganze Thema ist zu einer kollektiven Obsession geworden. Die Grenze wird zunehmend zu einem Fetisch. Wenn wir den sozusagen genügend anbeten, so die Propaganda, lösen sich auch alle anderen Probleme. Es gibt zum Beispiel die Parole von den Identitären: „Sichere Grenzen, sichere Zukunft“.
Die CDU sagt bei uns ähnliche Dinge. An der Grenze wird ganz viel aufgehängt – übrigens auch völlig unabhängig von der Anzahl der Leute, die kommen. Das macht etwas mit uns. Auch weil man sich der Diskussion kaum noch entziehen kann. Wenn eine Partei wie die Linke oder auch Teile der Grünen mal versuchen, andere ebenfalls sehr reale Themen anzusprechen – sagen wir Kitaplätze, Wohnungsbau, Fachkräftemangel – dann heißt es: Moment, Sie lenken ab! Und in Bayern kann man das gerade ganz gut sehen, dass alle möglichen Probleme auf Migration – gar nicht nur auf Fluchtmigration – zurückgeführt werden.
Wenn man sich die aktuelle Eurobarometer-Umfrage anschaut, sieht man aber, dass das Interesse der Menschen am Thema Migration in Frankreich und sogar Italien zurückgeht – während es in Deutschland hoch bleibt.
Italien ist da, glaube ich, ein Stück weiter, weil die Leute inzwischen merken, dass es auch andere Probleme gibt. Und es gibt gewisse Ermüdungserscheinungen, wenn man zehn Jahre über nichts als Migration geredet hat. Und selbst die rechte Ministerpräsidentin Meloni hat erkannt, dass man Migration nicht wie einen Wasserhahn auf- und zudrehen kann.
Man kann nicht, wie uns das hier eingeredet wird, Migration einfach „steuern“. Und ein weiterer Grund dürfte sein, dass es in Italien ja einen noch größeren Mangel an Arbeitskräften gibt als hier. Meloni hat daher einen Beschluss gefasst, dass bis 2025 450.000 zusätzliche Arbeitsvisa für Leute aus Ländern außerhalb der EU vergeben werden sollen, damit die das Land am Laufen halten.

Merz auf dem Irrweg: neue Arbeitskräfte ja, Immigration nein

Man will keine Flüchtlinge, aber Arbeitskräfte sollen dann bitte schon kommen …
Diesen gespaltenen Diskurs haben wir ja auch hier. Es gibt Wahlkampfreden von Friedrich Merz, wo er seinem verdutzten konservativen Publikum sagt: Also Leute, wir müssen der Wirklichkeit ins Gesicht sehen, wir brauchen jedes Jahr hunderttausende zusätzliche Arbeitskräfte. Und da hat er dann auch betont: jedes Jahr! Und die kommen mit Familien. Und gleichzeitig wollen wir dann bestimmte Leute nicht. Und wir glauben eben fälschlicherweise, dass wir uns das beliebig aussuchen können.
Nochmal zu Italien: Gleichzeitig will Melonis Rechtsregierung aber auch Menschen auf hoher See abfangen und in Asyllager nach Albanien bringen – ähnlich wie Großbritannien mit Ruanda vorgeht. Diese Auslagerung von Asylverfahren in Länder außerhalb der EU, das hat schon eine neue Dimension.
Da finde ich erstmal interessant, dass es bei dem Thema mit einer gemeinsamen europäischen Politik nicht weit her ist. Dann ist wichtig, dass der Albanien-Plan ganz anders funktionieren soll als Ruanda. In Albanien sollen zwei Lager entstehen für insgesamt 38.000 Leute, die vollständig unter italienischer Jurisdiktion stehen. Das heißt, Italien führt außerhalb des eigenen Territoriums Asylverfahren durch.
Und das Land war klug genug, zu sagen: Vulnerable Gruppen – Kinder, Kranke, Schwangere – kommen da nicht hin, sondern die kommen nach Apulien und kriegen da ihre Verfahren. Dadurch ist das italienische Modell weniger anfechtbar als das britische Ruanda-Modell. Ich weiß aber nicht, ob die Leute die Implikationen des Albanien-Deals verstehen. Die Menschen sollen ja systematisch in internationalen Gewässern im Mittelmeer aufgefischt werden.
Albanien-Deal nicht ganz durchdacht: Wenn Albanien Teil der EU wird, ist es kein „Drittstaat“ mehr
Eventuell heißt das: Okay, dann haben wir an dieser Stelle wieder eine staatliche Seenotrettung! Dann werden die Leute an Bord gescreent und mit Schiffen nach Albanien gebracht. Ist das überhaupt machbar? Und dann ist die Frage: Welche Verfahrensgarantien gibt es in den Lagern in Albanien? Gibt es da eine Beratung, unabhängige Anwälte? All das ist unklar. Die, die ihre Verfahren bestehen, sollen nach Italien dürfen. Völlig ungeklärt ist aber, was eigentlich mit denen ist, die in den albanischen Lagern bei den Asylverfahren durchfallen – da habe ich noch nirgendwo eine Antwort gefunden. Soll dann Italien von albanischem Territorium aus Abschiebungen organisieren?
Oder bleiben die irgendwo in Albanien? Und was überhaupt nie gesehen wird, ist, dass das ja Menschen sind mit einem eigenen Willen! Also wenn ich aus Syrien käme und würde durchfallen – dann würde ich mich natürlich gerade wieder auf die Socken nach Europa machen. Das Problem wird also nur verlagert. Es gibt weniger Rechtssicherheit, es ist sehr teuer, und ganz viele „Details“ sind ungeklärt. Und Albanien ist ja übrigens von Italien damit geködert worden, dass das Land dann vielleicht schneller der EU beitreten kann. Aber wenn Albanien Teil der EU wird, wäre der „sichere Drittstaat“ ja auf einmal kein Drittstaat mehr …

Legale Migrationspfade für Menschen aus Senegal oder Ghana als Lösung für die Krise im Mittelmeer

Fast täglich sterben Menschen im Mittelmeer, es gibt also auch ganz neutral gesehen einen Handlungsdruck beim Thema. Sie sprechen in Ihrem Buch von der „Ideenlosigkeit der Abschottung“. Haben Sie eine bessere, konstruktivere Idee?
Das hängt immer von den Regionen ab, woher die Leute kommen. Menschen aus Westafrika zum Beispiel, sagen wir Senegal oder Ghana, haben keine großen Chancen, Asyl zu bekommen. Sie kommen trotzdem, weil es keine legalen Alternativen gibt. Hier gibt es schon lange den Vorschlag, legale Migrationspfade nach dem Vorbild der Westbalkanregelung anzubieten, von der Menschen in Albanien, Bosnien, Montenegro und anderen Ländern profitieren.

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp
In diesen Staaten gibt es einen privilegierten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.
Genau, und das könnte man auf andere Regionen übertragen, damit junge Männer und Frauen in Städten wie Dakar oder Accra sich ganz regulär um ein – sagen wir mal – 5-Jahres-Arbeitsvisum für Deutschland bemühen können, mit der Aussicht, eine offene Stelle oder eine Lehrstelle anzutreten. Das ist nämlich bisher nicht möglich. Und zwar, obwohl wir Ende 2022 zwei Millionen offene Stellen in Deutschland hatten! In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus.
Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn fordert bereits die freie Migration in Tarifjobs. Die sagen: Es ist eigentlich Wahnsinn, dass es noch keine richtigen Jobbörsen gibt in Tiflis oder Erbil oder in anderen fernen Städten, von wo aus sich Leute regulär bewerben könnten. Da könnte man auch gleich die Anforderungen für bestimmte Jobs kommunizieren, zum Beispiel bestimmte Deutschkenntnisse.

Politik will Machtverhältnisse erhalten und keine konkreten Probleme lösen

Dann würden Menschen, die Arbeit suchen, ganz normal und ohne ihr Leben zu riskieren, nach Europa kommen können. Davon zu unterscheiden sind diejenigen, die Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen. Leider liegt es nicht im Interesse eines Teils der Politik, irgendwelche Probleme zu lösen. Politik hat immer noch viel damit zu tun, bestimmte Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Viele Probleme werden also verschleppt oder verschärft oder nur verlagert.

Zur Person und zum Buch

Volker M. Heins, 66, ist Politikwissenschaftler und Buchautor. Am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld leitet er eine Forschungsgruppe am zum Thema „Internalisierung von Grenzen“.

Zusammen mit Frank Wolff hat er in diesem Jahr veröffentlicht: Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft. Suhrkamp, 196 S., 18 Euro. fab

Im Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der CDU steht tatsächlich: Wenn es denn „sichere Drittstaaten“ gibt und dort die Asylverfahren stattfinden sollen, dann sollen die Leute doch auch gleich dort bleiben! Das ist eindeutig rechts von Meloni in Italien, die immerhin jene, die in Albanien erfolgreich durch das Asylverfahren kommen, nach Italien einreisen lassen will. Nicht so bei der CDU. Dort diskutiert man offen über die Abschaffung des Asylrechts in der EU. Soweit sind wir inzwischen. (Interview: Fabian Scheuermann)

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