Gesellschaftliche Spaltung

„Konkrete Bedrohung“: Mehrheit der Deutschen hat Angst vor Rechtsextremismus – Expertin nennt Ursachen

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Die Furcht vor der Ausbreitung von politischem Extremismus nimmt zu – insbesondere vor Rechtsextremismus. Umso wichtiger ist es nun, dieser Furcht entgegenzuwirken.

„Menschenrechte statt Rechte Menschen“ – steht auf einem Pappschild bei einer Demonstration in Hamburg. Seit Anfang Januar kommt es in Deutschland zu zahlreichen Protestveranstaltungen gegen Rechtsextremismus. Auslöser war eine Recherche des Medienhauses Correctiv über ein Treffen radikaler Rechter in Potsdam

Hunderttausende sind seitdem auf die Straße gegangen. Sie protestieren im ganzen Land – und machen die AfD nervös. Dabei bewegt sie vermutlich ein Gefühl, das laut einer aktuellen Studie zwei Drittel der Deutschen spüren: Sie fürchten eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und damit einhergehende Konflikte. Für die Studie der R+V Versicherung wurden im Februar 1000 Bürgerinnen und Bürger nach ihren politischen Sorgen befragt.

Studie „Die Ängste der Deutschen“ belegt: Angst vor Extremismus nimmt zu

„Ein gewisses Auseinanderdriften in verschiedene gesellschaftliche Lager beobachten wir in Deutschland schon lange. Jetzt schüren die Rechtsextremen mit ihren Angriffen auf die Demokratie Angst vor noch tieferen Gräben“, sagt Isabelle Borucki, Politikwissenschaftlerin und Beraterin der Studie.

Im Sommer 2023 hatten noch 50 Prozent der Befragten angegeben, Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft zu haben. Demnach ist innerhalb weniger Monate ein Anstieg von 16 Prozentpunkten zu verzeichnen. Noch deutlicher stieg die Furcht vor der Ausbreitung von politischem Extremismus: von 38 Prozent auf 59 Prozent der Studienteilnehmer.

Unter dem Motto „Dem Rechtsruck widersetzen“ demonstrierten tausende Menschen in Magdeburg gegen Rechtsextremismus.

Ein Blick in die vergangenen Jahre zeigt, dass die Furcht vor politischem Extremismus seit 1996 erst zweimal größer war als bei der Befragung im Februar 2024 (59 Prozent). Im Jahr 2016 lag diese Sorge bei 68 Prozent, ein Jahr später bei 62 Prozent. Das sei auf die Attentate der IS-Terrormiliz und die große Zahl an Geflüchteten in Europa zurückzuführen, heißt es in der Studie.

Warum nimmt die Angst vor Extremismus zu?

Auch jetzt bestehe zwischen der zunehmenden Angst der Deutschen vor der Ausbreitung von Extremismus und den aktuellen politischen Ereignissen ein Zusammenhang. Das Treffen in Potsdam, „die aufgeheizte Debatte um den Agrardiesel, die Bauernproteste und der Eingriff von Demonstranten in das Privatleben von Politikern – den Kontaktverlust zum politischen System und zur Demokratie können wir als Ursache ausmachen“, erklärt Borucki BuzzFeed News Deutschland, einem Portal von Ippen.Media.

Zudem steige die Zahl von Gewalttaten und Kriminalitätsdelikten im Zusammenhang mit Extremismus. Laut dem Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums wurden 2022 insgesamt 35.452 Straftaten mit extremistischem Hintergrund registriert – fast 2000 mehr als im Jahr zuvor. Damit erreichte die Zahl ihren Höchststand. Extremismus und die damit scheinbare oder tatsächlich verbundene Gefährdung, sowie das Gefühl von Unsicherheit und Angst, sind ein „gefährlicher Cocktail“, fasst Borucki zusammen.

72 Prozent haben Angst vor der Ausbreitung von Rechtsextremismus

Insbesondere vor der Ausbreitung von Rechtsextremismus fürchten sich die Bürgerinnen und Bürger. 72 Prozent der Befragten gab an, Angst vor der Verbreitung von rechtem Extremismus zu haben:

Art von ExtremismusAngst vor Extremismus-Art in Prozent
Rechtsextremismus72
Linksextremismus29
Islamistischer Extremismus61

„Die Neigung zu Rechtsextremismus ist weiter angestiegen bzw. rechtsextreme Einstellungen sind weiter in die Mitte gerückt“. Dieser Trend basiere unter anderem auf das Gefühl, nicht gehört und abgehängt worden zu sein, so die Politikwissenschaftlerin. „Die Zivilgesellschaft sieht im Rechtsextremismus eine konkrete Bedrohung“.

Angst vor gesellschaftlicher Spaltung und Extremismus: Die Politik muss handeln

Es sei nun Aufgabe der Politik, dieser Furcht der Bürgerinnen und Bürger entgegenzuwirken. „Es geht darum, den Menschen zu vermitteln, dass sie nicht allein gelassen werden, dass es verlässliche Lösungen gibt und dass vor allem niemand zurückgelassen wird“, sagt Borucki. Genau das fehle derzeit. Ein Beispiel hierfür: die Heizungsdebatte. Menschen hätten hierbei das Gefühl, dass bis in die eigenen Häuser hinein-regiert werde, ohne sozialverträgliche Kompensation. Dadurch würden sich viele abgehängt fühlen, erklärt Borucki.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht die Verantwortung auch bei der deutschen Wirtschaft. Der Ökonom fordert Unternehmen auf, sich klar gegen rechts zu positionieren.

Wie können Bürgerinnen und Bürger der Angst vor Extremismus begegnen?

Jeder einzelne Bürger und Bürgerin kann und sollte der Angst vor (Rechts-)Extremismus begegnen. Regelverletzendes und -verstoßendes Verhalten sollte nicht akzeptiert werden. Vielmehr sollten die Menschen dagegen angehen: Den zuständigen Abgeordneten informieren, Hass im Netz melden. Eltern können an Schulen Bildungs- und Aufklärungsangebote gegen Rechts einfordern. Letztlich können die Menschen aktiv an der Demokratie mitwirken und gegen Extremismus vorgehen: indem sie wählen gehen. (jsch)

Rubriklistenbild: ©  Middle East Images/Imago

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