VonFriederike Hilzschließen
Jungen und Mädchen unterschiedlich behandeln, das ist ziemlich oldschool. Die neue Art der Erziehung ist „Geschlechts offen“.
Männer und Frauen sind, trotz vieler Bemühungen, immer noch nicht gleichberechtigt, was sich zum Beispiel beim Thema Rente deutlich zeigt, obwohl Frauen hier aufholen. Die Unterschiede sind teilweise noch so tief in unserer Gesellschaft verankert, wie auch diese unnötig gegenderten Produkte zeigen, dass sich Eltern oft gar nicht richtig bewusst sind, dass sie ihren Kindern von Anfang an bestimmte Rollen vorgeben. Das wollen einige Eltern ändern: Sie wollen ihre Kinder feministisch erziehen.
Feministische Erziehung – wie geht das?
In der Theorie ist feministische Erziehung eigentlich ganz einfach: Die Kinder sollen ohne die typischen Geschlechterstereotypen aufwachsen, Mädchen auch mit dem Feuerwehrauto und Jungs auch mit der Barbie spielen dürfen. In einer Gesellschaft, in der es scheinbar fest verankerte Geschlechterstereotypen gibt, ist das ziemlich schwierig. Dabei können alle Kinder davon profitieren, egal welches Geschlecht.
„Geschlechts offene Erziehung bedeutet, dass wir offen an das Geschlecht unseres Kindes herangehen. Dass wir versuchen, uns freizumachen von den Erwartungshaltungen, die wir haben. Dass wir das Kind dabei begleiten herauszufinden, welches Geschlecht es hat und das auch unterstützen“, sagt Autor:in Ravna Siever im Spiegel-Podcast „Smarter leben“. Ein offener Umgang mit dem Thema könnte Missbrauch vorbeugen, sagt Siever, da Kinder so die Worte haben, um mit einer Vertrauensperson zu sprechen, falls jemand sie im Genitalbereich anfasst.
Hinter feministischer Erziehung steckt allerdings noch mehr: Es bedeutet auch, Kinder altersgerecht auf Ungleichheiten hinzuweisen und sie stets zu ermutigen, sich nicht von Geschlechterstereotypen einschränken zu lassen.
Manche Erziehungsmethoden können Kindern schaden: Eine Psychologin warnt vor sogenannten „Rasenmäher-Eltern“.
Nicht nur die Kinder müssen lernen
Ob man es will oder nicht, wir alle haben Vorurteile gegenüber anderen Menschen. Diese sind meistens harmlos, doch einige können, vor allem bei Kindern, echten Schaden anrichten. Daher ist es Teil der feministischen Erziehung, sich selbst zu reflektieren, sich seiner eigenen Vorbehalte bewusst zu werden und diese nicht unüberlegt an das eigene Kind weiterzugeben.
Linguistin Hilke Elsen von der Ludwig-Maximilian-Universität München schreibt in ihrem Buch „Gender – Sprache – Wirklichkeit“ „Sprache wirkt auf das Denken und unsere Sicht auf die Welt. Dadurch konstruiert sie die Wirklichkeit mit.“ Sagt man als Elternteil zum Beispiel immer mal wieder, „das ist total unmännlich“ oder „echte Männer weinen nicht“, verinnerlicht das Kind das – und leidet später darunter.
Mehr zum Thema: Eine Expertin warnt vor Erziehungsmethode Tigereltern.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei psychischen Erkrankungen
Laut der Bundesagentur für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) werden zwar starke Stressbelastungen oder Depressionen bei Männern in Deutschland seltener diagnostiziert als bei Frauen, doch rund drei Viertel aller vollendeten Suizide entfallen auf Männer. Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und soziale Krisen sind häufige Ursachen dafür. Immer noch ist es besonders, wenn Männer wie Kurt Krömer „zugeben“, dass sie weinen.
Auch Frauen und Mädchen profitieren davon, wenn Jungen schon von klein auf emotionale Intelligenz und Gleichberechtigung lernen und verinnerlichen. Männlichkeitsforscher Rolf Pohl erklärt im Interview mit BuzzFeed News Deutschland, dass eine patriarchal geprägt Gesellschaft Frauenhass und Gewalt gegen Frauen fördert.
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