FR-üh dran: Trump regiert Europa – Merz und Rutte kämpfen um die Reste der NATO
VonDaniel Dillmann
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Rutte besucht Merz. Es geht um die Zukunft der NATO, um Trump und die Ukraine. In „Früh dran – die Lage am Morgen“ fassen wir zusammen, was für Sie als FR-Leser:in heute wichtig wird und liefern Argumente für die Kaffeeküche.
FR-üh Radar – das steht heute an: Wenn sich NATO-Generalsekretär Mark Rutte heute mit Bundeskanzler Friedrich Merz trifft, geht es um mehr als nur höfliche Diplomatie. Die Zukunft des Verteidigungsbündnisses und der europäische Frieden stehen auf dem Spiel. Aus dem Westen setzt US-Präsident Donald Trump die NATO mit Austrittsandeutungen unter Druck. Aus dem Osten gefährdet Russlands Machthaber Wladimir Putin die Sicherheit Europas. Wir fassen schon jetzt die Herausforderungen zusammen, denen Merz und Rutte sich stellen müssen und liefern Ihnen Argumente für die Diskussion in der Kaffeeküche.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, NATO-Generalsekretär Mark Rutte, Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump beim NATO-Gipfel im Mai 2025.
Wir erklären Ihnen, wie es dazu kam: Vor knapp einem Jahr sah es bei der NATO noch anders aus. Finnland und Schweden traten der Allianz bei, nahezu alle Mitgliedsstaaten erhöhten ihre Verteidigungsausgaben. Das verstaubte Bündnis aus der Zeit des Kalten Krieges erlebte ein Comeback. Dann kam Donald Trump. Der US-Präsident stellte das US-Engagement in der NATO und im Ukraine-Krieg infrage. Sein Vizepräsident JD Vance zählte das Bündnis in einer Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz an. Kanzler Merz und Generalsekretär Rutte reagierten mit einer Charme-Offensive in Washington. Zeitgleich liefen Beratungen zwischen EU, NATO und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, mit dem Ziel, Europa und der Ukraine einen Platz am Verhandlungstisch der Friedensgespräche zu sichern.
Die Crux
Worum es heute geht, worauf es ankommt und woran es hängt: Trump, Merz, Putin und Rutte: Alle Vier gehören laut eines Rankings des Nachrichtenportals Politico zu den zehn einflussreichsten Politikern Europas. Auf Platz Eins liegt Trump, der mal als „Partner“ und mal als „Bedrohung“ für den Kontinent auftrete. Die wachsende Unberechenbarkeit der transatlantischen Beziehungen wird so zum zentralen Problem, dem sich Rutte und Merz stellen müssen. Wie kann Europa mehr Verantwortung in der NATO übernehmen? Wie kann die Unterstützung der Ukraine aufrechterhalten werden, auch wenn Trump sich zurückzieht? Und wie geht man mit einem unvorhersehbaren US-Präsidenten um? Rutte, der im Politico-Ranking als „Süßholzraspler“ auf Platz Acht liegt, muss diese Quadratur des Kreises gemeinsam mit dem auf Platz Drei liegenden „widerstrebendem Radikalen“ Merz lösen.
Espresso-Argumente für die Kaffeeküche
Diese Debatte wartet auf Sie in der Kaffeeküche – und so können Sie reagieren: „Deutschland übernimmt zu wenig Verantwortung in der NATO und für die eigene Sicherheit“ – Ex-Kanzler Olaf Scholz leitete 2022 die Zeitenwende ein. Seitdem stieg der Verteidigungsetat der Bundesrepublik um mehr als 41 Prozent. Zum Vergleich: Die öffentlichen Bildungsausgaben wuchsen im gleichen Zeitraum um etwa acht Prozent. Die schwarz-rote Koalition unter Merz führte den Wehrdienst ein, um dem Personalmangel der Bundeswehr entgegenzuwirken. Deutschland übernimmt eindeutig mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit – unabhängig davon, wer es regiert.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
„Die NATO provoziert Russland und Putin nur“ – Niemand hat den Kreml-Chef gezwungen, den Ukraine-Krieg zu beginnen. Russland hat die Ukraine nicht angegriffen, weil diese kurz vor einem NATO-Beitritt stand. Selbst nach der russischen Annexion der Krim-Halbinsel im Jahr 2014 blieb die Ukraine offiziell neutral. Das änderte sich zwar Ende 2014, als das ukrainische Parlament die Blockfreiheit per Abstimmung beendete. Offiziell bewarb sich das Land jedoch erst im September 2022 um eine NATO-Mitgliedschaft. Da rollten längst russische Panzer in Richtung Kiew. Dass Länder wie Finnland, Schweden und die Ukraine näher an die NATO rücken, ist eine Antwort auf Putins Aggressionspolitik und nicht deren Ursache.
„Ohne die USA ist Europa schutzlos und die NATO bedeutungslos“ – Nach wie vor sind die USA das Land, das den mit Abstand größten Teil der Verteidigungsausgaben innerhalb der NATO stemmt. Das US-Militär übernimmt 66,8 Prozent der gesamten Verteidigungsausgaben aller NATO-Länder. Seit Jahrzehnten fordern US-Präsidenten ihre Verbündeten dazu auf, ihre Militärausgaben auf das vereinbarte Ziel von mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. 2014 erfüllten das neben den USA nur zwei weitere Staaten: Griechenland und das Vereinigte Königreich. Zehn Jahre später erreichten oder überschritten immerhin 24 der 32 NATO-Staaten diese Marke. Dazu kommt, dass die Verteidigungsausgaben der USA einer Einordnung bedürfen. Das US-Militär ist die mächtigste Armee, die der Planet jemals gesehen hat. Aber sie ist über die ganze Welt verteilt und wie vor den Küsten Taiwans oder Venezuelas in Krisenherden involviert, die mit der NATO wenig zu tun haben. Die hohen Militärausgaben der USA haben weitere Gründe. Teile des Etats kommen der Gesundheitsversorgung der Soldat:innen und Veteran:innen sowie der im Inland tätigen Nationalgarde zugute. Ausgaben für die Ausstattung des Militärs gelten in den USA zudem als Investitionsprogramme für die eigene Wirtschaft, weil sie fast ausschließlich heimischen Rüstungskonzernen wie Lockheed Martin, RTX, oder General Dynamics zugutekommen. Das wiederum freut die einflussreiche und in Washington umtriebige Waffenlobby.
Blick nach Vorne
Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Am heutigen Donnerstag um 10:35 Uhr werden Rutte und Merz eine gemeinsame Pressekonferenz geben. Im Anschluss sollen Beratungen des NATO-Chefs mit dem Bundeskanzler folgen. Um 14:00 Uhr wird Rutte im Rahmen der Veranstaltung „Münchener Sicherheitskonferenz in Berlin“ eine Grundsatzrede halten. Danach ist eine Podiumsdiskussion angekündigt, an der neben Rutte Außenminister Johann Wadephul teilnehmen wird. Der nächste NATO-Gipfel soll im Sommer 2026 in der Türkei stattfinden.
FR-üh dran – die Lage am Morgen
In unserem täglichen Briefing informieren wir Sie über die wichtigsten Termine des Tages, erklären Hintergründe und liefern Ihnen passende Argumente für die politische Debatte in der Kaffeeküche. Lesen Sie hier, warum „FR-üh dran“ zu Ihrem täglichen Morgenritual werden sollte.
Ihnen fehlen Argumente, Sie widersprechen unseren oder Sie möchten diese ergänzen? Dann diskutieren Sie mit in der Kommentarspalte unter jeder Ausgabe.
Weitere Termine am Donnerstag, den 11. Dezember 2025
„Stern Stunde“ mit Angela Merkel: Stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz interviewt die ehemalige Bundeskanzlerin. Das Gespräch wird ab 18:30 Uhr im Livestream zu sehen sein.
Abriss des dritten Kühlturms im Kernkraftwerk Biblis: Der Rückbau des Atomkraftwerks in Südhessen schreitet voran.
Echt jetzt?
Kein Land der Welt gibt so viel Geld für sein Militär aus wie die USA. 997 Milliarden Dollar betragt der Etat der US-Armee. Auf Platz Zwei folgt China mit gerade mal 314 Milliarden, danach Russland mit 149. Betrachtet man aber statt der absoluten Zahlen die Ausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dann nämlich liegt die Ukraine ganz vorne, die 34 Prozent ihres BIP für Verteidigung ausgibt. Es folgen Israel, Algerien und Saudi-Arabien. Der erste NATO-Staat in der Liste ist Polen auf Platz Sieben. Erst danach folgen die USA auf dem achten Platz. Deutschland liegt mit Blick aufs BIP auf Platz 25.