VonAnika Zuschkeschließen
Wo soll Deutschland in der Gaskrise ausreichend Erdgas für den Winter herkriegen? Söder schlägt Fracking vor – das stößt bei Weil auf extremen Widerstand.
Hannover – Seitdem Russland die Gaslieferungen nach Deutschland stark reduziert hat, befindet sich die Bundesrepublik in einer dramatischen Gaskrise, die von der drängenden Frage bestimmt wird: „Wo bekommt Deutschland genug Gas für den Winter her?“ Die umstrittene Option des Frackings wurde nun erneut vom bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) in den Raum geworfen – mit besonderem Blick auf den Norden Deutschlands. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil reagierte allerdings recht ungehalten auf den Ratschlag aus dem Süden.
Sorgt die Gaskrise für Fracking in Deutschland? Söder macht Vorschlag, der Weil übel aufstößt
Erst gestern, am 29. Juli 2022, hat Markus Söder in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung dazu aufgefordert, dass Deutschland über die Nutzung eigener Gaskapazitäten nachdenken müsse. „Fracking von gestern will keiner. Aber es ist sinnvoll zu prüfen, ob es neue und umweltverträgliche Methoden gibt“, sagte der bayerische Ministerpräsident der Tageszeitung. „Vor allem in Niedersachsen“ sehe er „große Erdgasfelder“.
Was ist Fracking?
Fracking bezeichnet ein Verfahren, mit dem sich Erdgas aus undurchlässigem Gestein lösen lässt. Bei dem Gestein handelt es sich häufig um Tongesteine, weswegen man laut geo.de umgangssprachlich auch von Schiefergas spricht. Um das Gas aus dem Gestein lösen zu können, muss vorerst der Untergrund aufgebrochen werden. Anschließend wird in die Bohrung mit extrem hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand oder Keramikkügelchen und diversen Chemikalien gepresst. Da die Methode als umweltschädlich und umstritten gilt, wird Fracking-Gas auch als „unkonventionelles Erdgas“ bezeichnet.
Doch die Landes-SPD um Ministerpräsident Stephan Weil schließt solche umstrittenen Bohrungen kategorisch aus – weswegen ebendieser auch sofort über Twitter auf den Vorschlag reagierte. „‚Der Süden fordert Fracking im Norden‘“, zitierte Weil die Süddeutsche Zeitung und brüskierte sich öffentlich mit einem empörten „Geht‘s noch?!“. „Lieber Markus Söder, wie wär‘s endlich mit Windkraft in Bayern?“, schießt der niedersächsische Ministerpräsident stattdessen auf Twitter gegen seinen bayerischen Amtskollegen.
"Der Süden fordert Fracking im Norden“ - geht’s noch?!
— Stephan Weil (@stephanweil) July 30, 2022
Lieber Markus Söder, wie wär‘s endlich mit Windkraft in Bayern?
#Energiewende #Windkraft #Fracking @Markus_Soeder https://t.co/FelKI2sC9k
Niedersachsen sträubt sich gegen Fracking in Deutschland – „unvorstellbar“
Auch Bernd Althusmann, Niedersachsens Wirtschaftsminister und CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 9. Oktober, hat sich erst vor wenigen Tagen ablehnend zum Fracking geäußert. „Fracking in unkonventionellen Erdgaslagerstätten ist momentan bundesweit verboten“, so Althusmann laut NDR. Vor einem Einstieg in diese umstrittene Technologie sollten ihm zufolge zunächst alle anderen Optionen ausgeschöpft werden.
SPD-Energieminister Olaf Lies nach zu urteilen, sei Fracking im tief liegenden Schiefergestein sogar „unvorstellbar“, wie der NDR berichtet.
Fracking gilt als umweltschädlich und gefährlich – könnte jedoch fehlendes Gas in der Gaskrise liefern
Hintergrund der hitzigen Debatte in der Politik ist, dass beim Fracking laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) Gas oder Öl mithilfe von Druck und Chemikalien aus Gesteinsschichten herausgeholt wird, was Gefahren für die Umwelt birgt. Aus dem Grund ist das „unkonventionelle“ Fracking etwa in Schiefergestein seit 2017 verboten. Nur in Sandsteinschichten wird Fracking der Süddeutschen Zeitung zufolge in Deutschland noch betrieben.
Doch gibt es nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die größten Vorkommen von Schiefergas in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und auf Rügen – weswegen Söder bei seinem Fracking-Ratschlag auf den Norden Deutschlands verwies. Laut SZ könne die heimische Erdgas-Gewinnung nur anhand der „unkonventionellen“ Methode des Frackings erheblich erhöht werden.
Umstrittenes Fracking sorgt für politische Debatte zwischen Nord- und Süddeutschland
Allerdings gibt es an der Methode aufgrund von natur- und klimaschädlichen Aspekten viel Kritik. Durch Fracking in Schiefergestein könnte das Grundwasser verschmutzt werden, außerdem löst die Methode Erdbeben aus. Zudem ist es laut SZ unklar, was mit der Fracking-Flüssigkeit im Untergrund passiert und welchen Schaden die Chemikalien dort anrichten können.
„In Deutschland ist Fracking aus gutem Grund verboten“, sagte Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der Süddeutschen Zeitung und fuhr fort: „Fracking ist teuer, riskant, birgt enorme Umweltrisiken und schädigt das Klima.“ Aus diesen Gründen werden andere Alternativen, wie LNG-Terminals und der Ausbau von Windkraft, bislang zur zusätzlichen Energiegewinnung herangezogen.
