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„Remigration“ ist das Unwort 2023. Uns fallen ein paar weitere Kandidaten ein, die diesen Titel auch verdient hätten.
Die deutsche Sprache zu bewerten und zu hinterfragen, hat Tradition. So wählen wir neben den Jugendwörtern (2023 gewann „Rizz“), auch das Wort des Jahres. Letztes Jahr schaffte es „Krisenmodus“ auf Platz eins – welche anderen Wörter das vergangene Jahr besonders prägten, liest du hier.
Es überrascht also nicht, dass wir auch ein „Unwort des Jahres“ küren. Damit beschäftigt sich ein unabhängiges und ehrenamtlich aktives Gremium aus Sprachwissenschaftler:innen. Heute Morgen (15. Januar) gab es den Sieger in Marburg bekannt: Unwort des Jahres 2023 ist „Remigration“. Ein Wort, das besonders seit der Recherche von Correctiv, zu einem Treffen in einer Potsdamer Villa, für Aufregung in Deutschland sorgt. Doch den Begriff gab es schon vorher.
Die Sprachwissenschaftlerin und Jury-Sprecherin Constanze Spieß hatte bereits im Dezember berichtet, dass „Remigration“ unter den Einsendungen für das „Unwort“-Ranking war – also schon vor der aktuellen Debatte.
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„Diskriminieren“, „euphemistisch“, „irreführend“ – Das sind die Kriterien für das Unwort des Jahres
Als „Unwort des Jahres“ kommen nach Angaben der Verantwortlichen Begriffe und Formulierungen infrage, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Alle Bürger:innen können sich an dieser Wahl beteiligen. Hierfür müssen sie bis Jahresende ihre Vorschläge mit kurzer Begründung und Quellennennung schriftlich einreichen. Wie häufig ein Begriff vorgeschlagen wurde, ist dabei nicht entscheidend.
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„Sozialklimbim“ landet auf Platz zwei
Auf Platz zwei setzte die Jury den Begriff „Sozialklimbim“, der in der Debatte um die Kindergrundsicherung verwendet wurde. Durch diese Wortwahl werde die Gruppe einkommens- und vermögensschwacher Personen herabgewürdigt und diffamiert und zugleich die Gruppe der Kinder, die von Armut betroffen oder armutsgefährdet seien, stigmatisiert.
5 weitere Begriffe, die den Titel „Unwort des Jahres“ verdient hätten
Die BuzzFeed News Deutschland-Redaktion hat überlegt. Welche Wörter sind uns im vergangenen Jahr noch aufgestoßen und entsprechen den Kriterien? Unsere Auswahl liest du hier:
1. „Woke-Wahnsinn“
Die Alliteration, der Bindestrich und der Inhalt. Vieles an diesem Wort erinnert an „Gender-Gaga“. Beides sind Begriffe aus dem Rechtspopulismus und werden vor allem von Kritiker:innen progressiver Geschlechterpolitik verwendet.
2. „Gender-Verbot“
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat gegen Ende 2023 nochmal für Aufregung gesorgt. Mit dem „Gender-Verbot“ will er dafür sorgen, dass gendersensible Sprache keine Anwendung in Schulen und Behörden findet. Mit dieser klaren Haltung gegen eine inklusive Sprache steht der CSU-Politiker nicht alleine da. Der Berliner Komiker Mario Barth füllt riesige Hallen mit seinem Bühnenprogramm, das sich auf Gender-Witze stützt und viele tausende Menschen zum Lachen bringt.
3. „Zugeführt“
Einige Frauen hatten im vergangenen Sommer schwere Vorwürfe wegen angeblicher Sexualdelikte und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen Rammstein-Frontsänger Till Lindemann erhoben. Beweise fand die ermittelnde Staatsanwaltschaft dafür nicht und stellte die Ermittlungen ein. Über strafrechtlich relevante Vorfälle hinaus diskutierte Deutschland viel über eine Art „Casting-System“, mit welchem Lindemann Frauen für sexuelle Handlungen „zugeführt“ wurden. Gerichte und Medien reproduzierten den Begriff, der mehr an Ware als an Menschen erinnert, über Monate hinweg.
4. „Kleine Paschas“
Kurz nachdem sich die Krawalle der Silvesternacht von 2022 auf 2023 in eine Migrationsdebatte verwandelt hatten, bezeichnete der CDU-Chef Friedrich Merz Söhne von Migrant:innen in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz als „kleine Paschas“. Anstatt sich nach der heftigen Kritik zu entschuldigen, rechtfertigte er sich damit, dass dieser Begriff keine Neuschöpfung seinerseits sei, sondern von Lehrer:innen aus seinem Wahlkreis an ihn „herangetragen“ wurde.
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5. „Habecks Heizungshammer“
Ein populistisches Wort für das Gebäudeenergiegesetz. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzte sich für den Einbau klimafreundlicherer Heizungen ein, die ab 2024 zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden sollten. Für die Umsetzung waren Wärmepumpen, Solarthermieanlagen oder Hybridsysteme aus Wärmepumpe und Gasheizung im Gespräch. Der „Heizungshammer“ spielte auf die hohen Kosten für die Umsetzung an und wurde von vielen Boulevard-Zeitungen und politischen Gegner:innen populistisch verwendet.
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(Mit Material der dpa)
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