Kriegsjargon & Nazi-Sprache

„Polen offen“ und „Innerer Reichsparteitag“: 8 problematische Redewendungen im Alltag

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Fragwürdige Floskeln sind fest in der Alltagssprache verankert. Ob du sie auch benutzt und welche Alternativen es gibt, liest du hier.

Die deutsche Sprache ist eine wahre Fundgrube an Kuriositäten. Wir kreieren Wörter, die unübersetzbar sind (etwa „Heimscheißer“) oder nutzen vermeintlich englische Wörter, die in Wahrheit nur Almans verstehen.

Neben diesen charmanten Eigenarten ist die deutsche Sprache aber auch voll mit Kriegsjargon und Floskeln aus der Zeit des Nationalsozialismus. Oft benutzen wir sie in unserer Alltagssprache, ohne uns der Problematik bewusst zu sein oder die Hintergründe zu kennen.

Experte erklärt, Kriegsvokabular ist „ganz normal“

Kriegsvokabular zu verwenden ist aber nicht etwa ein deutsches Phänomen, sondern in vielen Sprachen „ganz normal“, erklärt Experte Rolf-Bernhard Essig im Interview mit der Deutschen Welle. Sie seien „im Laufe der Zeit eingesickert“. Dabei gehen manche Jahrtausende zurück, wie etwa das Trojanische Pferd. Andere Begriffe würden kommen und gehen, so zum Beispiel „Alter Schwede“, aus dem sich „Alter“ entwickelt hat.

Einige von ihnen sind aber historisch so vorbelastet, dass es besser wäre, sie zu vermeiden. Welche Begriffe das sind und warum, erklärt dir BuzzFeed News Deutschland (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

Diese Ausdrücke sind problematisch

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1. „Innerer Reichsparteitag“

Vielleicht hast du schon einmal gehört, wie ältere Menschen diese Metapher verwenden. Er wird synonym zu „es ist mir ein Vergnügen“ genutzt oder um eine große innere Genugtuung auszudrücken. Historiker:innen und Sprachwissenschaftler:innen raten von der Verwendung dieses Ausdrucks ab, da er sich auf die Parteitage der Nationalsozialist:innen bezieht.

2010 nutzte die Sportjournalistin Katrin Müller-Hohenstein den Begriff zum WM-Auftakt. Die Moderatorin kommentierte im Spiel Deutschland gegen Australien „Und für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz in Ernst, dass er heute hier trifft“, was für großen Wirbel sorgte. Das ZDF entschuldigte sich im Nachhinein für „die sprachliche Entgleisung“.

2. „Dann ist Polen offen“

Diese Redewendung thematisiert den Zerfall des polnischen Reiches. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Zentralmacht Polens immer schwächer, während einzelne Grafen und Fürsten immer mehr politischen Einfluss gewannen. Durch innere Unruhen war die Verteidigung nach außen nicht mehr gewährleistet und Polen „offen“ für Angriffe. Wer heute sagt „jetzt ist Polen offen“, möchte damit einen unangenehmen Zustand zur Sprache bringen. Stattdessen können wir „dann ist der Teufel los“ oder „es geht drunter und drüber“ sagen.

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3. „Bis zur Vergasung“

Ursprünglich kommt „die Vergasung“ aus der Physik und beschreibt den Übergang eines Stoffes vom flüssigen in einen flüchtigen Aggregatzustand bei Erhitzung. Im Ersten Weltkrieg, in dem Gas an der Front eingesetzt wurde, bekam der Begriff allerdings eine andere Bedeutung, etwa durch Soldaten-Jargon wie „auf dem Posten bleiben bis zur Vergasung“. In Hinblick auf den Holocaust bekommt dieser Ausdruck eine weitere problematische Dimension und sollte nicht verwendet werden. Alternativen wären etwa „bis zum Abwinken“ oder „bis der Arzt kommt“.

4. „Jedem das Seine“

Meistens wollen wir damit etwas wie „über Geschmack lässt sich streiten“ oder „jeder, wie er mag“ ausdrücken. Die Worte, die vom römischen Philosophen Cato der Ältere stammen, wurden aber von den Nationalsozialist:innen missbraucht. Der Spruch stand über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald.

5. „Hart wie Kruppstahl“

Eine ähnliche Vergangenheit hat auch die Redewendung „link wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Diese Vergleiche stammen aus einer Rede von Adolf Hitler aus dem Jahr 1935, als er sein Ideal der nationalsozialistischen Jugend definierte.

6. „Polizei, dein Freund und Helfer“

Obwohl wir diesen Spruch unzählige Male gehört haben, ist auch er historisch vorbelastet. Der Ausdruck stammt eigentlich aus der Weimarer Republik, wurde aber später im nationalsozialistischen Sinn umgedeutet. Der SS-Reichsführer Heinrich Himmler sagte in einer Rede vom 17. Dezember 1934, die Polizei „im nationalsozialistischen Deutschland hat es sich zum Ziel gesetzt, vom deutschen Volk als sein bester Freund und Helfer, von Verbrechern und Staatsfeinden als schlimmster Gegner angesehen zu werden“. All jene Gruppen, die aus politischen, rassistischen und anderen ideologischen Gründen verfolgt wurden, waren von dieser „Hilfe“ ausgeschlossen.

8. „08/15“

Wer „das ist ja 0815“ sagt, meint damit etwas Gewöhnliches, Durchschnittliches oder Austauschbares. Tatsächlich stammt auch dieser Ausdruck aus einem militärischen Kontext. Denn die Redewendung geht auf ein Maschinengewehr aus Massenproduktion mit der Nummer 08/15 zurück, mit dem deutschen Soldaten im Ersten und teilweise auch im Zweiten Weltkrieg kämpften.

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