VonFlorian Naumannschließen
Die Welle der Gewalt in Frankreich ist nach tödlichen Polizei-Schüssen noch nicht verebbt. Doch längst marschieren auch Nazis bei der Krawalle mit.
Frankfurt/Paris - Nach den jüngsten Ausschreitungen hat Frankreich eine ruhige Nacht erlebt. Vergleichsweise. Landesweit hat es von Sonntag auf Montag 157 Festnahmen gegeben - 297 Autos brannten aus, an 34 Gebäuden wurde Feuer gelegt, wie die Zeitung Le Parisien meldete.
Vor allem junge Menschen sind aus Wut und Protest über den tödlichen Polizei-Schuss auf den 17-Jährigen Nahel zu Unmutsbekundungen, aber auch gewaltsamen Krawallen und Plünderungen aufgebrochen. Das Durchschnittsalter der bis Sonntag 3200 festgenommenen Menschen betrug laut Innenminister Gérald Darmanin 17 Jahre. Doch das Problem hat sich längst ausgeweitet: Medienberichten zufolge gehören mittlerweile auch besorgniserregende Aufmärsche von Neonazis und Rechtsextremen zum nächtlichen Straßenbild.
Krawalle in Frankreich: Nazis marschieren - mit Baseballschlägern und unmissverständlichen Parolen
Gruppen rechtsextremer Militanter seien „in den Vororten mehrerer Städte“ unterwegs gewesen, darunter Lyon, Marseille, Chambéry und Lorien, schreibt etwa die italienische Tageszeitung Repubblica. Teils führten die Männer dem Blatt zufolge Baseballschläger mit und erhoben den rechten Arm. Auch Aufnahmen auf Twitter zeigen die Aufzüge: Parolen wie „Blau, Weiß, Rot, Frankreich den Franzosen“ sind zu hören gewesen.
Ptdrrrrr leur slogan de merde ils pensent qu’ils font peur a qui les militants d’extrême-droite ? 🤣🤣 #emeutes pic.twitter.com/9ylEMxFnC8
— 𝒀𝑨𝑺𝑬𝑬𝑵 🇨🇷 (@YaseenWz) July 2, 2023
Der Sender France3 berichtete von „Zusammenstößen zwischen vermummten Jugendlichen und rechtsextremen Aktivisten“ im westfranzösischen Angers. Am Samstag (1. Juli) seien fünfzig Rechtsextreme in Räumlichkeiten einer rechten Studentenorganisation zusammengekommen und dann mit Baseballschlägern und Rauchbomben auf die Straßen gegangen. Sicherheitskräfte hätten die Umtriebe aufgelöst. Schon am Freitag sei es zu ähnlichen Szenen gekommen - gegen insgesamt elf Personen werde nach Zusammenstößen wegen des Tragens von Waffen ermittelt.
Sogar auf dem symbolträchtigen Pariser Champs-Élysées seien rechtsextreme Militante zu sehen gewesen, berichtete Repubblica weiter. Sie hätten Gruppen schwarzer Jugendlicher zugerufen, „Wir werden euch bluten lassen“. Auf der Prachtstraße verübten Jugendliche Plünderungen. In der Savoyen-Mittelstadt Chambéry seien am helllichten Tag schwarz gekleidete junge Männer aufgetaucht - mit der Behauptung, sie wollten Ladenbesitzer vor Angriffen schützen. Und dem Slogan „Franzosen, wacht auf, ihr seid hier zu Hause“.
Frankreich zwischen Jugend-Krawallen und Nazi-Aufmärschen: „Stabilität könnte in Krise geraten“
Der Soziologe Olivier Gallant sieht in den Krawallen und der folgenden Verunsicherung vieler Menschen in Frankreich auch ein gefundenes Fressen für hart rechte Kräfte. Die Linke verurteile die Unruhen nicht - genau das täten aber die meisten Französinnen und Franzosen. „Die Rechte und die extreme Rechte wissen, wie sie mit diesem Gefühl umgehen können“, sagte er: „Die einzige Partei, die von dieser Situation profitieren kann, ist das Rassemblement National.“
Gallant, Forschungsdirektor des dem Forschungsministerium unterstellten „Centre national de la recherche scientifique“ (CNRS), ging noch einen Schritt weiter. „Die Franzosen verlangen stark nach einer Rückkehr zur Ordnung, und wenn sich die Lage verschlimmert, könnte die Stabilität der Exekutive in eine Krise geraten“, urteilte er. „Wie wir gesehen haben, können besorgniserregende Ergebnisse entstehen.“ Die Regierung Macron steht offenbar vor einer Mammutaufgabe.
Krawalle nach tödlichen Polizei-Schüssen: Lage in Frankreich bleibt bedrohlich
Am Sonntag hatte die Großmutter des getöteten Jugendlichen ein Ende der Unruhen gefordert. Sie warf den Randalierenden vor, den Tod ihres Enkels als Vorwand für Gewalt zu nutzen. „Zum Glück sind die Polizisten da. Die Leute, die gerade etwas kaputt machen, denen sage ich ‚Hört auf‘.“ Sie sei zwar wütend auf den Beamten, der ihren Sohn erschossen habe, möchte aber nicht verallgemeinern. Er werde bestraft werden, wie jeder andere auch: „Ich habe Vertrauen in die Justiz.“
Die Lage in Frankreich bleibt aber wohl höchst fragil - und ist teils weiter bedrohlich. Am Sonntag wurde auch ein Anschlag auf das Haus des Bürgermeisters der Gemeine L‘Haÿ-les-Roses verübt, ein brennendes Auto brach auf das Grundstück durch. Die Ausschreitungen und Aufmärsche dürften auf tiefliegende Konflikte weisen - auf Gefühle der Unsicherheit ebenso wie auf strukturelle Benachteiligung und Gewalt gegen Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieus.
Das Vorgehen der Polizei dort sei „auf Weisung von oben zusehends aggressiver geworden“, sagte ein weiterer CNRS-Soziologe, Sébastien Roche, der taz. „Die illegitime Gewalt von Polizisten provoziert Reaktionen der Wut, die aber nicht notwendigerweise eskaliert“, erklärte er: „Die staatlichen Behörden müssen es zulassen, dass die Leute in der Öffentlichkeit gewaltlos protestieren. Das ist ein Grundrecht.“ Die deutsche FDP warnte unterdessen vor Krawallen auch in Deutschland - wegen „unkontrollierter Zuwanderung“. (fn)
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