Vorgezogene Parlamentswahlen

Wahl in Frankreich überschattet Fußball-EM: Spieler warnen vor Rechtsruck – Verband fordert Neutralität

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In Frankreich stehen vor den vorgezogenen Wahlen alle Zeichen auf Sturm. Nun schalten sich sogar Fußballer ein – und werden zurückgepfiffen.

Paris – Dürfen Angehörige einer Nationalmannschaft politische Aufrufe erlassen? Ousmane Dembélé hat die Frage für sich beantwortet: Mitten in die Fußball-EM-Ouvertüre sagte er, ohne den Namen Le Pens oder ihrer „Nationalen Sammlungsbewegung“ (RN) zu erwähnen, in seinem Land schrillten die „Alarmglocken“, weshalb man unbedingt zur Wahl gehen müsse. Sein Kollege Marcus Thuram erklärte bei einer Pressekonferenz noch deutlicher: „Wir müssen uns dafür einsetzen, dass der RN nicht gewinnt.“

Thuram, dessen Vater 1998 beim historischen Sieg der „Blauen“ mitgespielt hatte und der heute als Anti-Rassismus-Kämpfer in Frankreich bekannt ist, erhielt viel Applaus. In den sozialen Medien mehren sich aber auch Sprüche gegen die multikulturelle Fußballelf. Der französische Fußballverband FFF forderte die Nationalspieler am Wochenende auf, „Neutralität“ zu wahren: „Jede Form von Druck oder politischer Vereinnahmung ist zu unterlassen.“

Proteste gegen Rechtsruck in Frankreich vor vorgezogenen Parlamentswahlen

Zeitgleich demonstrierten in über 100 Städten Frankreichs – und je nach Polizei und Organisatoren – zwischen 217.000 und 640.000 Menschen gegen den radikalen Rechtsruck in der Politik ihrer Heimat. Sie warnten vor der Regierungsübernahme durch die Lepenisten nach deren befürchteten Sieg bei den Parlamentswahlen, die Präsident Emmanuel Macron ausgerufen hat. „Wir wollen diese Katastrophe verhindern“, sagte die Gewerkschaftschefin Sophie Binet am Pariser Platz der Republik.

Die französischen Linken sehen nach viel aus, sind aber kein Vergleich zu 2002.

Die Beteiligung wirkte eindrücklich, lag aber deutlich unter den Großdemos von April 2002, als der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen – Marines Vater – überraschend in den zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen vorgestoßen war. Dort verlor er klar gegen den Konservativen Jacques Chirac. Vor den jetzigen Neuwahlen kann der RN laut einer Pariser Sonntagszeitung mit 32 Prozent Stimmen rechnen, gefolgt von der linken Volksfront mit 26. Das Macron-Lager folgt distanziert mit 17 Prozent. Ein Viertel der Wahlberechtigten gibt sich allerdings noch unentschlossen.

Die Linke zerbröselt wieder – Sozialisten, Grüne und Kommunisten protestierten

Die frühere Chirac-Partei der Républicains ist abgeschlagen und gespalten. Die Parteileitung hatte ihren Chef Eric Ciotti entlassen, nachdem dieser wie von der Basis gewünscht ein Bündnis mit Le Pen angekündigt hatte. Ein Gericht hat den Rauswurf Ciottis aber am Wochenende für unrechtmäßig erklärt. Die Linke hofft dagegen auf die Dynamik ihres Wahlbündnisses von Sozialdemokraten bis zu linkspopulistischen „Unbeugsamen“. Sogar der ehemalige – gemeinhin unbeliebte – Präsident François Hollande ist auf den Zug aufgesprungen und kandidiert für ein Mandat.

Der schöne Schein der linken Einheit ist allerdings nach einer Woche bereits Vergangenheit. Der autoritäre Anführer der „Unbeugsamen“, Jean-Luc Mélenchon (72), beraubte mehrere prominente, aber zu ihm kritisch stehende Parteimitglieder wie Rachel Garrido und Alexis Corbière eines Wahlkreises. Dafür lancierte er seinen Intimus Adrien Quatennens, obwohl dieser eine Haftstrafe wegen Ehegewalt erhalten hat. Sozialisten, Grüne und Kommunisten protestierten gegen diese „Säuberung“ und das „Sektierertum“ Mélenchons.

Linke könnte Le Pen zu Regierungsmacht verhelfen

Bevor die Volksfront bereits wieder einstürzt, krebste Quatennens zurück: Am Sonntag erklärte er seinen Verzicht auf eine Kandidatur. Dieser Entscheid ist eine Niederlage für seinen Mentor, der gerne Premier werden würde. Die einflussreiche Sozialistin Carole Delga erklärte eindeutig: „Mélenchon wird nie Premierminister.“ Der Angesprochene meinte darauf ziemlich kleinlaut: „Wenn ihr denkt, dass ich nicht Premier sein soll, dann werde ich es halt nicht.“

Frankreich verfolgt den Hickhack der Unbeugsamen einigermaßen konsterniert, wenn nicht irritiert. Mélenchon wird auch dafür verantwortlich gemacht, dass der Wahlsieger der Linken bei den jüngsten Europawahlen, der Sozialist Raphaël Glucksmann, von der Volksfront schlicht ins politische Abseits gestellt wurde. Warum, das vermag niemand zu sagen.

Auf diese Weise könnte das Mélenchon-Lager noch dazu beitragen, Le Pens Partei am 7. Juli zur Regierungsmacht zu verhelfen. Das linksliberale Blatt Le Monde warnt jedenfalls eindringlich: „Die Säuberung in der Partei des ‚Unbeugsamen Frankreichs‘ schwächt die ganze neue Volksfront.“

Rubriklistenbild: © dpa

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