FR.de-Interview – Teil 2

Ukraine-Krieg als „Mittel zum Zweck“: Trauma und Anerkennung – Was will Putins Russland wirklich?

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Gibt es einen diplomatischen Weg aus dem Ukraine-Krieg? Expertin Anne Holper nennt einen eher überraschen Ansatzpunkt – und warnt (noch) vor dem Wort „Frieden“.

Berlin/München – „Verhandlungen mit Putin“: Das fordern gerade die politischen Ränder in Deutschland gern. Die Konfliktforscherin Anne Holper sieht aktuell keine ernstzunehmenden Signale der Gesprächsbereitschaft aus dem Kreml – warnt im Gespräch mit FR.de aber auch: Der türöffnende Moment auf dem Schlachtfeld könnte ebenfalls ausbleiben.

Die Konfliktforscherin der Universität Viadrina Frankfurt (Oder) sieht aber trotzdem Wege heraus aus dem Ukraine-Krieg: Wladimir Putin und Russland gehe es womöglich eher um „Anerkennung“ als um Gebietseroberungen, meint Holper, die auch das Auswärtige Amt berät. Und diese lasse sich unter Umständen gewähren: Vor allem die USA stehen dabei im Fokus. Vor voreiligem Druck in Richtung „Frieden“ zwischen Russland und Ukraine warnt die Expertin indes. „Koexistenz“ könne das für die Befindlichkeiten der Gegner passendere Wort sein.

Verhandlungen mit Russland über den Umweg Schlachtfeld? „Frage, ob dieser Fall jemals eintritt“

FR.de: Frau Holper, hinter den Kulissen läuft Ihnen zufolge bereits Diplomatie im Ukraine-Krieg – aber sind denn direkte Verhandlungen mit Russland denkbar? Gibt es dafür Signale aus dem Kreml?
Anne Holper: Da ist natürlich die Kernfrage: Was heißt denn überhaupt „verhandeln“? Verhandeln, mit welchem Ziel? Mit welcher Intention und mit welcher Bereitschaft, sich an mögliche Vereinbarungen zu halten? Das muss man alles mitdenken. Denn das Verhandeln lohnt sich ja eigentlich nur, wenn überhaupt eine Aussicht auf Einhaltung von Vereinbarungen besteht. In den vergangenen Jahren gab es sehr, sehr viele Vereinbarungen, die Russland nicht eingehalten hat. Allein in der Hinsicht muss man skeptisch sein.
Wladimir Putin auf der Kreml-Treppe – was will Russland im Ukraine-Krieg wirklich?
Was die momentane Verhandlungsbereitschaft konkret angeht, würde ich auch sagen: Die ist noch sehr, sehr gering ausgeprägt oder vor allem strategischer Natur –  man sagt, man würde gerne verhandeln, aber nur unter der Bedingung, dass die Maximalforderungen erfüllt werden. Aus verhandlungstheoretischer Sicht ist das gar keine Verhandlungsbereitschaft, sondern die, eine Kapitulation zu akzeptieren. Das ist eine Einengung der Verhandlungszone auf Null, die nur so tut, als wäre da etwas zu verhandeln. Insofern: Aktuell gibt es noch keine öffentlichen Signale.
Aber ist ein Moment denkbar, in dem Verhandlungen greifbar werden? Viele Militärexperten sehen ukrainische Erfolge auf dem Schlachtfeld als Vorbedingung.
Ja, die Unterstützer der Ukraine arbeiten darauf hin, dass ein militärisch hergestelltes Patt, die Chancenlage so verschiebt, dass für beide Seiten am Verhandlungstisch Besseres passieren könnte als auf dem Schlachtfeld. Der mögliche Gewinn durch Verhandlungen muss beidseitig höher bewertet werden, als das auf dem Schlachtfeld Erzielbare. Diesen Punkt echter Verhandlungsreife zu erreichen ist momentan, zumindest aus Sicht der Konfliktforschung, total schwer. Die Frage ist sogar, ob der Fall hier überhaupt jemals eintreten wird. Und bis dahin muss unglaubliche Waffenkraft verpulvert werden und werden unheimlich viele Menschen sterben auf beiden Seiten. Aber man kann dennoch etwas sehen.

Putins Motive im Ukraine-Krieg: „Anerkennung gewaltsam holen“

Was denn?
Man kann zum Beispiel sehen, dass Putin in Nordkorea versucht, eine Art von diplomatischem „Ping-Pong” aufzunehmen. Er stärkt seine Allianzen, er geht in die diplomatische Arbeit. Das bedeutet: Man muss jetzt schauen, was sind Kerninteressen Russlands, – auch wirtschaftliche, innenpolitische – die man über andere Wege als nur in direkten Verhandlungen mit der Ukraine an empfindlichen Stellen diplomatisch anfassen kann. Über China, über die afrikanischen Länder beispielsweise. Auch das Getreideabkommen steht nochmal im Zentrum. Da war bisher am meisten Verhandlungsbereitschaft sichtbar. Das ist im Verhältnis zu den großen geopolitischen Fragen eine sehr kleine Baustelle. Aber es sind eben dennoch ganz harte Interessen Russlands, bei denen auch wechselseitige Abhängigkeit besteht.
Die eigentliche Hoffnung ruht also auf Themen abseits des Kriegsgeschehens?
Ja, hier muss man aber erstmal die ganz grundsätzliche Frage stellen: Wo bieten sich Ansatzpunkte in der Interessenslandschaft auf der russischen Seite, um die Situation auf anderen Wegen als militärisch in den Griff bekommen zu können? Ich glaube, über diese bisher noch nicht genutzten Hebel müssen wir jetzt nachdenken. Das macht aus meiner Sicht vor allem die große Frage auf, inwieweit es um die Ukraine geht – und inwieweit um ein ganz grundsätzliches Anerkennungsinteresse Russlands.
Frieden in der Ukraine über Umwege? Konfliktforscherin und Politikberaterin Anne Holper hält das für möglich.
Sie meinen, es könnte Putin um Anerkennung gehen?
Meine These wäre an dieser Stelle: In jedem Fall möchte Russland als gleichberechtigter Player neben den USA, China und so weiter in einer multipolaren Weltordnung anerkannt sein. Dafür bräuchte es die Eroberung der Ukraine nicht, das ließe sich, zumindest theoretisch, auch anders erreichen. Dafür bräuchte es auch keine Einverleibung anderer Nachbarstaaten. Die Aggression gegen die Ukraine ist – nicht nur, aber auch – ein Mittel zum Zweck um sich diese Anerkennung gewaltsam zu holen.

Russlands „Behaupten“: „In der KGB-Erziehung, die auch Putin genossen hat, sehr tief eingeschrieben“

Angenommen, es ginge Putin um diese Anerkennung: Was würde das für mögliche Strategien des Westens bedeuten?
Man müsste überlegen: In welcher Weise, in welchem Kontext, unter welchen Bedingungen wäre es für den Westen, die USA, et cetera denkbar, diese Anerkennung zu gewähren? Und: Was wäre der Preis? Hier gibt es ebenfalls keine einfachen Lösungen, aber damit hätten wir immerhin schon eine ganz andere geopolitische Problembeschreibung als das von vielen wahrgenommene Dilemma, dass die Souveränität der Ukraine der Preis für Frieden in Europa und auf der Welt zu sein scheint.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow, der als Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus eigene Truppen befehligt. „Putins Bluthund“, der für seinen brutalen Führungsstil im muslimisch geprägten Tschetschenien bekannt ist, tat sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als einer der glühendsten Kriegsbefürworter hervor. Mehrfach kritisierte er nach russischen Niederlagen die militärische Führung seines Landes scharf und forderte weitreichende Konsequenzen. © Yelena Afonina/imago
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte, das Mindestalter für die Wahl des tschetschenischen Oberhaupts. Im März 2015 erhielt Kadyrow den russischen Orden der Ehre. Kadyrows diktatorische Amtsführung ist geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und einem ausufernden Personenkult. Seit Oktober 2022 ist er darüber hinaus Generaloberst der russischen Streitkräfte. © Yelena Afonina/imago
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“. Seit März 2004 im Amt, verteidigt Lawrow seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder die Behauptung, dass Russland die Ukraine von den dort regierenden Nazis befreien zu wollen. Anfang Mai 2022 versuchte Lawrow im italienischen Fernsehen das Argument zu entkräften, als Jude könne der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kein Nazi sein: „Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“ © Imago
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland. „Wenn wir über das sprechen, was in der Ukraine vorgeht, so ist das kein hybrider, sondern schon fast ein richtiger Krieg, den der Westen lange gegen Russland vorbereitet hat“, sagte Lawrow während einer Afrika-Reise im Januar 2023, die ihn u. a. auch nach Angola führte. Der Westen wolle alles Russische zerstören, von der Sprache bis zur Kultur, so Lawrow. © Imago
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten.
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten. Der Gefolgsmann des russischen Präsidenten war von 2008 bis 2012 Präsident Russlands und anschließend bis 2020 Ministerpräsident der Russischen Föderation. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs macht Medwedew, inzwischen Vizechef des russischen Sicherheitsrates, ein ums andere Mal mit Verschwörungserzählungen und martialischen Äußerungen über die Ukraine und den Westen auf sich aufmerksam. Unter anderem drohte er mit dem „Verschwinden der Ukraine von der Landkarte“. © Artyom Geodakyan/imago
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt.
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt. Gerne droht der Vizechef des russischen Sicherheitsrates den Nato-Staaten mit einem Angriff oder gar mit Atomschlägen. Im Sommer 2022 bezeichnete er die Regierung in Kiew als „vereinzelte Missgeburten, die sich selbst als ‚ukrainische Regierung‘ bezeichnen“, die US-Regierung waren für ihn „Puppenspieler jenseits des Ozeans mit deutlichen Anzeichen senilen Wahnsinns“. Ende 2022 versuchte er sich als Prophet für das Jahr 2023: In Deutschland entsteht demnach ein „Viertes Reich“, die EU zerfällt, in den USA bricht ein Bürgerkrieg aus. © Yekaterina Shtukina/imago
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren.
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren. © Sergei Ilnitsky/AFP
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“.
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“. Die frühere Spitzensportlerin galt in der Rhythmischen Sportgymnastik jahrelang als Nonplusultra. Ihre Erfolge (Olympiagold 2004 in Athen, neun WM- sowie 15 EM-Titel) sprechen für sich. Von 2007 bis 2014 war sie Abgeordnete der Russischen Staatsduma für die Partei „Einiges Russland“, seit September 2014 ist sie Vorsitzende des Verwaltungsrates der Nationalen Mediengruppe (NMG). Sie gilt Medienberichten zufolge als Geliebte des russischen Präsidenten und soll mit diesem mehrere Kinder haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. © Imago
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten.
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten. Eine offizielle Bestätigung aus Russland hat es aber nie gegeben. Der britischen Regierung zufolge steht sie „in enger persönlicher Beziehung zu Putin“. Kabajewa soll mehrere Kinder von Putin haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. 2015 soll sie in Lugano Zwillinge zur Welt gebracht haben, andere Quellen berichten von einer Geburt eines Jungen im Kanton Tessin und einer weiteren Geburt eines Sohnes in Moskau. Gesichert ist, dass Kabajewa nach 2015 für einige Jahre aus dem öffentlichen Rampenlicht verschwand und auch heute nur äußerst selten öffentlich auftritt. © Valery Sharifulin/imago
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg.
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg. Seine seit 2012 im Sender Rossija 1 ausgestrahlte politische Talkshow „Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ gilt als vielleicht wichtigste innerrussischen Propagandasendung. Im Dezember 2022 drohte er dort zahlreichen europäischen Ländern mit militärischen Interventionen, weil diese die Ukraine unterstützen würden und Teil des europäischen Nazismus seien. Auch forderte er wiederholt den Einsatz von russischen Atombomben gegen Nato-Staaten. Im April 2022 bezeichnete er die Massaker von Butscha sowie Srebrenica als inszeniert. © Sergei Karpukhin/imago
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut, beschimpft die deutsche Regierung, streut deutsche Wörter ein und imitiert dabei eine schroffe Nazi-Aussprache. Einmal bezeichnete er Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) als „Miss Ribbentrop“. Joachim von Ribbentrop war deutscher Außenminister unter Adolf Hitler, den Solowjow im Februar 2021 in seiner Sendung einmal als „sehr mutigen Menschen“ und „tapferen Soldaten“ bezeichnet hatte. Von seiner 2014 geäußerten Meinung, „Gott verbietet, dass die Krim nach Russland zurückkehrt“, hat er sich nach dem Euromaidan, der Revolution der Würde, schnell distanziert. © Artyom Geodakyan/imago
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet. Schon in den 1970er Jahren war Alexander Bortnikow zeitgleich mit Putin in St. Petersburg für den KGB im Einsatz. Putin, der einst selbst Direktor des FSB war, ernannte ihn im Mai 2008 zum Chef des Geheimdienstes und sicherte sich so maximalen Einfluss. Es gilt als gesichert, dass Putin auch als Präsident entscheidende Befehle selbst übermittelt.  © Alexei Druzhinin/imago
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken.
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken. Ein Beispiel ist der Anschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny, der nach Angaben des Recherchekollektivs Bellingcat zuvor monatelang von FSB-Agenten verfolgt worden war. Unter Bortnikow wurde die Macht des FSB durch mehrere Reformen immer stärker ausgeweitet. Zudem soll der FSB die prorussischen Separatisten im Osten des Landes unterstützt haben. Nach der Annexion der Halbinsel Krim ging der FSB gegen Medien und Kultur vor. © Mikhail Metzel/imago
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne.
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne. In Schoigus Amtszeit fallen zunächst die militärische Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine, die Annexion der Krim 2014 sowie das Eingreifen Russlands in den syrischen Bürgerkrieg aufseiten des Assad-Regimes. Wegen der Intervention zugunsten der Separatisten im Donbass eröffnete die Ukraine 2014 ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ihn. Seit Februar befehligt Schoigu als Verteidigungsminister die russischen Truppen im Ukraine-Krieg. © Pavel Golovkin/dpa
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng.
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng. So verbringt er regelmäßig seinen Sommerurlaub zusammen mit dem russischen Präsidenten im südsibirischen Tuwa – Schoigus Heimatregion, wo sich die beiden, wie hier im Jahr 2017, auch schon mal ein Sonnenbad in einer Pause vom Angeln gönnen. Ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist offen. So wies das „Institute for the Study of War“ in einem Bericht im Herbst 2022 darauf hin, dass Putin Schoigu für die Fehler im Ukraine-Krieg verantwortlich macht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Putin seinen Vertrauten doch noch zum Sündenbock macht.  © Alexei Nikolsky/dpa
Russia s First Deputy Prime Minister Andrei Belousov
Schoigus Nachfolger soll der bisherige Vize-Regierungschef Andrej Beloussow werden. Die militärische Komponente im Verteidigungsministerium bleibe auch nach der Ernennung Beloussows unverändert. „Heute gewinnt auf dem Schlachtfeld derjenige, der offener für Innovationen und deren Umsetzung ist“, erklärte Kremlsprecher Peskow Putins Entscheidung für einen Zivilisten an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Beloussow sei nicht nur Zivilbeamter, sondern habe auch viele Jahre erfolgreich in der Politik gearbeitet und Putin in Wirtschaftsfragen beraten. © IMAGO/Alexander Astafyev
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kirill I. bekannt.
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kyrill I. bekannt. Bürgerlich heißt der Patriarch allerdings Wladimir Gundjajew – und hat eine bewegte Vergangenheit. Unter dem Decknamen „Michailow“ hat er laut dem schweizerischen Bundesarchiv in den 1970er Jahren in Genf als Agent für den früheren sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB gearbeitet. Diese Vergangenheit verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. © Sergei Chirikov/dpa
Seit Februar 2009 ist Gunjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Seit Februar 2009 ist Gundjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er gilt als enger Verbündeter Putins, dessen Regentschaft er im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ bezeichnete. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs fällt er zunehmend durch Hasspredigten auf. Einmal bezeichnete er die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“, zudem sprach er der Ukraine ihr Existenzrecht ab. Verbal lässt Kyrill I., anders als im April 2017 in Moskau, jedenfalls keine Tauben fliegen.  © Alexander Zemlianichenko/dpa
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden.
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden. Dugin, der viele Bücher geschrieben hat, gilt als antiwestlicher Hassprediger und Kämpfer für die Idee einer slawischen Supermacht. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ sprach er sich gegen die Ukraine als souveränen Staat aus. Kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurde diese Rhetorik aufgegriffen, als Putin das ukrainische Staatsgebiet in einem Aufsatz infrage stellte. © Kirill Kudryavtsev/afp
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat. Größere Bekanntheit erlangte er in den 1990er Jahren, als er über Radio und Fernsehen seine Ideologie verbreitete. Zugleich war Dugin auch Mitglied von esoterischen und okkulten Zirkeln. Unklar ist, wie nahe Dugin dem russischen Präsidenten steht. Putins Äußerungen geben aber oft die Rhetorik Dugins wider. Als Beispiel sei das Konzept „Noworossija“ („Neurussland“) geannnt, das Russland benutzt hat, um die Krim-Annexion zu rechtfertigen. Damals gab Dugin in einem Interview auch unmissverständlich kund, wie nun vorzugehen sei: „Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor.“ © afp
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew.
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew. Der Sekretär des russischen Sicherheitsrates war lange Jahre Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und gilt als radikaler, europafeindlicher Hardliner. Patruschew verbindet viel mit Putin: Sie sind etwa gleich alt, beide kommen aus dem heutigen Sankt Petersburg, vor allem aber entstammen sie beide dem sowjetischen Geheimdienst KGB. Patruschew wird als engster Vertrauter Putins wahrgenommen und soll von diesem zu seinem Stellvertreter für den Fall einer zeitweiligen Verhinderung der Amtsausübung erkoren worden sein © Zubair Bairakov/imago
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben.
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben. Im Herbst 2021 bezeichnete er die Ukrainerinnen und Ukrainer als „Nicht-Menschen“. Noch Ende Januar 2022 bestritt er jede Kriegsabsicht Russlands als „komplette Absurdität“. Ende Februar 2022 beschuldigte er in einem Manifest die USA und die EU, in der Ukraine eine „Ideologie des Neonazismus“ zu unterstützen.  © Aram Nersesyan/imago
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt.
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges warf er den USA und anderen westlichen Staaten vor, Russland zerstören zu wollen: „Die Masken sind gefallen. Der Westen will Russland nicht nur mit einem neuen Eisernen Vorhang umgeben“, zitierte der SWR Anfang März 2022 seinen Chef. „Wir reden über Versuche, unseren Staat zu zerstören, über seine ‚Annullierung‘, wie heutzutage in einem ‚toleranten‘ liberal-faschistischen Umfeld gesagt wird.“ Naryschkin gehörte zu jenen, die schon damals behaupteten, zwischen Russland und dem Westen tobe ein „heißer Krieg“. © Alexander Zemlianichenko/dpa
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten.
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten. Der SWR-Chef sprach sich damals versehentlich für eine russische Einverleibung der Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus. Putin korrigierte ihn bei der im Staatsfernsehen übertragenen Sitzung und betonte, dass die Frage nicht gestellt sei. „Wir sprechen über die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit oder nicht“, kanzelte Putin den SWR-Chef ab. © Valery Sharifulin/imago
Zu den engsten Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählt der russische Unternehmer Jewgeni Prigoschin.
Zu den engsten Vertrauten Wladimir Putins zählte Jewgeni Prigoschin. Russlands Präsident und der erfolgreiche Geschäftsmann kannten sich lange. Als Putin noch KGB-Offizier war und in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb trug der in den chaotischen 1990er Jahren in Russland zu Reichtum gekommene 61-Jährige den Beinamen „Putins Koch“. Auch wegen Raubes saß er in Haft.  © Mikhail Metzel/imago
Inzwischen ist Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet.
Lange war Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet. Putin ließ ihn lange schalten und walten, als hätte diese Schattenarmee, eine paramilitärische Organisation mit vielen verurteilten Verbrechern, längst das Zepter der Macht in der Hand. Vom 23 bis 24. Juni 2023 kam es zu einem Aufstand der Wagner-Gruppe in Russland. Danach bezeichnete ihn Putin als „Verräter“. Am 23. August 2023 kam Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. © Vyacheslav Prokofyev/imago
Mit der Frage nach den russischen Anerkennungsinteressen könnte man das Framing der Aushandlung also so verändern, dass man irgendwann nicht mehr nur oder nicht isoliert über die russische Aggression gegen die Ukraine debattiert, sondern dass man sich im Grunde fragt: „Worum geht es eigentlich aus Sicht von Putins Russland auch und/oder eigentlich, und unter welchen Bedingungen müsste es entsprechend keinen Krieg gegen die Ukraine führen?“ Das heißt keineswegs, dass man bereit wäre, diese Interessen zu erfüllen. Aber dass man nach Mitteln Ausschau hält,  über die man selbst verfügt – die Ukraine ist ja ein souveränes Land und keine „Verfügungsmasse“ – und die einen geringeren Preis kosten.
Das klingt noch recht abstrakt. Lassen sich diese „Mittel“ etwas näher beschreiben?
Letztlich geht es um „einen Platz am geopolitischen Tisch“ im Sinne von El-Mafaalanis Teilhabe-Metapher: Wenn man historisch zurückdenkt, gab es etwa internationale Konferenzen um die Frage „Wie teilen wir uns die Einflusssphären auf“? Bekommen wir eine kooperative Koexistenz in der Welt hin – das war die Helsinki-Konferenz 1975 – oder regeln wir das in einer offenen Konkurrenz um Einfluss- und Machtbereiche? Das war Jalta 1945. Und ich glaube, dass die vielen system-inkompatiblen De-facto-Weltmächte von heute dahin wieder eine solche globale Augenhöhe brauchen, die authentisch frei von westlichen Überlegenheitsannahmen ist. Erst dann wird man sich wieder auf minimale Nichtangriffspakte einigen können.
Putin beruft sich gerne auf die Historie – und auch auf die Größe der Sowjetunion.
Ja, Historiker beschreiben es oft als „Trauma“ von Russland, mit dem Zerfall der Sowjetunion aus der Riege dieser anerkannten Weltmächte ausgeschlossen worden zu sein. Das Sich-in-aller-Härte-Behaupten gegen diese Demütigung soll in der KGB-Schule, aus der auch Herr Putin kommt, sehr tief eingeschrieben gewesen sein. Wenn das stimmt, geht es um die Wiederherstellung dieses Selbstwertes als eine von mehreren Weltmächten, die auf Augenhöhe mit den anderen – sei es im Sinne von Jalta oder Helsinki – aus souveräner, voll respektierter Position verhandelt. Man muss sich also überlegen, ob man Russland diese Stellung, diesen Status, in irgendeiner für uns akzeptablen Form wieder geben kann und möchte.

Russland auf der Weltbühne: „USA müssen lernen, Selbsteinhegung zu ertragen“ – ohne Folgen für Ukraine

Und, sollte man das?
... de facto, das muss ich als Konfliktforscherin sagen, hat Russland diesen Status jedenfalls in der Praxis längst wieder. Das ist das Absurde an dem Ganzen. Es kostet aber viel, diesen Status politisch und symbolisch anzuerkennen und zu stabilisieren. Hier dürfen auch keine faulen Kompromisse mit Blick auf die vielen völkerrechtlichen und moralischen Verbrechen im russischen Angriffskrieg gemacht werden – die sind explizit zu verurteilen. Aber geopolitisch, denke ich, können wir es wagen, die konkreten Anerkennungsinteressen Russlands genauer zu studieren. Beziehungsweise: Wir müssen das einfach tun, weil die Welt ohnehin längst nicht mehr unipolar ist. China und dann auch Russland haben sich so aufgestellt, dass die USA keine Vormachtstellung mehr haben. Es muss nur noch anerkannt werden. Und es muss gewagt werden, den Gewinn daraus für eine militärische Einhegung Russlands zu nutzen.
Wie sähe das praktisch aus?
Die USA müssen lernen, dafür eine Art von politischer Selbsteinhegung zu ertragen. So ein sogenannter Cross-Deal – „politische Einhegung der USA für militärische Einhegung Russlands“ – ist allerdings das, was dort am wenigsten gewollt und jetzt gerade möglich ist,  – auch mit Blick auf Donald Trump. Aber es steht geopolitisch jetzt an. Es gilt also, gute innenpolitische Narrative dafür anzulegen.
Selbsteinhegung ist ein interessantes Stichwort. Wenn man es weiterdenkt: Würde das nicht auch die Selbstbestimmung der Ukraine untergraben, die ja in die Nato möchte – also in den Machtbereich der USA?
Mit der „Selbsteinhegung” meine ich tatsächlich nur die USA. Eigentlich ist jedem klar, dass die USA die Vormachtstellung nicht mehr innehaben. Aber die Rollenklärung muss eben noch vollzogen werden, symbolisch und auch rein technisch. Das hat auf die Souveränität der Ukraine erstmal keinen zwingenden Einfluss. Bis zu den Istanbul-Verhandlungen 2022 stand ja noch im Raum, ob die Ukraine ein neutraler Staat werden könnte. Das ist aus ukrainischer Sicht jetzt aber nicht mehr denkbar. Jetzt zurückzufallen in eine Neutralität oder auf eine freiwillige Zusage der Bündnisfreiheit – warum sollte die Ukraine das tun? Auf welcher Vertrauensgrundlage, gegenüber Russland? Mit Blick auf solche Cross-Deals kann es jetzt nur noch um die USA als Gegenspieler zu Russland, China und Iran gehen.

Wie kann der Ukraine-Krieg enden? „Würde nicht mit ‚Frieden‘ als Ambition arbeiten“

Zum Abschluss der Ausblick: All das Geschilderte klingt nach den sprichwörtlichen dicken Brettern – und nach einem langen Weg bis zum Frieden in der Ukraine.
Ja, das dauert sicherlich noch lange. Und ich würde auch nicht mit „Frieden“ als Ambition arbeiten – sondern eher mit „Koexistenz“. Als Begriff dafür, dass „man auf dieser einen Welt halt miteinander auskommen muss“. Jetzt von Frieden zu sprechen, hängt die Latte zu hoch.
Warum spielt denn just das eigentlich so positive Wort „Frieden“ so eine polarisierende Rolle?
Das überfordert den Pragmatismus, auch den der Ukraine und Russlands, sich auf so etwas einzulassen. Denn hinter dem notwendigen Pragmatismus ist es eine extrem emotionale Angelegenheit. Auf beiden Seiten fühlt sich ein kollektives Ich auf unerträgliche Weise negiert, wenn man zu früh von Frieden redet. Weil man denkt: „Ja, ihr wollt jetzt eure Ruhe haben da drüben, stabile wirtschaftliche Verhältnisse – aber für uns geht es um unsere Existenz und Gerechtigkeit.“ Das klingt paradox für uns, weil wir denken, Frieden ist doch das Überleben. Aber viele Menschen auf beiden Seiten sehen das nicht so. Deshalb ist es besser, die Zielambitionen abzuschwächen. Dann kommt man dem näher, was tatsächlich möglich ist. (Interview: Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Vyacheslav Prokofyev

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