Zwei Jahre Ukraine-Krieg

Krieg in der Ukraine: „Putin ist ein Gefangener seiner Ideologie“

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Gute Geschäfte für das Imperium: Wladimir Putin besucht im Februar Uralvagonzavod, die wichtigste Panzerfabrik Russlands im Ural.
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Der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel über den Fluch Russlands, die mangelnde Einsicht im Westen und die weitere Bedrohung durch Putin im Falle einer ukrainischen Niederlage.

Herr Schulze Wessel, wie ordnen Sie den Tod Nawalnys ein?
Nawalny war die überragende, charismatische Gestalt der Opposition gegen Putins Regime. Selbst im Gefängnis, weit entfernt im Polarkreis, stellte er aus dessen Sicht noch eine Gefahr dar. Nawalny starb an den bewusst herbeigeführten Umständen seiner Lagerhaft, vielleicht auch durch kaltblütig verübten Mord. Verantwortlich für den Tod ist Putin.
Im Westen gibt es Stimmen, die Nawalny nationalistische Äußerungen aus den Nullerjahren vorwerfen, zum Beispiel, dass er die Ukraine nicht als eigenständige Nation betrachtete.
Aber Nawalny hat sich korrigiert, 2022 protestierte er gegen den russischen Krieg gegen die Ukraine; wirklicher Frieden, so Nawalny, könne nur durch die Niederlage der russischen Armee und die Überwindung des „imperialen Autoritarismus“ erreicht werden. Nawalny war nicht nur ein Streiter für Demokratie und Rechtsstaat in Russland, sondern seit 2022 kämpfte er auch für ein Ende der imperialen russischen Ansprüche und Aggressionen.

Hat der Ukraine-Krieg nach zwei Jahren einen Wendepunkt erreicht?

Der Krieg tobt jetzt zwei Jahre in der Ukraine. Ist er an einem Wendepunkt, auch weil die Unterstützung der USA immer fraglicher wird?
Das erste Kriegsjahr stand ja unter dem Vorzeichen, dass Russland die Erwartung hatte, ihn in einer Art Blitzkrieg zu gewinnen, und die Ukraine sich erstaunlicherweise sehr erfolgreich dagegen gewehrt hat. Das zweite Kriegsjahr war durch die Erwartung der Ukraine gekennzeichnet, eine erfolgreiche Sommeroffensive zu betreiben. Die Ukraine hat Fortschritte erzielt, wenn man an die Erfolge im Schwarzen Meer denkt, aber nicht in dem Maße, in dem man es sich gewünscht hat. Russland hat es verstanden, seine Rüstungsindustrie auszubauen und seine Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Zurzeit hat Russland auf dem Schlachtfeld wieder die Oberhand gewonnen und versucht, Orte wie jüngst die ukrainische Kleinstadt Awdijiwka einzunehmen. Insofern sind wir in einer kritischen Situation auf dem Schlachtfeld. Leider muss man feststellen, dass die westlichen Mächte ihre Zeit nicht ausreichend genutzt haben, um die Produktion von Munition und Waffen langfristig auf eine breitere Basis zu stellen. Die Ukraine kämpft mit dem Rücken zur Wand. Das macht die ganze Problematik der jetzigen Situation aus.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp
Sie schreiben in Ihrem Buch: „Die Aufgabe Russlands ist es in den Augen von Bevölkerung und Elite, einen Großmacht-Status zu wahren.“ Sie bezeichnen das als „Fluch des Imperiums“. Dabei schlägt man sich in Russland damit derzeit doch ganz gut.
Dieses Modell des imperialen Denkens ist problematisch und auch verwerflich, weil das ganze innere System darauf aufbaut, dass nach außen expandiert, zumindest ein Großmachtstatus gewahrt werden kann. Das heißt, die russische Gesellschaft ist nicht auf eine Mehrung des Wohlstandes und natürlich nicht auf Freiheit hin angelegt, sondern auf Ziele, die im wohlverstandenen Sinne nicht die der Bevölkerung sind, wenn man einmal annimmt, dass eigentlich jeder Mensch in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand leben will. Es gelingt aber mit einem bestimmten Diskurs, der von der Staatsmacht vor allem über das Fernsehen gefördert wird, permanent das Gefühl zu erzeugen, dass der Krieg gegen die Ukraine im existenziellen Interesse Russlands liege. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Interesse von Macht- und Wirtschaftseliten im Umkreis Putins.
Putin folgt einer imperialen Idee, sagen Sie. Glaubt er da selbst dran – oder ist das nur Opium fürs Volk?
Nein, ich glaube nicht, dass man solche Diskurse nur instrumentell verstehen kann. Natürlich bedient sich Putin auch dieses Diskurses, wenn er etwa behauptet, dass die ukrainische Führung nur aus Nazis bestünde. Aber an die Grundlagen dieses Diskurses glaubt er selbst, er ist Gefangener einer bestimmten Ideologie, die er seinerseits als Machttechnik einsetzt.
Was könnte einen Sinneswandel herbeiführen? Etwa eine komplette Niederlage – die dann ja auch den Revanche-Gedanken stärken könnte?
An eine komplette Niederlage in dem Sinne, dass ukrainische Truppen auf russisches Gebiet vordringen, denkt ja niemand. Eine Niederlage, wie Deutschland sie 1945 erlebt hat, steht gar nicht zur Diskussion. Die einzige Chance für einen Sinneswandel im Kreml besteht, wenn Putin die Aussichtslosigkeit seines Krieges erkennt. Putin lenkt ein, wenn er sieht, dass sein Gegner mit einem klar definierten Ziel und überlegenen Mitteln operiert. Das ist der einzige Weg, der zu einem dauerhaften Frieden führt. Wenn Putin befürchten muss, dass er die gesamten Eroberungen der Ukraine verlieren wird, dann wird er zu Friedensgesprächen bereit sein. Solange ihm weitere Eroberungen winken oder er sich von dem Gedanken hinreißen lassen kann, dass er die gesamte westliche Sicherheitsarchitektur erschüttern kann, wird er keinen Gedanken an einen Waffenstillstand verschwenden.

Was die Folgen eines Sieges von Putins Russland im Ukraine-Krieg sein könnten

Hat die Annahme, dass Russland nach dem Krieg in der Ukraine weitere Kriege anzettelt, nicht nur einen Wahrscheinlichkeitscharakter? Es kann sein – oder auch nicht. Ist das nur politische Rhetorik oder das, was man befürchten muss?
Es wäre eine Illusion zu denken, dass der Westen mit einem von Putin diktierten Frieden gut leben könnte. Die Folgen eines Sieges von Putins Russland muss man sich ganz klar vor Augen führen; das geschieht in der deutschen Öffentlichkeit und Politik noch viel zu wenig. In den Gebieten, in denen Russland dann herrscht, werden Bevölkerungsdeportationen folgen, es gibt schon jetzt „Filtrationslager“. Es werden umgekehrt Russen angesiedelt werden. Dieser Krieg hat auch die Dimension des „ethnic cleansing“, der ethnischen Säuberung. Das wird im Falle eines russischen Sieges in einem Maße deutlich werden, wie wir es bislang nur ansatzweise kennen. Eine andere Folge des Krieges betrifft den Westen selbst.
Was haben Sie da vor Augen?
Das Sicherheitsversprechen von Artikel 5 der Nato-Grundakte wird dann sehr viel weniger plausibel sein und an Glaubwürdigkeit verlieren. Man muss sich nur vorstellen, dass Russland nach fünf Jahren einen der baltischen Staaten angreifen würde. Ist es glaubhaft, dass dann die Nato an einem Ort, der logistisch für sie schwer zu erreichen ist, Krieg führt, um baltische Territorien wieder von Russland zu befreien? Eine Niederlage des Westens in der Ukraine hätte gravierendere psychologische Auswirkungen als der überstürzte Rückzug aus Afghanistan. Er würde die Abschreckungsfähigkeit des westlichen Bündnisses untergraben. Nicht vergessen darf man auch, dass die Bundeswehr derzeit weitgehend „nackt“ dasteht, was die Landesverteidigung angeht. Diese Bundeswehr würde in fünf Jahren einem hochgerüsteten und auch sehr kriegserfahrenen Russland gegenüberstehen. Wenn jetzt nicht alle Hebel in der Rüstungspolitik umgelegt werden, droht Deutschland erpressbar zu werden.

Krieg in der Ukraine

Am 24. Februar 2022 begann der russische Überfall auf die gesamte Ukraine. Ein Ende des Kriegs ist nicht abzusehen. Die Frankfurter Rundschau zieht eine Bilanz des Schreckens.

Jeder Tag Krieg ist einer zu viel: Mit jedem Menschen, der sein Leben verliert, stirbt die Menschlichkeit. Ein Leitartikel von Karin Dalka.

Zwei Jahre Krieg, viele Jahre Vorlauf - eine kommentierende Zeittafel zur Entwicklung in der Ukraine.

Der Krieg gegen die Ukraine fordert Europa – nicht nur verteidigungspolitisch. Eine Analyse von Andreas Schwarzkopf.

Wie weit ist der Weg zum Frieden? In der FR-Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine nach Antworten auf viele drängende Fragen. Ein Überblick von Pitt von Bebenburg.

Tun, als gäbe es keine Ukraine: Moskau redet nicht über tote Bekannte, über Wladimir Putin oder Raketenangriffe. Zwei Jahre nach Beginn der „Kriegsspezialoperation“ tun die meisten in Russland so, als gäbe es keine Ukraine. Eine persönliche Betrachtung von Korrespondent Stefan Scholl.

Die Russen stehen vor New York: Ein ukrainisches Städtchen mit einem merkwürdigen Namen sehr nahe der Front. Dort paart sich das Elend der Sowjetzeit mit dem des Krieges. Von Till Mayer.

In Deutschland statt an der Front: Zehntausende Männer aus Russland und der Ukraine verweigern den Kriegsdienst – aber nicht viele bekommen hier Schutz. Von Pitt von Bebenburg.

„Die Nachrichten holen uns immer wieder ein“: Alina Khimich ist mit Familie aus Kiew nach Frankfurt geflüchtet. Sie und ihre Tochter vermissen ihr Heimatland nicht mehr und planen ihr Leben in Deutschland. Aber sie ist verzweifelt, weil ihr Freund jetzt in den Krieg ziehen soll. Von Kathrin Rosendorff.

Das „elegante“ Recht auf Enteignung: Im Westen wird nach juristischen Wegen gesucht, Russlands Staatsschatz an die Ukraine zu geben. Die USA zeigen sich darin besonders innovativ – und forsch. Von Stephan Kaufmann.

Garantiert sicher – wie in der Sowjetunion: Russlands kriegstüchtige Wirtschaft bröckelt an allen anderen zivilen Ecken und Enden. Von Stefan Scholl.

„Am Ende bleibt uns nichts als durchzuhalten“: Leben mit dem Krieg bedeutet gegen alle Evidenz hoffen auf den Frieden. Der Alltag von Menschen ohne Alternativen. Von Denis Trubetskoy.

Das heißt?
Mein Fazit ist, dass es die einzig sinnvolle Politik ist, die Ukraine jetzt mit allen Mitteln zur Verteidigung ihres Landes fähig zu machen.

Wie Putin nach zwei Jahren Ukraine-Krieg einzuordnen ist

Ist Putin nach zwei Jahren Krieg noch der kühl kalkulierende Rationalist oder Machiavellist?
Er folgt einer eigenen Rationalität, die nicht die unsrige ist. Es ist ein Fehler, unser Mindset auf Putin zu übertragen und auf dieser Grundlage Spekulationen darüber anzustellen, was er machen wird. Putin tickt anders. Das betrifft schon den Angriff auf die Ukraine selbst. Der Angriff ist ja von den meisten Militärexperten für unwahrscheinlich erklärt worden, weil das, was Putin gewinnen kann, in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Verlusten steht, die die russische Gesellschaft erleidet. Aber wenn einem das Schicksal der eigenen Bevölkerung, die langfristige Wirtschaftsentwicklung und der internationale Prestige-Verlust egal sind, was bei Putin der Fall ist, ist der Angriff durchaus rational gewesen. Putin ist von Anfang an der hochriskant spielende Aggressor gewesen. Dieser Grundzug hat sich verstärkt. Grundsätzlich kann man sagen, dass Politiker, die einen Krieg führen, nicht mehr dieselben sind, die den Krieg begonnen haben. Inzwischen kann Putin bilanzieren, dass er ein sehr hohes Risiko eingegangen ist und sich die russische Armee inzwischen stabilisiert hat. Und nun winkt aus seiner Sicht nicht nur die Zerschlagung der Ukraine, sondern auch die Destabilisierung des Westens. Das bewirkt eine starke Bekräftigung seines aggressiven Mindsets. Wenn man heute meint, dass man mit Putin einfach einen Deal schließen könne, ist das viel stärker von Illusionen geprägt, als es im zweiten oder dritten Kriegsmonat der Fall gewesen ist.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Wie stabil sind Russland und Putins Herrschaft?
Systeme, die auf Expansion und Imperialismus beruhen, stehen immer auf tönernen Füßen. Aber im Moment hat Putins Regime sich stabilisiert. Es gibt keine Anzeichen für einen Widerstand in der Gesellschaft oder für eine Spaltung der Eliten, wofür die Meuterei von Prigoschin ein Anzeichen war. Dass sich so eine Meuterei wiederholt, ist im Moment nicht zu erwarten.
Unter welchen Umständen ändert sich in Russland die Herrschaft? War es nicht fast immer von Revolution, Krieg oder Gewalt begleitet?
Es sind immer Niederlagen gewesen, die neue Fenster geöffnet haben. Der Krim-Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist das beste Beispiel dafür. Da standen die Westmächte, Frankreich und England, auf der einen Seite und Russland auf der anderen Seite sich gegenüber. Es ging um die Frage der Hegemonie im Schwarzen Meer und in Südosteuropa. Diesen Abnutzungskrieg hat Russland verloren. In diesem Krieg sind auch die europäischen Öffentlichkeiten erstmals mobilisiert worden; insofern gibt es mehr als eine Parallele zu der Situation heute. Russland hat sich am Ende zurückziehen müssen. Die Bestimmungen der neuen Friedensordnung waren nicht sehr einschneidend für Russland, aber es handelte sich um eine symbolische Niederlage für den Zaren, der Russland im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts geprägt hat, nämlich Nikolaus I. Danach begann unter Alexander II. eine Reformepoche.
Wie machte sich das bemerkbar?
Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft und es gab in allen gesellschaftlichen Bereichen Neuerungen: Das Justizwesen wurde reformiert, partizipative Elemente wurden in Städte- und Landesordnungen eingeführt. Kriegsniederlagen können von den Verlierern verschieden genutzt werden. Wolfgang Schivelbusch hat den Begriff von der „Kultur der Niederlage“ geprägt. In Deutschland hat sich nach dem Ersten Weltkrieg eine ausgesprochen negative Kultur entwickelt. Man kam psychologisch über den Verlust und die Demütigung nicht hinweg und sann nach Revanche und Revision. Russland nach dem Krim-Krieg ist eher ein Beispiel für eine positive Kultur der Niederlage, in der die Zäsur für einen gesellschaftlichen Neuanfang genutzt wurde. Im Hinblick auf die Entwicklung von nationalen und imperialen Diskursen war die Zeit nach dem Krim-Krieg allerdings in Russland problematisch.
Martin Schulze Wessel, geboren 1962, ist Professor für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an Münchens Ludwig-Maximilians-Universität sowie Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 2012 bis 2016 war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.

Warum Russland in Europa immer eine Sonderrolle eingenommen hat

Es gab starke Verbindungen nach Europa wie durch die „deutsche“ Zarin Katharina die Große. Warum spielte Russland dennoch in Europa immer eine Sonderrolle?
Ja, es gab seit dem 18. Jahrhundert viele Verbindungen Russlands mit Europa, besonders zu den deutschen Territorialstaaten, und dynastische Verknüpfungen spielten dabei eine große Rolle. Katharina II. hat programmatisch formuliert, dass Russland eine europäische Macht sei. Russland war nicht einfach ein Fremdkörper in Europa. Es war ein Teil des europäischen Staatensystems des 19. Jahrhunderts. Was die Rolle Russlands allerdings schon im 19. Jahrhundert überschattet hat, war der Anspruch des Zarenreichs, über Ost-Mittel-Europa eine direkte oder hegemoniale Herrschaft auszuüben. Polen war am Ende des 18. Jahrhunderts von Russland, Preußen und der Habsburgermonarchie geteilt worden. Daran wollte man in Sankt Petersburg, aber auch in Berlin und Wien, unbedingt festhalten. In Russland wie in Deutschland hat die antipolnische Festlegung im 19. Jahrhundert auch die eigene Kultur in einem antipolnischen Sinne geprägt. In Russland ist dieser Komplex seit den 1860er Jahren auf die Ukraine übertragen worden.
Wirkt das heute nach?
Die deutsch-russische Übereinstimmung bezüglich der hegemonialen Kontrolle von Ost-Mittel-Europa ist bei der Nordstream-2-Frage noch einmal als Motiv aufgetaucht. Es handelte sich keineswegs nur um ein wirtschaftliches Projekt, sondern das Ziel war für Russland auch die geopolitische Umgehung der Ukraine. Für den Kreml ging es auch darum, die Lieferwege für russisches Gas bis zu den Endverbrauchern in Deutschland zu kontrollieren. Dass Deutschland dabei mitgemacht hat, war ein großer strategischer Fehler. Die Rolle Gerhard Schröders, der als Bundeskanzler die entsprechenden Weichen gestellt hat, von denen er dann später als Privatperson pekuniär Profit gezogen hat, ist in einem Maße skandalös, das in Deutschland immer noch nicht ganz verstanden worden ist.
Was hätte man in den vergangenen 20 Jahren anders machen sollen im Umgang mit Russland und der Ukraine?
Die deutsche Russland-Politik ist von bestimmten Überzeugungen geprägt gewesen, dass es Logiken gibt, die wie von selbst zum gegenseitigen Nutzen funktionieren: Handel führe zu gegenseitiger engerer Verflechtung. Wenn man sich von Russland abhängig mache, erzeuge man im beiderseitigen Interesse eine gegenseitige Abhängigkeit. Formeln wie „Annäherung durch Verflechtung“ suggerierten, dass es eine unsichtbare Hand gebe, die in eine positive Richtung von Wohlstand und Sicherheit wirke. Nur vor diesem Hintergrund ist es zu erklären, dass die Bundesregierung wie auch die Regierungen vieler anderer europäischer Länder die Fähigkeit zur Landesverteidigung immer weiter reduzierten. Das Versäumnis der deutschen Politik seit 1991 besteht darin, die Entwicklung Russlands unter Putin nicht hinreichend beobachtet und gegen vorliegende Evidenz allzu lange an Formeln wie „Annäherung durch Verflechtung“ festgehalten zu haben.

Interview: Michael Hesse

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