Teil 1 des FR.de-Interviews

Seltener Einblick in Russland-Ukraine-Diplomatie: „Viele Akteure sind schon aktiv – aber im Stillen“

  • schließen

Sprechen im Ukraine-Krieg nur die Waffen? Nein, berichtet eine Expertin FR.de. Allerdings läuft vieles im Verborgenen – und das nicht zufällig.

Ein Ukraine-Friedensgipfel ohne Russland: Skepsis war vor dem Termin in der Schweiz spürbar. Auch die demonstrative Zufriedenheit der Ukraine mit den Ergebnissen ändert daran wenig. Wie aber ist die Lage wirklich? Ungewöhnlich direkte Einblicke gibt Anne Holper im Interview mit FR.de:

Die Konfliktforscherin der Universität Viadrina Frankfurt (Oder) berät unter anderem das Auswärtige Amt – und arbeitet schon seit 2014 zum „Dialog“ im Ukraine-Konflikt; bereits kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs ordnete sie für IPPEN.MEDIA die diplomatische Situation ein. Holper kennt die Lage in der Ukraine gut. Ebenso wie die laufenden Prozesse hinter den Kulissen. Positiv überraschen mag diese Einschätzung: Bereits jetzt passiere „informell“ „sehr viel“ in Sachen Diplomatie, meint die Expertin. Dass das aber im Verborgenen passiere, habe gute Gründe.

Verhandlungen zwischen Ukraine und Russland? Zunächst wäre „Ping-Pong“ nötig

FR.de: Wolodymyr Selenskyj hat nach dem Ukraine-Friedensgipfel in der Schweiz einen „ersten Schritt“ gefeiert – hat er da einen realistischen Punkt?
Anne Holper: Ein erster gemeinsamer Schritt ist auf jeden Fall getan. Wobei beim Wort „gemeinsam“ Vorsicht geboten ist. Denn „gemeinsam“ gehen ja nur die Unterstützer der Ukraine vor. Die anderen, die auch zum Konflikt dazugehören oder die zumindest zu einer Lösung beitragen müssen, waren zum großen Teil in der Schweiz nicht dabei. Ich würde daher sagen: Es ist ein erster gemeinsamer Schritt einer Allianz in die richtige Richtung – dem jetzt aber nächste Schritte folgen müssen, damit es wirklich ein gemeinsamer Gesamtprozess werden kann.
Wolodymyr Selenskyj beim Ukraine-Friedensgipfel in der Schweiz – viel Diplomatie läuft allerdings im Informellen.
Gibt es dafür denn Ansatzpunkte, etwa im Schweizer Abschlusspapier?
Ins Abschlusskommuniqué sind tatsächlich an ein paar Stellen Steigbügel und Angebote eingebaut. Etwa für die Schweiz selbst, um im Herbst einen weiteren Gipfel in einer „Plus-X“-Konstellation auszurichten. Dann mit dem Versuch, Russland, oder – wenn das nicht geht – zumindest China an den Tisch zu bekommen. Es könnte aber auch als Einladung an China gelesen werden, selbst einen parallelen oder zweiten Gipfel auszurichten und eine Art Ping-Pong-Spiel anzunehmen. 
Diplomatisches „Ping-Pong“? Wie muss man sich das vorstellen?
Das würde bedeuten, dass Peking nicht gegen den Schweizer Prozess und die dort geschmiedete Allianz arbeitet und sagt „wir machen die Gegenveranstaltung“, sondern den Ball aufnimmt und den nächsten Schritt aus Sicht der anderen Seite geht, also die „fehlende“ Perspektive ergänzt. In diesem Reißverschlussprinzip muss man vielleicht noch ein paar Mal hin und her gehen, aber dann könnte irgendwann ein gemeinsamer Rahmen gefunden werden. 
Das ist allerdings nur möglich, wenn im diplomatischen Raum wirklich konsequent Boden erschlossen wird. Der Krieg geht ja gleichzeitig in aller Unerbittlichkeit weiter und die antagonistische Bündnispolitik ebenfalls: Gerade hat Russland mit Nordkorea ein Verteidigungsbündnis gegen den Westen geschmiedet. Beides – Krieg und Diplomatie – kann durchaus parallel laufen und durchaus sehr unterschiedliche Strategien verfolgen. Nur muss es diese Strategien überhaupt geben. Diplomatie im Krieg funktioniert nur, wenn sie klare Zielsetzungen und klare Strategien hat und diese mit den militärischen Strategien verzahnt.

Ukraine-Gespräche: „Dann kriegt man, glaube ich, auch Russland an Bord“

Aktuell sieht es noch so gar nicht nach einem Rahmen für Verhandlungen aus. Wie könnte der denn funktionieren?
Im besten Fall wird es möglich sein, zwischen den Unterstützerallianzen eine respektvolle Rahmenkoalition hinzubekommen. Wenn sich jetzt die westlichen Allianzen mit China und anderen BRICS-Staaten koordinieren, dann kriegt man, glaube ich, auch irgendwann Russland unter für alle akzeptablen Bedingungen an Bord. Aber das braucht viele kleine Schritte mit unzähligen Weggabelungen. Da sollte nicht reflexhaft dagegengeredet, sondern mittelfristig langsam ein Zusammengreifen dieser verschiedenen Prozesse überlegt werden. Die müssen nicht voreilig zusammengeführt werden. Das wäre gar nicht gut. Da würde man eher Gegenwind bekommen.
Das klingt aber nach einem längeren und eher indirekten Prozess …
Ja, genau. Da ist jetzt natürlich die große Frage: Wie geht man mit den Produkten dieser Diplomatie um, die ja verhandlungstechnisch relativ hoch greifen. Natürlich haben Selenskyj und Kuleba gesagt, sie werden nicht von den Forderungen des Zehn-Punkte-Plans lassen. Niemand will Zugeständnisse oder auch nur Türen zu Zugeständnissen einbauen, denn alle möchten so viel wie möglich erreichen. Das ist eine notwendige Verhandlungstaktik in dieser Phase von Vorverhandlungen, die auch niemanden überrascht. Gleichzeitig sieht man, dass es verschiedene Papiere von beiden Seiten gibt.

Da passiert bereits sehr viel.

Konfliktforscherin Anne Holper über Hintergrund-Prozesse im Ukraine-Krieg.
Und die können hilfreich sein?
Wenn sie zirkuliert werden, müssen diese Papiere aus verhandlungstaktischen Gründen noch sehr hart abgefasst sein. Denn die müssen beide Seiten auch innenpolitisch verkaufen können. Die wirklich nicht verhandelbaren Interessen und die nur strategisch nicht verhandelbaren Interessen sind gleichermaßen verschanzt hinter Maximalforderungen. Akteure, die zwischen den beiden Lagern „shuttlen“ können, müssen diese Papiere aber nebeneinander legen und – auch informell mit ExpertInnen aus der Ukraine und Russland – gucken: Was passt denn da jetzt eigentlich wirklich nicht zusammen, und was wird aus strategischen Gründen als nicht-verhandelbar deklariert? Da muss man die Kompatibilität ganz sorgfältig ausloten – das wird schon jetzt gemacht, in verschiedenen Konstellationen. Irgendwann kann man die Dokumente dann vielleicht zusammenführen.

Ukraine-Russland-Diplomatie: Auch Staaten arbeiten bereits – aber „alles im Stillen“

Wer sind diese „Shuttle“-Akteure? Geht es da um Staaten oder um Einzelpersonen – oder beides?
Sowohl als auch. Staaten haben natürlich den Vorteil, dass sie vom Status her viel mehr Gewicht mitbringen und dadurch auch an Akteure wie zum Beispiel China oder Südafrika auf erfolgversprechendere Weise herankommen. Da sind schon Staaten aktiv – die sich aber, gerade weil das so ein sensibles Geschäft ist, mit diesen Aktivitäten nicht sichtbar hervortun. Wer in einer so polarisierten, von extremem Vertrauensverlust geprägten Gemengelage eine solche Rolle in aller Sichtbarkeit übernimmt, begibt sich gleich in Gefahr, in Augen von Kritikern nicht ausreichend Stellung gegen die „Feindparteien“ der eigenen Allianzpartner zu nehmen.
Ist die öffentliche Debatte tatsächlich ein so wichtiger Faktor?
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Deutschland würde diese Rolle übernehmen, vielleicht sogar schon jetzt ausfüllen und es würde bekannt werden. Dann würde eine Debatte hochkochen: „Gehen wir da nicht schon wieder zu viel auf Putin zu? Das führt garantiert in einen Hinterhalt. Wird da nicht doch die Ukraine klammheimlich geopfert? Was haben wir denn aus der Vergangenheit gelernt?“ und Ähnliches mehr. Kein Staat kann wirksam Vermittlungsarbeit machen, wenn eine innenpolitische Rollendebatte den eigenen Rückhalt auffrisst. Deswegen passiert das alles im Stillen.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp
Aber es gibt Staaten, die das jetzt schon leisten. Es gibt auch viele nicht-staatliche Akteure, die das tun, in sogenannter „Track 1.5”-Diplomatie auf hoher und höchster politischer Ebene, oft finanziert von einzelnen Staaten, aber mit einem – nicht immer, aber oft – unabhängigen politischen Standpunkt. Die können auf Außenminister- oder Berater-Ebene sehr effektive Kanäle öffnen. Auch das wird jetzt gerade schon gemacht. Aber auch diese Organisationen dürfen nicht benannt werden – einfach um diese immens wichtigen Prozesse zu schützen.

Teil 2 des Interviews beleuchtet ab Sonntag (23. Juni) die eigentlichen Interessen Russlands im Ukraine-Krieg – und die Frage, ob sie Hebel für ein Schweigen der Waffen sein könnten. (Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © IMAGO/ABACA

Kommentare