Gaza-Krise: Israel blockiert Hilfe – NGOs schlagen Alarm
VonNadja Katz
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In Gaza verschärft sich die Hungerkrise. Israel lehnt Anträge für Hilfslieferungen ab. NGOs warnen vor einer politischen Instrumentalisierung humanitärer Hilfe.
Tel Aviv/Gaza – Bis Ende Juli sind laut den Vereinten Nationen bereits 74 Menschen in Gaza an Mangelernährung gestorben, 63 davon allein im vergangenen Monat, darunter 25 Kinder. Auch seit Anfang August meldet die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde in Gaza beinahe täglich neue Hungertote.
Diese Lage verschärft sich, da die israelischen Behörden vielen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) seit Anfang März die Einfuhrgenehmigungen für dringend benötigte Transporte verwehren, die Nahrungsmittel und medizinische Güter in den vom Krieg stark zerstörten Küstenstreifen bringen könnten. Die Arbeit der Helfenden im Gazastreifen wird dadurch zunehmend erschwert bis unmöglich gemacht.
Helfer für Gaza kritisieren Israels Vorgaben: 700 Tonnen Reis werden aufgehalten
An diesem Donnerstag veröffentlichten deshalb mehr als 100 Akteure der humanitären Hilfe ein gemeinsames Statement, gerichtet an sämtliche Staaten und Geldgeber. Darin fordern sie unter anderem ein Ende der politischen Nutzung humanitärer Unterstützung. Die NGOs kritisieren, die Einfuhren würden mit der Begründung abgelehnt, dass die Organisationen dazu nicht befugt seien. Allein im Juli sollen so mehr als 60 Anträge abgelehnt worden sein.
Zu den Unterzeichnern des Statements gehören Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF), der Norwegian Refugee Council (NRC) und Oxfam. Allein die Hilfsorganisation Anera gibt an, dass ihre Hilfsgüter im Wert von sieben Millionen US-Dollar blockiert sind – darunter mehr als 700 Tonnen Reis, mit denen sechs Millionen Mahlzeiten in Gaza zubereitet werden könnten.
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Gaza-Hilfen durch Israel im Stocken: „Wir brauchen einen Waffenstillstand“
Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe, die das Statement ebenfalls unterstützt, sagte der Zeit, dass die palästinensischen Partnerorganisationen die Auswirkungen der wenigen verfügbaren Hilfen in Gaza derzeit deutlich spüren. Die Diakonie bringt selbst keine Hilfsgüter nach Gaza, ihre Partner sind von den verfügbaren Hilfsgütern vor Ort abhängig, die andere Akteure in das Kriegsgebiet bringen.
Statt Nahrungsmittel oder Hygieneprodukte zu verteilen, sei die Arbeit der Partner momentan auf psychosoziale Beratung beschränkt. „Wir brauchen einen Waffenstillstand“, sagt Keßler, „aber mindestens sichere Zugänge und Korridore für humanitäre Hilfe, die überall dahin gelangt, wo die Menschen sind.“ Auch international wird von 25 Staaten von Israel das Ende des Gaza-Kriegs gefordert.
Israel erschwert Gaza-Hilfen: Riskante Luftbrücken und psychosoziale Beratung statt Hilfsgüter
In dem Bemühen, weiterhin Hilfsgüter in die Region zu bringen, werden im Gazastreifen weiterhin Luftabwürfe durchgeführt, obwohl diese vielfach kritisiert werden: als zu gefährlich, zu teuer und zu ineffektiv. Dabei wurde unlängst ein Teenager aus dem Gazastreifen von einer Kiste abgeworfener Hilfsgüter erschlagen. Das Video von seinem Versuch, an Essbares zu gelangen, wurde in den vergangenen Tagen vielfach in den sozialen Netzwerken geteilt.
Bereits am Dienstag (12. August) hatten die Außenminister mehrerer EU-Staaten sowie weiterer Länder wie Kanada und Japan das israelische Vorgehen kritisiert. In einer gemeinsamen Erklärung forderten sie Israels Regierung dazu auf, Genehmigungen für alle Hilfslieferungen internationaler NGOs zu erteilen und wichtige humanitäre Helfer nicht mehr an ihrer Arbeit zu hindern. Deutschland gehört nicht zu den Unterzeichnern.
Hilfen für Gaza durch Israel erschwert: Hardliner kontrolliert NGO-Registrierung
Seit Beginn des Jahres ist für die Registrierung der NGOs und ihrer Mitarbeiter in Israel nicht mehr das Wohlfahrtsministerium zuständig, sondern das Ministerium für Diasporaangelegenheiten und die Bekämpfung von Antisemitismus. Es wird von dem rechten Hardliner Amichai Chikli geleitet, der Anfang Juli mit weiteren Likud-Ministern die unmittelbare Annexion des Westjordanlandes gefordert hatte.
Die neuen Richtlinien für NGOs sehen unter anderem vor, dass Informationen über Spendengeber preisgegeben werden und Listen mit Namen sowie sensible Personendaten aller Mitarbeiter vorgelegt werden müssen, einschließlich palästinensischer und ausländischer. Bis Anfang September haben die Organisationen Zeit, die umfänglichen Unterlagen vorzulegen. Sonst droht ihnen, ihre Arbeit in Gaza einstellen zu müssen.
Gaza-Helfer befürchten politische Instrumentalisierung der NGOs durch Israel
Zudem können die Genehmigungen für Organisationen und ihre Mitarbeiter in Israel aus mehreren Gründen nicht erteilt oder binnen 60 Tagen aufgehoben werden. Dazu zählen unter anderem die Leugnung des Holocausts, aber auch vage formulierte Punkte wie die Teilnahme an Kampagnen zur Delegitimierung gegen den Staat Israel.
In ihrem Statement warnen die NGOs nun unter anderem davor, dass diese Kriterien politisch instrumentalisiert werden und dazu dienen, ihre Arbeit zu kontrollieren und zu zensieren. (nana)