„Sehr verletzlich“

„Gefährlich“: So instrumentalisiert Putin das Nato-Manöver in der Ostsee

  • schließen

Das Nato-Manöver Quadriga im Ostseeraum läuft in vollem Gange. Fachleute aus dem Militärbereich zeigen auf, warum Verschwörungsmythen daraus entstehen.

Streitkräfte aus 14 Nationen, darunter allein 8000 deutsche Soldatinnen und Soldaten auf Kriegsschiffen und in Kampfflugzeugen, üben im Rahmen des Nato-Manövers Quadriga gerade gemeinsam den Ernstfall. Dieses Jahr konzentriert sich das multinationale Militärbündnis auf den Ostseeraum, ein zentraler Übungsort ist Litauen. Gleichzeitig findet Mitte September in Belarus das Manöver Sapad 2025 statt, an dem russische und belarussische Streitkräfte teilnehmen.

Obwohl beide Manöver eigentlich Routineübungen sind, werden Verschwörungsmythen verbreitet. Russische Staatsmedien, aber auch deutschsprachige, prorussische Akteure verbreiten auf verschiedenen Kanälen wie Telegram, YouTube oder X Behauptungen, dass die Nato bei ihrem Manöver angeblich Kaliningrad angreifen wolle. Mit dem gleichzeitig stattfindenden russischen Manöver wird somit eine angebliche kriegerische Eskalation heraufbeschworen.

Doch die Angst vor Krieg ist längst nicht nur bei Verschwörungsanhängern in Telegram-Gruppen groß: 41 Prozent der deutschen Bevölkerung hat Angst, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die der Frankfurter Rundschau (FR) von IPPEN.MEDIA vorab exklusiv vorliegt. Eine Mehrheit, 52 Prozent, rechnet mit neuen Kriegen in Europa und 54 Prozent der befragten Personen erwarten, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland in den kommenden fünf Jahren verschlechtert. An der repräsentativen Umfrage von Cemas nahmen zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2136 Menschen teil.

Experten: Verschwörungsmythen und Desinformation fallen in Deutschland auf fruchtbaren Boden

Das Nato-Manöver Quadriga ist eine Routineübung mit wichtigen Signalen an Russland. Demonstration von Stärke ist ein wichtiges Mittel der Abschreckung“, sagt Stefan Meister, Politikwissenschaftler und Leiter des Zentrums für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) gegenüber der FR. Es sei relevant, zu zeigen „dass die NATO in der Ostsee handlungsfähig ist, wo Russland hybride Angriffe durchführt und unter anderem Kabel durchschneidet.“

Militärische Manöver wie Quadriga seien ein wichtiges Zeichen, gleichzeitig aber ein „Nährboden für Verschwörungsmythen und Ängste“ da sich das Militär in kritischen Zonen bewege und dort Übungen ausführt, sagt Carlo Masala, Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr in München zur FR: „Das fällt auf fruchtbaren Boden bei Leuten, die ohnehin befürchten, dass die Nato aktiv einen Krieg gegen Russland vorbereitet.“

Rund 35 Prozent der befragten Deutschen haben Angst vor einem Atomkrieg.

Das alles passe zu den Inhalten von russischer Propaganda, bei der solche Erzählungen gezielt verbreitet werden: „Es gibt das Narrativ in der russischen Desinformation, reflektiert in Teilen der deutschen Politik, dass die Nato Russland provoziert hätte und sich Moskau nur wehrt“, warnt Meister. „Das stimmt in der Form nicht, findet aber Resonanz in Teilen der Gesellschaft.“ Masala warnt zudem, dass nicht die Mythen das eigentliche Problem seien, sondern jene Desinformation, die gezielt Zweifel an offiziellen Darstellungen von Presse und Regierung sät – „das ist gefährlicher“.

In der russischen Propaganda werde mit Nuklearwaffen gedroht, was auch von deutschen Politikern aufgegriffen wird. „Das ist Teil einer Desinformationskampagne, um Ängste zu schüren“, erklärt Meister. Diese Strategie scheint aufzugehen: Laut der Cemas-Umfrage haben rund 35 Prozent der Befragten Angst, dass es zu einem Atomkrieg kommt.

Angst verbreiten, um Regierungen unter Druck zu setzen

Das Ziel der russischen Desinformationskampagnen: Eine verunsicherte Bevölkerung soll ihre Regierung beeinflussen: „Seit dem dritten Tag des Krieges deutet Russland immer wieder den Einsatz von Nuklearwaffen an. Das ist Propaganda, die Gesellschaften Angst machen soll, damit sie ihre Regierungen unter Druck setzen, bestimmte Unterstützungsleistungen für die Ukraine zu unterlassen“, erklärt Masala. Die Angst vor einer nuklearen Auseinandersetzung sei in Deutschland wegen der Geschichte als Frontstaat im Kalten Krieg besonders stark, so der Experte, stärker als beispielsweise in Italien, Frankreich oder Großbritannien.

„Deutschland ist sehr verletzlich für russische Desinformation. Das geht tief in die Gesellschaftsmitte“, sagt auch Meister. In Ostdeutschland seien noch anti-amerikanische Narrative aus DDR-Zeiten verbreitet, „aber auch in Westdeutschland mit Blick auf viele Alt-68ern gibt es diese Diskurse“. Es gebe bei bestimmten Themen, wie dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geradezu eine „Querfront zwischen links und rechts, Friedensaktivisten mit einem falsch verstandenen Pazifismus, der Russland gerade zu Aggression einlädt, aber auch Akteure am rechten Rand.“

Deutsche Politiker haben zu spät auf Propaganda reagiert

Ich würde mir wünschen, dass die Regierung mehr über die mögliche Kriegsgefahr in Deutschland aufklärt.png

Die Politik informiere die Bevölkerung dabei nur mangelhaft. „Bei Desinformation hat Deutschland sehr spät reagiert“, sagt Meister. Das zeigt auch die Cemas-Umfrage deutlich: 53 Prozent der Menschen würden sich wünschen, dass die Regierung mehr über eine mögliche Kriegsgefahr aufklärt. Im Sicherheitsbereich seien in der Vergangenheit viele Fakten nicht kommuniziert worden, um keine Ängste in der Bevölkerung auszulösen. Diese Nicht-Kommunikation und die widersprüchliche Kommunikation habe eher Ängste geschürt und mehr Raum für Desinformationen gegeben, erklärt Meister und fordert: „Die Bundesregierung muss klar kommunizieren und eine einheitliche Position haben“.

Auch Masala betont, dass es „mehr und klarere Kommunikation“ brauche. Dabei sei es auch ausschlaggebend, von wem die Informationen kommen. Es sei nicht nur Aufgabe der Bundeswehr und des Verteidigungsministers, die Bevölkerung zu informieren. „Einem Generalinspekteur oder Verteidigungsminister unterstellt man schnell, dass er nur mehr Geld für seine Streitkräfte will. Wenn aber ein Innenminister, eine Justizministerin oder der Kanzler die Führung in dieser Kommunikation übernehmen, hat das größere Effekte“, sagt der Experte.

Rubriklistenbild: © IMAGO/P.Nowack/Montage

Kommentare