VonSophia Sichtermannschließen
Eine aktuelle Umfrage belegt, dass die Kriegsangst in Deutschland einen Höchststand erreicht hat – doch wie ist es um die Verteidigungsbereitschaft bestellt?
Die Bundeswehr soll wachsen: rund 100.000 neue Soldatinnen und Soldaten sollen bis 2030 rekrutiert werden. Um der stagnierenden Truppenstärke von derzeit rund 180.000 Männern und Frauen entgegenzuwirken, wurde kürzlich ein neuer Wehrdienst von der Regierung beschlossen. Ab 2026 sollen alle jungen Menschen des Jahrgangs 2008 und jünger einen Fragebogen erhalten; ab 2027 sind zusätzlich wieder Musterungen vorgesehen. Wie steht es aber um die freiwillige Verteidigungsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung?
Rund 20 Prozent der Menschen würden Deutschland verteidigen. Das zeigen aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media vorab exklusiv vorliegen. Die Aussage „Ich würde mein Land militärisch verteidigen, wenn es angegriffen würde“, lehnen rund 57 Prozent der Befragten ab und rund ein Fünftel zeigt sich unentschlossen. Und das, obwohl die Kriegsangst in Deutschland gerade besonders hoch ist.
41 Prozent der befragten Personen haben Angst vor einem dritten Weltkrieg und 54 Prozent gehen davon aus, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland in den nächsten fünf Jahren verschlechtern wird. An der repräsentativen Umfrage von Cemas nahmen zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2.136 Menschen teil.
Umfrage: So steht es um die Verteidigungsbereitschaft in Deutschland
In einer aktuellen Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr (ZMSBw), die dieser Redaktion ebenfalls vorab exklusiv in Teilen vorliegt, wurde die ähnliche Frage gestellt: „Wären Sie bereit, Deutschland im Falle eines militärischen Angriffs mit der Waffe zu verteidigen?“ 37 Prozent der Befragten antworteten mit „Ja“ oder „Eher ja“, während 57 Prozent ablehnten. Die Daten der repräsentativen Umfrage wurden zwischen dem 11. April und 17. Mai 2025 mit 2.049 Menschen erhoben.
Bei der Ablehnung stimmen die Zahlen von Cemas und ZMSBw mit 57 Prozent überein, woher kommt der Unterschied bei der Zustimmung um fast 17 Prozent?
„Der große Unterschied zwischen den Befragungen liegt bei den Antwortoptionen“, sagt Timo Graf, Leiter der ZMSBw-Bevölkerungsbefragung der FR. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ZMSBw-Befragung konnten nur zwischen zwei positiven und zwei negativen Ausprägungen wählen. Eine weitere mögliche Erklärung für die Unterschiede bei der Zustimmung: Vom ZMSBw wurden bei dieser Frage ausschließlich Menschen zwischen 16 und 50 Jahren befragt, insgesamt 980 Personen.
Das Gefühl der Bedrohung ist ein starker Motivator
„Rund ein Fünftel der Menschen wäre jetzt bereit, Deutschland zu verteidigen. Nimmt man die absoluten Zahlen, ist das gar nicht so schlecht – mehrere Millionen Menschen“, sagt Carlo Masala, Professor für Sicherheits- und Verteidigungspolitik an der Universität der Bundeswehr in München, gegenüber der FR.
Er betont jedoch auch, dass es große Unterschiede zu anderen europäischen Ländern gebe. In Staaten wie Estland, Finnland oder Schweden würden sich in ähnlichen Umfragen teilweise 80 Prozent der Menschen dazu bereit erklären, ihr Land zu verteidigen. Den Grund dafür sieht Masala darin: „Wir liegen geografisch weit weg von den Bedrohungen. Je weiter man von der Bedrohung entfernt ist, desto weniger wird sie empfunden.“
Cemas hat zudem die Zustimmung zur Aussage „Ich würde niemals für mein Land kämpfen“ erhoben. 26 Prozent der Befragten sagen, dass diese Aussage eher oder vollkommen zutreffe. 29 Prozent sind unentschlossen und 45 Prozent würden es nicht ausschließen, jemals für ihr Land zu kämpfen. Die Anzahl der Menschen, die eine militärische Verteidigung nicht ausschließen würden, entspreche laut Graf auch in etwa den Ergebnissen des ZMSBw.
Experten: Im konkreten Fall würden vermutlich mehr Menschen ihr Land verteidigen
„Es ist ein sehr abstraktes Konstrukt, ein Land zu verteidigen“, gibt Masala angesichts der Umfragewerte zu bedenken. „Ich würde gern eine Umfrage sehen, in der man Menschen danach fragt, ob sie bereit wären, ihre Lebensweise oder ihr engstes Umfeld zu verteidigen. Es wäre interessant, ob die Zahlen dann signifikant abweichen“. Der Experte betont, dass es sich bei allen Umfragen um „hypothetische Fragen“ handle und geht davon aus, dass im Fall eines wirklichen Angriffs die Bereitschaft höher wäre: „Wenn die Bedrohungslage spürbarer wäre, sähen die Zahlen auch anders aus.“
Auch Graf weist auf das Problem der Abstraktion hin: „Heute können sich nur wenige Deutsche vorstellen, was ein Kriegseinsatz konkret bedeutet. Das ist kein Vorwurf, sondern ich bin froh darüber, weil es bedeutet, dass wir lange Zeit im Frieden gelebt haben.“ Die Frage nach der Verteidigungsbereitschaft bleibe „letztlich doch sehr abstrakt“, so der Experte. Käme es zu einem militärischen Angriff auf Deutschland, würden viele sich genau diese Frage neu stellen müssen. Seine Einschätzung: „Ein überzeugter Pazifist könnte nach dem Tod naher Angehöriger zur Waffe greifen wollen, während ein vermeintlicher Kämpfer am Tag X kalte Füße bekommt und flieht.“
Oberst Thorsten Weber sieht das ähnlich: „Man hat es in der Ukraine gesehen: Wenn jemand die Menschen dort vorher gefragt hätte, ob sie sich vorstellen können, Kampfdrohnen zu lenken, wäre das wahrscheinlich mit einer geringen Prozentzahl beantwortet worden“, sagt er der FR. Letztendlich gehe es um mehr als militärische Verteidigung: „Wenn ein Aggressor unsere gemeinsamen Werte wie Meinungsfreiheit, Menschenwürde oder Pressefreiheit infrage stellt, muss ich bereit sein, diese zu verteidigen“, sagt Weber. „Noch besser ist es, wenn ich mich so aufstelle, dass derjenige es erst gar nicht wagt, mich anzugreifen.“
Die Umfrageergebnisse zeigen: Während laut Cemas-Umfrage ein Fünftel der Deutschen aktuell zur Verteidigung bereit wäre, gehen Experten davon aus, dass sich diese Zahlen im Ernstfall ändern würden – in welche Richtung, lässt sich allerdings nicht voraussagen.
Rubriklistenbild: © IMAGO / photothek


