Unterstützung für Putin hält an

„Sie haben uns vergessen“: Gegenoffensive verbreitet Angst an Russlands Grenze

Angriffe auf die Grenzregion Belgorod bringen den Krieg nach Russland. Schebekino gleicht einer Geisterstadt, die verbliebenen Menschen fühlen sich offenbar im Stich gelassen.

Schebekino - Die Anzahl von Drohnenangriffen in russischen Grenzregionen nahm zuletzt immer mehr zu. Auch die Ortschaft Schebekino in der Region Belgorod war in den vergangenen Wochen immer wieder unter Beschuss geraten. Die Behörden riefen die Bevölkerung auf, sich in Sicherheit zu bringen – heute gleicht Schebekino einer Geisterstadt. Die wenigen verbliebenen Menschen glauben, Moskau habe sie im Stich gelassen. Doch an Wladimir Putin und seinem Krieg zweifeln sie offenbar nicht.

Der Ukraine-Krieg kommt nach Russland: Belgorod unter starkem Beschuss

Noch nie seit Beginn des Ukraine-Kriegs war die Grenzregion Belgorod so stark von Angriffen betroffen wie in den vergangenen Wochen. Allein im Mai sei die Oblast 130 Mal beschossen worden, hieß es von russischen Behörden. Acht Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein, 60 wurden russischen Angaben zufolge verletzt. Das schürte Angst. Der Gouverneur von Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, hatte die Bewohner der Grenzregion Anfang Juni nach tagelangem Beschuss dazu aufgerufen, die Gegend zu verlassen. Schützen Sie das, „was das Wichtigste ist: Ihr Leben und das Ihrer Liebsten“, so Gladkow.

Blick auf ein Gebäude in der russischen Grenzstadt Schebekino, die bei einem Angriff im Juni beschädigt wurde (Bild vom 10. Juni 2023).

Viele kamen dem Aufruf nach: Einst eine Stadt mit über 40.000 Bewohnern, verbleiben heute laut Moscow Times nur noch 2.700 Menschen in Schebkino, die meisten von ihnen ohne Strom, fließendes Wasser und zeitweise auch ohne Telefonverbindungen. „Sie haben versucht, mich zu überreden, wegzugehen, aber ich habe nein gesagt, ich bin alt, ich habe einen Hund, ich bin sehr krank“, sagte eine 73-jährige Bewohnerin der Zeitung. Die New York Times berichtet am Montag indes von nur noch rund tausend Bewohnern.

Militäranalysten sind der Meinung, dass Kiew mit verstärkten Angriffe auf die Grenzregion eine bestimmte Taktik verfolgt. Die Ukraine könnte Moskau dazu zwingen wollen, Truppen nahe der Grenze in Stellung zu bringen – was die Verteidigung in anderen Frontabschnitten schwächen könnte. In der Region Belgorod waren im Mai auch Sabotageakte und Partisanenangriffe gemeldet worden, die Russland nach Angaben der US-Denkfabrik Institut for the Study of War „überraschten“.

Verbliebene Bewohner machen Moskau Vorwürfe, doch Unterstützung für Putin bleibt gleich

Nur wenige Menschen wohnen noch in der Geisterstadt Schebekino. Die meisten flohen entweder zu Freunden, Familie oder in eingerichtete Notunterkünfte, etwa in der regionalen Hauptstadt Belgorod. Die lokalen Behörden sagten den von der Evakuierung Betroffenen eine einmalige Entschädigung zwischen 10.000 und 50.000 Rubeln zu (zwischen 111 und etwa 604 Euro), wie die russische staatliche Medienagentur Ria Nowosti am Donnerstag bekannt gab. Im Kurznachrichtendienst Telegram hatte das teilweise für Aufregung gesorgt. „Sie haben einen Krieg entfesselt und jetzt wollen sie den Leuten den Mund mit Pfennigen stopfen“, lautete etwa ein Telegram-Kommentar. Viele der von der Umsiedlung Betroffenen sind laut New York Times arme Rentner.

„Sie haben uns vergessen, wir wurden allein gelassen“, kritisierte ein ehemaliger Anwohner, der anonym bleiben wollte, die fehlende Unterstützung Moskaus gegenüber der Moscow Times. In Schebekino unterstützen russische Freiwillige die Verbliebenen mit Essen und medizinischer Versorgung. Eine Genehmigung oder Unterstützung der Stadt hätten sie eigenen Angaben zufolge nicht. Man dürfe nicht zurück, doch die Behörden würden nicht erklären, weshalb, kritisierte eine weitere ehemalige Anwohnerin der Moscow Times. An der grundsätzlichen Unterstützung für Putin und seinen Krieg hat die Zerstörung von Schebkino aber offenbar nichts geändert. „Wir glauben an Herrn Putin, der gesagt hat, dass der Sieg unser sein wird“, so eine Frau aus der Grenzregion zur New York Times.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexander Ryumin/ITAR-TASS

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