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Hinter den jüngsten Drohnenangriffen auf russisches Staatsgebiet könnte ein in Russland agierendes Netzwerk pro-ukrainischer Agenten stecken.
Moskau - Drohnenangriffe auf russisches Staatsgebiet häuften sich im Ukraine-Krieg zuletzt. Mit den jüngsten Angriffen auf Moskau habe die Ukraine „nichts direkt zu tun“, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak Ende Mai – eine Äußerung, die durchaus zu Spekulationen einlud. Nun sollen mehrere US-Geheimdienstquellen bestätigt haben, dass Kiew ein Netzwerk von Agenten innerhalb Russlands aufgebaut hat, das dort Sabotageakte durchführt. Das geht aus einem CNN-Bericht vom Montag (5. Mai) hervor, der sich auf anonyme Quellen aus US-Geheimdienstkreisen bezieht.
Ukrainisches Agenten-Netzwerk arbeitet offenbar an Sabotageakten in Russland
Das Netzwerk von Agenten und Sympathisanten könnte demnach auch für den ersten Drohnenangriff auf den Kreml Anfang Mai verantwortlich gewesen sein. Zunächst waren Fachleute davon ausgegangen, dass Russland selbst den Angriff inszeniert hatte. Die pro-ukrainischen Agenten seien mit in der Ukraine hergestellten Drohnen ausgestattet worden, hieß es jetzt laut CNN-Bericht. Von den USA bereitgestellte Drohnen seien bei den Sabotageakten nicht zum Einsatz gekommen, betonten die Geheimdienstquellen. Beim Angriff auf den Kreml hätte das Agenten-Netzwerk die Drohnen von Russland aus gestartet und nicht von ukrainischem Staatsgebiet.
Die Drohnen oder Drohnenbauteile seien mithilfe von Schmuggelrouten über die Landesgrenze gebracht worden. Die ukrainisch-russische Grenze sei lang und schwer zu kontrollieren, ergänzte ein europäischer Geheimdienstarbeiter. „Überleben ist jedermanns Sache, also wirkt Bargeld Wunder“, deutete der Geheimdienstler gegenüber CNN ein mögliches Hilfsmittel an. Inwiefern das Netzwerk auch für die jüngsten Drohnenangriffe auf Moskau Ende Mai und auf Ölraffinerien in Südrussland verantwortlich sind, ist indes unklar.
Sprecher des ukrainischen Geheimdienstes: „Mysteriöse Explosionen werden weitergehen“
Die Sabotagezellen setzen sich neben Sympathisanten der Ukraine offenbar auch aus gut ausgebildeten Agenten zusammen. Die US-Geheimdienstquellen gehen davon aus, dass Elemente des ukrainischen Geheimdienstes beteiligt sind. Zwei von CNN zitierte Personen sagten, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe allgemeine Parameter für seine Geheimdienste festgelegt, nicht jede Operation bedürfe aber seiner Zustimmung.
Der Sprecher des ukrainischen Geheimdienstchefs deutete gegenüber CNN an, dass die mysteriösen Explosionen und Drohnenangriffe auf Russland weitergehen würden. „Zu Fällen von ‚Baumwolle‘ werden wir uns erst nach unserem Sieg äußern“, so der Sprecher wörtlich und ergänzte, dass sie „gebrannt hat, brennt und auch weiterhin brennen wird“. Dabei handelte es sich um ein Zitat des Geheimdienstchefs Wassyl Maljuk, der sich mit „Baumwolle“ auf einen seit Kriegsbeginn in der Ukraine umgangssprachlich verwendeten Ausdruck für Explosionen in russischem oder russisch-besetztem Gebiet bezieht.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die Ukraine ihr Mitwirken an einem Angriff zeitverzögert zugibt. Mehr als sieben Monate nach der Explosion auf der Krim-Brücke hatte Geheimdienstchef Maljuk Ende Mai die Beteiligung Kiews offiziell bestätigt.
Angriffe auf militärische Ziele auf russischem Staatsgebiet: auf Messers Schneide
Das Völkerrecht erlaubt den Angriff auf militärische Ziele auf russischem Staatsgebiet als Form der Selbstverteidigung der Ukraine. „Legitime militärische Ziele außerhalb ihrer eigenen Grenze sind Teil des Selbstverteidigungsrechts der Ukraine“, bestätigte der britische Außenminister James Cleverly nach den jüngsten Drohnenattacken auf Moskau.
Die USA teilen diese Sichtweise offenbar nicht und betonten immer wieder, dass mit den gelieferten Waffen keine Ziele auf russischem Boden angegriffen werden sollen. Das Weiße Haus bekräftigte auch nach den jüngsten Drohnenangriffen auf Moskau, die US-Regierung unterstütze keine Angriffe innerhalb Russlands. Dieser klare Standpunkt der USA soll Militärbeobachtern zufolge verhindern, dass der Westen in den Krieg hineingezogen wird. Zudem seien sich die USA als zweitgrößte Atommacht der Welt ihrer Verantwortung bewusst.
Hinter vorgehaltener Hand scheinen US-Beamte die Drohnenangriffe womöglich anders zu bewerten als das offizielle Protokoll vorgibt. Die US-Geheimdienstquellen sollen gegenüber CNN die grenzüberschreitenden Angriffe als „kluge Militärstrategie“ bezeichnet haben. Die Attacken könnten russische Ressourcen zum Schutz des eigenen Territoriums umlenken, während sich die Ukraine auf ihre Gegenoffensive vorbereite, hieß es weiter. Offenbar hatten ukrainische Beamte gegenüber einem US-Beamten bestätigt, dass die Angriffe innerhalb Russlands als Ablenkungstaktik fortgesetzt würden. „Die russischen Befehlshaber stehen nun vor dem akuten Dilemma, ob sie die Verteidigung in den russischen Grenzregionen verstärken oder ihre Linien in der besetzten Ukraine ausbauen sollen“, hieß es dazu am Freitag in der Einschätzung der britischen Geheimdienste.