Russischer Deserteur überredete offenbar elf Soldaten zur Flucht in die Ukraine
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Ein junger Leutnant ist der nächste prominente Überläufer im Ukraine-Konflikt. Elf Kameraden soll er mitgenommen haben. Putin laufen seine Soldaten vielleicht bald scharenweise davon.
Kiew – Die Rettung liegt ganz nah. Nur einen Click entfernt. Oder einige gedrückte Tasten auf dem Handy. „I want to live“ (auf Ukrainisch „Khochu Zhit“) heißt der heiße Draht, der russische Soldaten aus dem mörderischen Krieg herausführen kann. Gewählt hat die Hotline jetzt Daniil Alfjorow – er ist aus Putins Invasionsarmee desertiert und zur Ukraine übergelaufen. Das berichtet Kyiv Independent. Alfjorow wäre damit der nächste bekannt gewordene Fahnenflüchtige, nachdem im Juni Maksim Kuzminow mitsamt seinem Hubschrauber Russland den Rücken gekehrt hatte.
Fraglich ist, welche Motive die beiden Soldaten getrieben hat – moralische oder finanzielle. Kurz nach Ausbruch des Krieges hatte das ukrainische Parlament eine Million Dollar ausgelobt für Überläufer aus Putins Armee mitsamt russischem Kriegsgerät. Hubschrauber-Pilot Maksim Kuzminow soll laut businessinsider.com 500.000 Dollar erhalten haben für seinen Mi-8 Helikopter und einige Teile von militärischen Jets.
Schon vor Kuzminows Husarenritt zur Gegenseite war die Hotline offenbar heiß begehrt. 10.000 Kontakte von verzweifelten russischen Soldaten will die ukrainische Zentrale für die Behandlung von Kriegsflüchtlingen im März 2023 über die Hotline realisiert haben. Das britische Online-Magazin Metro berichtet von insgesamt mehr als 25.000 Kontakten, seitdem die Seite „I want to live“ vor 13 Monaten online gegangen ist. Die Seite ist rund um die Uhr erreichbar – entweder via Telefon, Social Media, E-Mail oder Chatbot. Laut Petro Jatsenko von der ukrainischen Zentralen Koordinierungsstelle für die Behandlung von Kriegsgefangenen ergibt sich durchschnittlich alle zwei Tage ein Soldat der russischen Invasionsarmee seinen Gegnern. Metro berichtet von inzwischen 220 übergelaufenen Russen, 800 könnten es demnächst werden.
Russische Armee im Ukraine-Krieg: Schikane und Gewalt ist alltäglich
Der russische Leutnant Daniil Alfjorow allein soll jetzt elf Kameraden zur Fahnenflucht motiviert haben. Wie der russische Überfall insgesamt, spiegeln Einzelfälle wie die von Alfjorow und Kuzminow das russische Menschenbild im Militär enorm detailreich. Dazu Christian Göbel, Oberstleutnant der Reserve am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften (ZMSBw) in Potsdam und Professor für Ethik an der Assumption University in Massachusetts (USA).
Göbel sagt im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt: „In Russland gibt es leider noch immer zum Beispiel die sogenannte „Dedowtschina“ („Herrschaft der Großväter“), die bezeichnet die extreme Schikane von jüngeren durch ältere Soldaten; Offiziere misshandeln zudem Untergebene, es gibt das Gewaltregime generell oder Soldatenmisshandlung untereinander; Kadavergehorsam soll eingeprügelt werden.“ Göbel zitiert in diesem Zusammenhang den ehemaligen russischen Reserve-Offizier und heutigen Autoren Michail Schischkin: „Die russische Armee war und bleibt eine ,Schule der Sklaven‘, in der ältere Soldaten praktisch unbeschränkte Macht über neue Rekruten haben“, wie Schischkin schreibt.
Deutschland: Kaum Chancen auf Asyl für russische Fahnenflüchtige
Im April 2002 erklärte Wladimir Putin in seiner Botschaft an die föderale Versammlung die Verkürzung der Wehrdienstzeit zu einem seiner Hauptziele. Umfragen zufolge hielten die Bürger zu der Zeit eine Reform der Streitkräfte für eine der drängendsten Aufgaben der Regierung; die meisten Befragten gaben an, dass sie auf eine Ausmerzung der „Dedowtschina“ hofften, so schreibt das Online-Magazin Dekoder. Im Juni 2006 unterzeichnete Putin ein Gesetz, das die Dauer der Wehrpflicht von ehemals zwei Jahren auf ein Jahr reduzierte. Dekoder bezieht seine Berichterstattung auf russische Menschenrechtsorganisationen wie „Prawo Materi“ oder „Grashdanin i Armija“, die am Problem der Gewalt innerhalb der Streitkräfte arbeiten: Denen zufolge fehlten im Grunde genaue Erhebungen zur Situation beim Militär. Das war bereits 2017, seitdem ist die Situation aber die gleiche wie offenbar schon zu Zeiten der Armee des russischen Zarenreiches.
Die nächste bedeutende Veränderung dann im September 2022 kurz nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine mit der Mobilmachung mitsamt Verschärfung der Strafe für Desertion auf 15 Jahre. Fahnenflüchtig sind gleichermaßen russische Soldaten, die sich vor der Invasion abgesetzt haben, wie Männer im wehrfähigen Alter, die vor der Einberufung geflohen sind. Das Experten-Gremium Re:Russia schätzt die Zahl der „militärischen Auswanderungen“ aus Russland seit Ausbruch des Ukraine-Krieges auf zwischen 817.000 und 922.000. Die Flüchtlinge reisen oft in visumfreie Länder wie Kasachstan, Serbien, Armenien, Montenegro oder die Türkei.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Die Deutsche Welle veröffentlichte Informationen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), „dass seit Beginn des Ukraine-Krieges bis Ende Juli 2023 in Deutschland bisher nur 83 russischen Flüchtlingen im wehrpflichtigen Alter Schutz gewährt wurde. Das sind gerade einmal knapp 38 Prozent von insgesamt 221 inhaltlich entschiedenen Anträgen aus der Gruppe von russischen Männern im Alter von 18 bis 45 Jahre. 138 Anträge wurden abgelehnt. Obwohl diese Art der Kriegsopfer oft nicht wüssten wohin, ist sich Oberstleutnant Göbel sicher, dass den Kuzminows und Alfjworows noch weitere russische Soldaten folgen werden, wie er in Nachgefragt geäußert hat: „‚Führen durch Vorbild‘ ist ganz entscheidend im Militär. Eine Armee, die ihre Soldaten missachtet, kann ihnen keine Kampfmoral, keinen Sinn, kein Identifikationspotential geben.“