Ukrainischer General garantiert Triumph: „Alles steht noch bevor“
VonNail Akkoyun
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Einem Befehlshaber zufolge soll die Gegenoffensive der Ukraine erst ganz am Anfang stehen. Ein Experte glaubt sogar, dass ein Großteil der Truppen noch abwartet.
Kiew – Seit Beginn der ukrainischen Gegenoffensive wird eine Menge über die Operation behauptet und spekuliert. Nach Berichten, denen zufolge Kiew langsamer als erwartet vorankommt, spottete der russische Präsident Wladimir Putin, dass selbst der Ukraine inzwischen klar sei, dass sie „keine Chance“ habe. Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj warnte hingegen vor zu hohen Erwartungen und betonte, der Krieg sei kein „Hollywood-Film“, in dem sofortige Ergebnisse möglich seien.
Hoffnung schüren sollen nun die Aussagen von Oleksandr Syrskyj, dem Befehlshaber der ukrainischen Bodentruppen. Im Gespräch mit dem Guardian sagte Syrskyj, dass die Hauptkräfte der Offensivreserve noch nicht in den Kampf gegen Russland geschickt worden seien: „Alles steht noch bevor“. Zeitgleich warnte der Generaloberst den Kreml, dass man die tödliche Schwachstelle in ihren Reihen ausfindig machen werde. Ähnlicher Ansicht ist auch die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin, die behauptete, dass der „größte Schlag“ noch bevorstehe.
Was für Syrskyj und dessen Behauptungen spricht: schon im vergangenen Herbst führte er die ukrainische Armee mit einer triumphalen Gegenoffensive durch große Teile des Nordostens. In wenigen Wochen befreiten die Truppen große Teile des Landes von den russischen Besatzern. Darüber hinaus hat sich der pensionierte US-General Ben Hodges zu der Lage geäußert – und Syrskyjs Aussagen gestützt: „Im Moment ist nur ein sehr, sehr kleiner Teil der Armee überhaupt am Kampf beteiligt“, sagte Hodges im Gespräch mit Newsweek.
Ukrainische Soldaten in einer nicht näher bezeichneten Verteidigungsstellung am Rande der umkämpften, von Russland annektierten Region Donezk. (Archivfoto)
Gegenoffensive der Ukraine: Neunzig Prozent laut Experte „noch nicht einmal im Kampf“
Der 65-jährige Hodges, der unter anderem an Einsätzen in Afghanistan und im Irak beteiligt war, rief – ebenso wie Oleksandr Syrskyj – zur Geduld auf und erklärte, dass das derzeitige Offensivtempo der ukrainischen Streitkräfte kein Grund zur Sorge sei. „Neunzig Prozent der ukrainischen Armee sind noch nicht einmal im Kampf“, sagte er und wies darauf hin, dass Kiews neue „gepanzerte Brigaden“, die mit westlichen Kampfpanzern ausgerüstet sind, größtenteils noch nicht gesehen wurden. „Wenn man das alles sieht, dann geht es los. Stellen Sie sich nur vor, wenn die anderen neunzig Prozent in den Kampf einsteigen“, sagte Hodges.
Von der zahlenmäßigen Untergelegenheit will sich die Ukraine aber ohnehin nicht abschrecken lassen. „Ich habe noch nie gegen eine geringere Zahl von Feinden gekämpft, sie waren uns immer zahlenmäßig überlegen“, sagte Syrskyj mit Blick auf die mutmaßlich 400.000 russischen Soldaten auf ukrainischem Boden. Dies sei aber umso mehr Grund dazu, vorsichtig zu agieren. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass dieser Prozess einige Zeit in Anspruch nehmen wird“, so der 57-jährige Generaloberst.
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Das Institute for the Study of War (ISW), eine US-amerikanische Denkfabrik, sagte kürzlich auf Twitter voraus, dass die Gegenoffensive „wahrscheinlich nicht in einer einzigen großen Operation ablaufen wird“. Vielmehr werde sie aus vielen Operationen „an zahlreichen Orten von unterschiedlicher Größe und Intensität über viele Wochen hinweg bestehen“.
Russland hat an mehreren Orten Offensiven gestartet, darunter bei Kupjansk in der nordöstlichen Region Charkiw sowie in Lyman weiter östlich. Man dürfe die russische Armee daher keinesfalls unterschätzen, sagte Syrskyj. Doch trotz starker Verteidigungslinien betonte er, dass die Moral, die Ausbildung und die Vorbereitung seiner Truppen ihn zuversichtlich stimmen würden. „Mit einem Wort, es handelt sich um einen fortlaufenden ‚Prozess‘“. (nak)