Ukrainischer Soldat überlebt einen Monat alleine in besetztem Dorf – und sabotiert russische Truppen
VonUlrike Hagen
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Ein ukrainischer Kämpfer überlebt einen Monat in einem besetzten Dorf und sabotiert die russischen Besatzungsmächte, bevor er von den eigenen Truppen gerettet wird.
Robotyne – Es ist eine Geschichte, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. „Maestro“, ein Kämpfer der 47. Separatistischen Brigade „Magura“, betrat am 22. Juli als einer der ersten ukrainischen Soldaten in einer Gegenoffensive das im Ukraine-Krieg von den russischen Streitkräften besetzte Dorf Robotyne im Süden der Ukraine. Dann wurde seine Brigade beschossen, er von der Außenwelt abgeschnitten und erst einen Monat später befreit.
Bevor er am Unabhängigkeitstag Ende August freikommen konnte, musste er jeden Tag um sein Leben kämpfen – konnte aber auch den russischen Besatzern immer wieder zusetzen.
Ukrainischer Soldat überlebt einen Monat in besetztem Dorf – und sabotiert russische Besatzungstruppen
Im Februar 2022, als die russische Invasion begann, hatte sich der 47-jährige Ukrainer freiwillig für den Militärdienst gemeldet. Am 22. Juli 2023 war der Soldat einer der ersten seiner Brigade, die das von Russland im März besetzte Dorf Robotyne zurückerobern sollten.
„Maestro“ und ein Kamerad sollten den anderen Kämpfern den Rücken mit Maschinengewehren freihalten, aber sie gerieten unter Beschuss der russischen Truppen. Die Kämpfe dauerten bis zum Abend an. „Ich habe mir zwei Verbrennungen an den Augen zugezogen, weil ich in der Schießscharte stand“, erzählte der Ukrainer in einem Video, das vom Generalstab der Streitkräfte der Ukraine veröffentlicht wurde. Dann habe es eine Explosion gegeben.
„Nachdem ich mich von dem Schock erholt hatte, eröffnete ich erneut das Feuer. Dann kam die zweite feindliche Granate, ich war wieder mit Erde bedeckt und konnte mich eine Zeit lang nicht bewegen.“ Die Granate traf seinen Freund, dessen Körper auf ihn fiel. „Das hat mir das Leben gerettet“, berichtete „Maestro“. Dadurch seien die Russen nicht auf ihn aufmerksam geworden. „Maestro“ blieb als einziger in dem Ort, direkt in Reichweite der Hauptverteidigungslinie der Aggressoren aus Russland hinter Robotyne, zurück.
„Größte Angst war nicht der Tod“: Ukrainischer Kämpfer überlebt einen Monat alleine in besetztem Dorf
Dem ukrainischen Soldaten gelang es offenbar, mehr als einen Monat in dem von den Russen besetzten Ort in der Region Saporischschja von feindlichen Truppen umzingelt zu überleben. In einem auf den sozialen Medien des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine veröffentlichten Video gab „Maestro“ zu, dass seine größte Angst während der schwierigen Zeit im Versteck nicht der Tod, sondern die russische Gefangenschaft war. Die Angaben, die „Maestro“ im Video macht, lassen sich nicht unabhängig prüfen.
Er führte wochenlang einen Ein-Mann-Kreuzzug gegen die Invasoren, bevor er von befreundeten Truppen herausgeholt wurde. Und er behielt immer eine Kugel für sich. „Ich hatte eine Patrone in meiner Tasche. Ich weiß nicht, ob ich (Selbstmord) begehen konnte, aber ich hatte sie dabei. Ich wollte mich nicht in die Sklaverei begeben“, erzählte „Maestro“.
Einmal wäre der ukrainische Soldat beinahe entdeckt worden. „Sie haben mich einmal aufgespürt, es waren zwei von ihnen. Ein kleiner Junge, der andere älter. Sie suchten nach mir, und ich versteckte mich im Garten. Der jüngere Russe fragte den älteren: ‚Was sollen wir mit ihm machen, wenn wir ihn finden?‘ Der andere antwortete: ‚Egal, wir werden ihn auf der Stelle erschießen.‘ Glücklicherweise haben sie mich damals nicht gefunden“, erinnerte sich „Maestro“ in dem von Wolodymyr Selenskyjs Armee veröffentlichten Video.
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Ein Mann-Kreuzzug des ukrainischen Soldaten: Sabotage russischer Kanonen
Wochenlang kämpfte „Maestro“ seinen Schilderungen zufolge inmitten der russischen Armee ums Überleben. „Ich versteckte mich hinter Bäumen und Büschen und kroch gegen 4 Uhr morgens ins Dorf“, berichtete der 47-Jährige. Ernährt habe er sich von Baumblättern, Gras und Waldbeeren.
Auch sei es ihm immer wieder gelungen, den russischen Besetzern großen Schaden zuzufügen, schreibt der Tagesspiegel. Er habe mehrfach Sand in die Läufe der feindlichen Kanonen gestreut, Explosionen ausgelöst und die Waffen damit außer Gefecht gesetzt.
Ukrainischer Soldat wird nach Wochen befreit: „Russen flohen buchstäblich in Flip-Flops“
Nach vielen Tagen des Versteckens wurde Robotyne schließlich von der ukrainischen Armee befreit. „Ich sah unsere Bradley-Kampffahrzeuge. Die Russen flohen, wie sie standen, buchstäblich in Flip-Flops. Ich war in Euphorie“, erklärte der Soldat laut Berichten des polnischen Senders tvn.24.
„Robotyne wurde befreit, und die ukrainischen Truppen rücken bereits südöstlich dieser wichtigen Stadt vor“, berichtete das Military Media Center am 28. August auf Telegram unter Berufung auf die stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, Hanna Malar. Demnach wurde die Befreiung dank des Einsatzes von nur 31 ukrainischen Soldaten möglich, von denen ein Drittel keine Kampferfahrung hatte.
„Innerhalb von 18 Stunden sind diese Soldaten buchstäblich auf dem Bauch durch kilometerlange Minenfelder gekrochen. Anschließend vertrieben sie den Feind aus seinen Stellungen und hielten sie zwei Tage lang, bis Verstärkung eintraf. Eine Gruppe von 31 Personen leistete die Arbeit eines ganzen Bataillons mit rund 400 Soldaten.“
„Maestro“ ist nach seinem Ein-Mann-Kreuzzug derzeit im Urlaub und wird medizinisch versorgt. Doch schon bald will er an die Front zurückkehren, wie er in dem veröffentlichten Video erklärt.