Konfessionelle Gewalt

Minderheit im Fadenkreuz: Blutige Kämpfe in Syrien eskalieren – Zahlreiche Tote gemeldet

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Zwei Kämpfer sunnitischer Beduinen-Clans fahren auf ihrem Motorrad an den Sicherheitskräften der syrischen Regierung vorbei. In Syrien ist trotz der Bemühungen um mehr Stabilität im Land erneut Gewalt ausgebrochen.
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Die neue Regierung in Damaskus hat ein „Syrien für alle“ versprochen. Aber konfessionelle Gewalt schürt weiterhin Ängste bei Minderheiten im Land.

Damaskus – Eigentlich hofft die Regierung in Syrien nach dem Sturz der Assad-Familie auf Frieden und Wiederaufbau. Die neue Führung hat sich für ein „Syrien für alle“ ausgesprochen. Ausländische Investoren setzen ebenfalls zunehmend auf das von Terror und Armut zerrüttete Land. Trotz der Bemühungen um mehr Stabilität kommt Syrien allerdings nicht zur Ruhe: Erneut kommt es zu Gewaltausbrüchen.

Neue Gewalt in Syrien: Dutzende Tote gemeldet – Drusen im Visier

Die Lage in Syrien ist wieder von Gewalt geprägt. In der südlichen Provinz Suwaida wurden mindestens 40 Menschen bei Zusammenstößen bewaffneter Gruppen getötet, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Morgen berichtete. Darunter seien 27 Angehörige der drusischen Minderheit sowie zehn Beduinen. Mindestens 50 weitere Menschen seien zudem verletzt worden. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dauerte die Gewalt in der Nacht und am frühen Morgen an.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Das syrische Innenministerium bestätigte mehr als 30 Todesopfer und etwa 100 Verletzte in mehreren Gemeinden. Die Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa hatte die Kontrolle in Damaskus nach dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad vor rund einem halben Jahr übernommen. Sie ist seitdem bemüht, Stabilität herzustellen in dem Land, in dem ab 2011 mehr als zehn Jahre lang ein Bürgerkrieg tobte. 

Unruhen in Syrien: Überfall auf Jugendlichen löst Drusen-Gewalt

Bereits vor wenigen Tagen hatte sich die gesellschaftliche Anspannung in der Region in Unruhen entladen. Hintergrund war laut Beobachtungsstelle ein Raubüberall auf einen drusischen Jugendlichen auf der Schnellstraße zwischen Damaskus und Suwaida. Angehörige örtlicher Stämme errichteten demnach einen Kontrollpunkt, an dem sie den jungen Mann gestoppt haben sollen, brutal schlugen und ausraubten. Das Verteidigungsministerium schickte Militäreinheiten, um die Gewalt zu beenden. Einige der Truppen kämpften dabei an der Seite der Beduinen, teilte die Beobachtungsstelle mit.

Wie es weiter aus Regierungskreisen heißt, arbeite man mit den Drusenführern und dem Gouverneur Suwaidas daran, die Lage zu beruhigen. Die Soldaten der Regierung seien dem Schutz der Zivilbevölkerung verpflichtet. „Die Wiederherstellung von Sicherheit und Stabilität in Suwaida ist eine gemeinsame Verantwortung zwischen dem Staat und seinen Bürgern.“

Drusen in Syrien: Religiöse Minderheit in Sorge

In der Provinz Suwaida leben gegenwärtig etwa 700.000 Drusen. Sie machen circa drei Prozent der Gesamtbevölkerung Syriens aus. Sie sind eine religiöse Minderheit, die im 10. Jahrhundert als Ableger eines Zweiges des schiitischen Islam entstand. Während des Bürgerkriegs in Syrien bildeten die Drusen eigene Milizen und streiten seit Assads Sturz über die Integration in die neue Regierung und die Streitkräfte, wie die Nachrichtenagentur AP schreibt.

Trotz kleinerer Erfolge bleibt die Gemeinschaft gespalten. Unter anderem die Deutsche Welle berichtete darüber, dass einige Gruppen eine Entwaffnung ablehnten und echte Sicherheitsgarantien verlangten. Religiöse Führer wie Scheich Hikmat al‑Hijri rufen zur Bewaffnung – sie sehen den Staat als zu schwach, um sie zu schützen, wie Sky News berichtete.

Konflikt in Kriegsland: Drusen hoffen auf „Syrien für alle“

Der innenpolitische Konflikt in Syrien mit den Drusen hat derweil Strahlkraft auf den gesamten Nahen Osten. Im Mai 2025 mischte sich sogar Israel ein. In jüngster Zeit präsentierte sich die israelische Regierung als Beschützerin der Drusen des Landes und öffnete erstmals seit Jahrzehnten die Grenze für Pilgerreisen. Das schrieb die Washington Post. Zudem kündigte Israel Pläne an, den Drusen vorübergehend Arbeitsgenehmigungen für Nordisrael zu erteilen, richtete eine medizinische Triage-Einrichtung zur Behandlung der syrischen Drusen ein und propagierte sogar einen israelischen „Sicherheitsschirm“ für sie.

Die neue Regierung hat dem konfessionell gespaltenen Land mit seinen rund 23 Millionen Einwohnern ein „Syrien für alle“ versprochen. Im Land und international wird der Schutz von Minderheiten kritisch verfolgt. Seit Antritt der neuen Regierung kam es wiederholt zu teils konfessioneller Gewalt mit teilweise hunderten Toten, was weiterhin Ängste schürt, unter anderem bei Drusen, Alawiten und Christen. Vor drei Wochen hatte eine zuvor weitgehend unbekannte Dschihadistengruppe einen Selbstmordanschlag auf eine Kirche in Damaskus für sich reklamiert, bei dem mindestens 25 Menschen getötet und mehr als 60 weitere verletzt wurden. (fbu/dpa)

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