Mittlerer Osten

Sturz von Assad, Damaskus gefallen: Wie geht es in Syrien weiter?

  • schließen

Nach nicht einmal zwei Wochen haben die Rebellen Damaskus erreicht und Assad gestürzt. Syrien steuert auf eine neue Zukunft zu.

Bis zuletzt hatte Baschar al-Assad wohl auf seine starken Verbündeten gehofft. Schließlich hatten sie ihn schon einmal an der Macht gehalten. Aber Russland ist im Ukraine-Krieg gebunden, die Hisbollah im Libanon von der israelischen Armee zerschossen, und auch der Iran scheint zu geschwächt, um sich in Syrien stark machen zu können. In den Morgenstunden am Sonntag kam deshalb das Ende. Assad setzte sich ab.

Die russischen Nachrichtenagenturen Tass und Ria Nowosti berichteten wenig später unter Berufung auf eine Kreml-Quelle, dass Assad und seine Familie nach Russland geflohen seien. Dort habe man ihnen „aufgrund humanitärer Erwägungen“ Asyl gewährt.

Umsturz in Syrien: Moskau schneidet die letzten Bande durch

Dass das Regime am Ende ist, scheint unwiderruflich. Der Kreml schnitt am Sonntag die letzten Bande durch. Assad habe seinen Posten verlassen, teilte das russische Außenministerium mit. Assad habe eine friedliche Machtübernahme angeordnet, hieß es weiter. „Russland hat sich an diesen Verhandlungen nicht beteiligt. Zugleich appellieren wir nachdrücklich an alle beteiligten Parteien, auf Gewaltanwendung zu verzichten und alle Fragen der Staatsführung mit politischen Mitteln zu lösen.“ Russland könne Syrien nicht mehr unterstützen.

So klingt das, wenn man jeden Rückhalt verloren hat. Kurz wurde sogar spekuliert, Assad habe sich in einem Flugzeug befunden, das plötzlich vom Radar verschwand. Gerüchte über einen Abschuss der Maschine zirkulierten.

Ein Oppositionskämpfer tritt in Damaskus auf den abgetrennten Kopf einer Statue des Ex-Präsidenten Hafis al-Assad.

Sturz von Machthaber Assad laut Rebellen „neue Ära für Syrien“

Die Rebellen unter Führung der islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) verkündeten im syrischen Staatsfernsehen und über Soziale Medien ebenfalls den Sturz Assads. Nach der „Unterdrückung“ sei nun „der Beginn einer neuen Ära für Syrien gekommen“. In Damaskus feierten viele Einwohner mit den Rebellen, Feuerwerke wurden gezündet.

Ein Video zeigt Rebellen, die den Präsidentenpalast und dessen Gärten erkunden. Die HTS verkündete, ihre Kämpfer hätten tausende Häftlinge des Regimes aus dem berüchtigten Sednaja-Gefängnis am Rande von Damaskus befreit. Es gibt aber auch Bilder vom Flughafen in Damaskus mit Menschen, die panisch und ohne jede Sicherheitskontrolle zu den Gates stürmen, um das Land zu verlassen.

Sturz von Assad in Syrien: Gruppe der Rebellen ist heterogen

Klar ist: Nach Assad herrscht jetzt ein Machtvakuum in einem Land, das in der Region enorme strategische Bedeutung hat. Das Bündnis der Rebellen wird derzeit von der HTS unter ihrem Anführer Abu Mohammed al-Dscholani angeführt. Ob al-Dscholani selbst nach der Macht greift oder freie Wahlen kommen, ist unklar.

Das große Problem: Das Bündnis der Rebellen ist heterogen. Neben der HTS gibt es die starken Kurdenmilizen aus dem Norden sowie Zellen der Terrormiliz Islamischer Staat. Nicht zu vergessen die Drusen-Milizen im Süden Syriens. Nach dem Sturz des gemeinsamen Feindes könnten unterschiedliche Interessen neue Rivalitäten entfachen. So sehen die Kurden die Nähe der HTS zur Türkei mit großer Sorge.

Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels

Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt. In ganz Syrien versammeln sich Menschen, um den Sturz der syrischen Regierung zu feiern.
Machthaber Baschar al-Assad ist gestürzt und hat das Land verlassen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Im ganzen Land versammeln sich Menschen wie hier in der Hauptstadt Damaskus auf den Straßen. Sie feiern den Sturz der syrischen Regierung und das Ende der über 50 Jahre andauernden Herrschaft der Assad-Dynastie.  © dpa/DIA Photo/AP | Ugur Yildirim
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Menschen durchwühlten die Privatwohnung des geflohenen Machthabers Baschar al-Assad.
Ein zerbrochenes Porträt des syrischen Ex-Präsidenten Hafez Assad liegt auf dem Boden. Der im Jahr 2000 verstorbene Hafez Assad war der Vater Baschar al-Assads und herrschte von 1970 bis zu seinem Tod über das Land. Bürgerinnen und Bürger strömten auch in den Präsidentenpalast und in eine Privatwohnung des geflohenen Machthabers. © dpa/AP | Hussein Malla
Menschen gehen durch die Hallen des Präsidentenpalastes des syrischen Präsidenten, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Der Präsidentenpalast wird nach dem Sturz Baschar al-Assads in Syrien zu einem Publikumsmagenten. Hunderte Menschen strömten in den Protzbau des Ex-Präsidenten und wandelten durch die Hallen. © Hussein Malla / dpa
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Eine Gruppe von Menschen macht ein Familienfoto, während sie auf einer Couch in einem Saal des Präsidentenpalastes, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Syrische Oppositionskämpfer stehen vor dem beschädigten Eingang der iranischen Botschaft, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © dpa/AP | Hussein Malla
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama.
Syrische Oppositionskämpfer entfernen eine syrische Regierungsflagge von einem offiziellen Gebäude in Salamiyah, östlich von Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads.
Überall auf den Straßen feiern Menschen den Sturz Assads. © dpa/AP | Emrah Gurel
Ein Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt eine riesige Menschenansammlung in Aleppo.
Ein von Maxar zur Verfügung gestelltes Satellitenbild zeigt feiernde Menschen auf den Straßen Aleppos. © dpa/Maxar Technologies/AP | Uncredited
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern.
Rauchschwaden im Hintergrund, während Einwohner und Oppositionskämpfer auf einem zentralen Platz in Damaskus feiern. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee.
Menschen versammeln sich zur Feier des Sturzes der syrischen Regierung in einer Glaubensmoschee. © dpa/AP | Emrah Gurel
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien.
Rebellen-Anführer Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee nach der Machtübernahme in Syrien. © dpa/AP | Omar Albam
Ein Bild von Baschar al-Assad in der Stadt Hama ist durchlöchert von Kugeln.
496721846.jpg © Omar Albam / dpa
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren.
Überläufer stellen sich in einer Reihe auf, um ihre Daten bei den syrischen Aufständischen in Aleppo, Syrien, zu registrieren. © dpa/AP | Omar Albam
Nachdem syrische Rebellen Hama erob ert haben, fliehen Menschen aus der Stadt.
Nachdem syrische Rebellen Hama erobert haben, fliehen Menschen aus der Stadt. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.
Oppositionskämpfer fahren an Panzern der Regierungstruppen vorbei, die auf einer Autobahn zurückgelassen wurden, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad. © Hussein Malla / dpa
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo.
Eine zerstörte Straße nach einem Angriff der syrischen Armee in Aleppo. © Anas Alkharboutli / dpa
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist.
Ein syrischer Oppositionskämpfer hält einen Raketenwerfer vor dem Büro der Provinzregierung, an dessen Fassade ein Bild des syrischen Präsidenten Baschar Assad von Kugeln durchlöchert ist. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt.
Ein Kind erklimmt eine abgerissene Statue des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. In ganz Syrien wurden derartige Statuen gestürzt. © dpa/IMAGESLIVE via ZUMA Press Wire | Juma Mohammad
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee.
Ein im Bürgerkrieg zerstörtes Fahrzeug der syrischen Armee. © IMAGO/Rami Alsayed
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt.
Ein syrischer Oppositionskämpfer zerreißt am internationalen Flughafen von Aleppo ein großes Bild, das den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seinen verstorbenen Vater Hafis al-Assad zeigt. © dpa/AP | Omar Albam
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad
Eine zerbrochene Büste des alten syrischen Präsidenten Hafez Assad, Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad, liegt auf einem von Oppositionskämpfern zerstörten Fliesenboden in Aleppo. © dpa/AP | Omar Albam
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama.
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf einem beschlagnahmten Kampfjet auf einem Militärflughafen nahe der Stadt Hama. © dpa/AP | Ghaith Alsayed
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug.
Syrer feiern die Ankunft der Rebellen in Damaskus auf einem Panzerfahrzeug. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft.
Noch im Morgengrauen feierten Menschen die Ankunft der Rebellen in Damaskus. Immer wieder feuerten Syrer mit Gewehren in die Luft. © dpa/AP | Omar Sanadiki
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz.
Auch in Deutschland feierten die Exil-Syrer die Flucht von Assad. Hier etwa in Mainz. © dpa | Andreas Arnold

Al-Dscholani hatte sich zudem schon vor Längerem öffentlich vom Islamischen Staat losgesagt und einen moderateren Kurs eingeschlagen. Der HTS-Anführer setzt, zumindest vordergründig, auf Diplomatie und Versöhnung, spricht davon, keine Rache-Anschläge etwa gegen die USA zu planen. Wie der Mann, der seine Karriere als radikaler Islamist begann und dem auch Folter und Hinrichtungen vorgeworfen werden, tatsächlich agieren wird, ist eine unbeantwortete Frage.

Am Wochenende rief al-Dscholani jedenfalls zur Mäßigung auf. Er verbot den Rebellen, öffentliche Einrichtungen zu stürmen. Dennoch kam es offenbar zu Plünderungen der iranischen Botschaft in Damaskus. Maslum Abdi, Anführer der kurdischen „Demokratischen Kräfte Syriens“ (SDF) sprach von einem historischen Moment. Der Wandel biete eine Chance, ein neues, demokratisches und gerechtes Syrien aufzubauen. Syriens Regierungschef Mohammed al-Dschalali erklärte in einem Video: „Wir sind bereit, mit jeder Führung, die von den Menschen in Syrien bestimmt wird, zusammenzuarbeiten. Und eine reibungslose Machtübernahme sicherzustellen.“

Israel verlegt Soldaten auf Golanhöhen

Israel hat Soldaten in die entmilitarisierte Pufferzone zu Syrien auf den Golanhöhen entsandt, „um die Sicherheit der Gemeinden auf den Golanhöhen und der israelischen Bürger zu gewährleisten“, wie es in einer Erklärung der Armee hieß. Man werde sich aber nicht in die Ereignisse in Syrien einmischen. Israel hatte 1967 im Verlauf des Sechstagekriegs den Großteil der Golanhöhen von Syrien besetzt und die Gebiete später annektiert. Dieser Schritt wird von den meisten Staaten nicht anerkannt. 1974 richtete die UNO eine Pufferzone zum syrischen Teil der Golanhöhen ein. Medienberichte, wonach Israel ein Waffenlager in der syrischen Provinz Kuneitra getroffen habe, kommentierte Israels Armeesprecher nicht.

Assad-Sturz in Syrien: Stimme aus Iran zieht Vergleich zu Fall der Berliner Mauer

Die neuen Machtverhältnisse stehen auch unter dem Druck vieler ausländischer Interessen. So verliert der Iran mit Baschar al-Assad einen strategischen Verbündeten. Syrien war für die Mullahs ein wichtiger Korridor zur libanesischen Hisbollah. Auch deshalb flossen Milliarden US-Dollar aus Teheran in Richtung Assad.

Einige Beobachter sehen sogar den großen Wendepunkt für die sogenannte „Achse des Widerstands“, die der Iran gegen Israel geschmiedet hatte. Nach der Tötung von Hamas-Auslandschef Ismail Hanija sowie Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah und nun der Flucht Assads wurden innerhalb weniger Monate drei Spitzenfiguren der „Achse“ ausgeschaltet. Ein Mitglied der iranischen Revolutionsgarden verglich die Ereignisse in Syrien mit dem Fall der Berliner Mauer, berichtet eine Iran-Reporterin der New York Times.

Auch in Homs feierten Einwohner den Fall der Hauptstadt Damaskus an die Oppositionskräfte.

Sturz von Assad: Wie reagieren Putin in Russland und Erdogan in der Türkei?

Interessen gibt es auch in Moskau und Ankara. Auch wenn Putin Assad nicht mehr an der Macht halten konnte, wird er versuchen, den Fuß in Syrien zu behalten. Russland hat wichtige Luft- und Marine-Stützpunkte an der Mittelmeerküste, die zentral für sein Engagement im Nahen Osten und auch in Afrika sind. Vorsichtshalber hatte Putin seine Flotte dort wegen der Rebellen-Offensive aufs offene Meer befohlen. Wie russische Nachrichtenagenturen berichteten, sollen die Islamisten Moskaus Stützpunkten Sicherheit zugesagt haben. Angeblich gibt es aber schon Debatten im russischen Parlament über einen möglichen Rückzug aus Syrien.

Unklar ist, ob und welche Absprachen die Türkei mit der HTS-Miliz hat. Präsident Erdogan würde gerne Flüchtlinge zurückführen. Und er will eine Ausweitung kurdischer Milizen an der Grenze zur Türkei verhindern.

Die USA haben noch rund 900 Soldaten zum Kampf gegen die Terrormiliz IS in Syrien stationiert. Laut US-Präsident Joe Biden sollen sie vorerst dort bleiben. Sein Nachfolger Donald Trump schlägt andere Töne an. Die USA würden sich nicht in Syrien einmischen, sagte er. Es sei nicht ihr Kampf. (Wolfgang Hauskrecht mit dpa/AFP)

Rubriklistenbild: © Hussein Malla/dpa

Kommentare