SPD

Altkanzler Schröder wird 80: Geschichten aus einer anderen Zeit

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Der hartnäckige, selbstgerechte, unnahbare Altkanzler Gerhard Schröder wird an diesem Sonntag 80 Jahre alt. Eine Betrachtung von Richard Meng.

Einer wenigstens, der noch weiß, wie Regieren gehen kann? Auch diesen Eindruck kann haben, wer in diesen Wochen mal wieder Gelegenheit hat, Gerhard Schröder zu erleben. Im Vergleich zum heutigen Amtsträger tun sich Welten auf. Scholz: abwartend meistens, ein Freund kluger Analysen, vorsichtshalber meist ohne direkte Konsequenz. Schröder: immer wissend, was richtig wäre, von morgen an zudem mit 80 Jahren Lebenserfahrung. Selbstgerecht wie gewohnt, Spaß am Zupacken wie immer.

Nun muss man richtigerweise sagen: Er weiß nur, wie Regieren mal ging – Vergangenheitsform. Seine Zweierkoalition mit den Grünen überlebte sogar den unsäglichen Koch-Kellner-Vergleich. Vor 25 Jahren war Autoritätsein noch ein Erfolgsrezept: ansagen, durchziehen, Hauptsache stark. Im heutigen Berlin kennen sowas nur noch die ganz Alten vom Hörensagen. Und können einwenden: So gewinnt man heute nichts mehr. Zu viele Eigeninteressenspezialisten sind im Spiel, national wie international. Zu viele Parteien im Parlament. Weniger Leute mit Gremienerfahrung, mehr Diversität. Niemand mehr wie Gerhard Schröder.

Der Jubilar in seiner Kanzlei in Hannover.

Schwiegersohn-Typ Schröder setzt sich gegen Ideologen-Lafontaine durch

Nun war dessen großer Moment gerade in dieser kulturellen Hinsicht einer gewissen Sehnsucht geschuldet. Es war 1997/98, der ewige Kanzler Helmut Kohl war nur noch ein Schatten mit historischer Bedeutung. Die SPD war der Fluchtpunkt. Sie hatte sich zu entscheiden zwischen zwei Machos. Sie stellte Schröder auf – und nicht Lafontaine. Einen Schwiegersohn-Typen statt eines Ideologen, vordergründig wahrgenommen. Genau das so gegeneinander zu stellen, war Schröders Strategie gewesen. Höchst erfolgreich, zumal bei ehemaligen Kohlwählern, eine neue kräftige Führung ohne harten inhaltlichen Bruch.

Planend beim Juso-Bundeskongress, Hofheim 1978.

Wofür er damals stand? Der Plan war ein Performance-Plan, genau das hob ihn ins Amt. Einer, der seine persönliche Aufstiegsgeschichte aus armen Verhältnissen zur Marke gemacht hatte. Irgendwie modern, liberal, zeitgemäß. Und einer, der Machtpolitik konnte, immer schon, seit Jusozeiten. Nun also Lafontaine wegbeißen. Partei von oben ruhig halten. Auf die Demoskopen und die Leitmedien hören, letztere in dem schröder’schen Dreiklang Bild, BamS und Glotze zusammengefasst. Machtpolitisch realistisch – gesellschaftlich eher ambitionslos.

Gerhard Schröder beherrscht Medien mit protzigen Bildern und markigen Sprüchen

Dass das Kanzleramt immer schon sein Traum war, blieb Teil der Aufstiegsgeschichte. Jetzt, als viel Pose neben wenig klarem Inhalt stand, kippte der Vertrauensvorschuss. Die Schröder-Politik schlingerte – zwischen deutsch-französischen Staatsmannsgesten (ein Amerikafreund war er nie) und mediengerechten, mitunter protzigen Bildern und Sprüchen (als Versteher auch einer unintellektuell-männlichen Gefühlswelt). Als er manche Lehrer faule Säcke nannte, machte er sich Freunde und Feinde zugleich: Profil, ja bitte. Echte Nahbarkeit? Manches wirkte wie gespielt, selbst wenn es das gar nicht unbedingt war.

Das Regieren läuft wohl gut: Der Kanzler und sein Außenminister Joschka Fischer im Europäischen Rat 2000.

Rot-Grün funktionierte trotzdem einigermaßen, sein grüner Vizekanzler und Generationskumpel Joschka Fischer blieb hin- und hergerissen im Boot. Dann gab es am Ende der ersten Kanzlerlegislatur Gelegenheiten, Führungsfigur zu sein, zuletzt mit dem Irakkrieg der USA. Ob der in Umfragen bedrängte Schröder durch sein unerwartet lautes deutsches Nein plötzlich doch zum Linken wurde? Er wird solche Fragen falsch gestellt finden, auf Notwendigkeit und Vernunft verweisen. Wie direkt nach gewonnener Wahl 2002, sozialpolitisch mit der neoliberalen Wende der „Agenda 2010“, womit die SPD nach der Entstehung der Grünen unter Kanzler Helmut Schmidt noch ein zweites Mal tief emotional gespalten war.

Gerhard Schröder hofft auf vernünftige Politik mit Assad, Ghaddafi, Erdogan und Putin

2003, Istanbul. Ein gewisser Recep Erdogan ist neuer Ministerpräsident, Schröder kommt zum Kennenlernen, festliches Abendessen mit viel Wirtschaft. Die deutsche Erwartung: Aufbruch, mehr Kooperation. Ähnlich war es zuvor gegenüber Baschar al-Assad in Syrien: Hoffnung auf Vernunft in einer neuen Generation. Irgendwann hat Schröder sogar in Tripolis in Ghaddafis Beduinenzelt gesessen. Hier nur in kleiner Runde, erkennbar kein wirkliches Gesprächsergebnis, aber vielleicht doch der Beginn einer rationaleren Beziehung. Und da war dann ja noch Wladimir Putin.

Mit Gattin So-yeon bei „Tannhäuser“ in Bayreuth 2019.

Heute der Kopf eines aggressiv-totalitären Systems, damals möglicher Kooperationspartner. Eine historische Chance aus Sicht eines Kanzlers aus einer Generation, für die das Trauma der deutschen Naziverbrechen lebensprägend war, der im Krieg gefallene Vater als moralische Verpflichtung. Eine menschliche Ebene mit dem Mann im Kreml finden? Seit Kohl/Gorbatschow galt das als geradezu genial. Was wirklich Freundschaft ist, was eher amtsbezogene Cleverness? Wer da zu Beginn schon sauber trennen will, kennt das Leben nicht. Und wachsende Kritik von außen hat bei einem wie Schröder schon so manche Fehlentscheidung verfestigt.

Schröder kann nicht fassen, dass die junge Frau Merkel ihn aus dem Amt treibt

Dass dieser Kanzler sich zwar in eine zweite Legislatur gerettet hatte, aber nie mehr wirklich populär wurde: Vielleicht hat er das selbst als unvermeidbar gesehen. Gerhard Schröder war nie jemand, der Selbstzweifel für etwas Vernünftiges gehalten hätte. Dass ausgerechnet eine unerfahrene junge Frau wie Angela Merkel ihn aus dem Amt würde drängen können: So richtig geglaubt hat er es nicht mal am legendären Wahlabend 2005, als die Zahlen schon anderes aussagten.

Was danach kam, war immer wieder Sturheit pur, gepaart mit privatem Geschäftssinn, öffentliche und später parteiinterne Ächtung hin oder her. Warum Olaf Scholz jetzt nicht endlich mit einer deutsch-französischen Friedensinitiative zur Ukraine um die Ecke kommt? Warum er sich von der FDP immer wieder blockieren lässt, statt an einer passenden Stelle (Haushalt?) den Konflikt zu suchen und notfalls Neuwahlen in Kauf zu nehmen? Einer wie Schröder würde auf den Tisch hauen. Und behaupten, das sei Regieren.

Aber es ist nicht mehr seine Zeit.

Richard Meng war FR-Korrespondent in Bonn und Berlin während Schröders Kanzlerzeiten, 2002 erschien von ihm bei der Edition Suhrkamp das Buch „Der Medienkanzler“.

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