Imamoglu vor Gericht: „Erdogan will stärksten Gegner vor der Wahl aus dem Weg räumen“
VonNail Akkoyun
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Daniel Dillmann
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Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu steht ab heute vor Gericht. Dem Gegenspieler von Präsident Erdogan drohen Haft und Politikverbot.
Update, 13.41 Uhr: Der Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoglu empfindet die Vorwürfe gegen Ekrem Imamoglu als „Hohn“. „Denn jeder Mensch in der Türkei weiß, dass in den letzten 15 Jahren vor allem in den AKP-regierten Kommunen Korruption stattgefunden hat“, sagte der SPD-Politiker mit Blick auf die Erdogan-Partei gegenüber der Frankfurter Rundschau. „Dass bis heute gegen keine einzige AKP-Kommunalverwaltung ein Verfahren eröffnet wurde, während Imamoglu mit Prozessen überhäuft wird, verdeutlicht eindrucksvoll die fehlende Unabhängigkeit der Justiz und belegt zugleich, dass die Vorwürfe gegen Imamoglu rein politischer Natur sind“, sagte der Karaahmetoglu weiter. Auch er rechnet mit großen Protesten an diesem Wochenende.
Wie auch Grünen-Chef Banaszak sieht Max Lucks, Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe, in dem Vorgehen die „von Präsident Erdogan politisch instrumentalisierte Justiz in der Türkei“. Der Grünen-Politiker, der gemeinsam mit seinem Parteichef die Türkei besucht hatte, sagte im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau deutlich: „Erdogan versucht den stärksten Kandidaten der Opposition für die Präsidentschaftswahl aus dem Weg zu räumen.“
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten
Update, 13.05 Uhr: Der inhaftierte und abgesetzte Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu hat beim Prozessauftakt wegen des Vorwurfs der Bedrohung eines Staatsanwalts ausgesagt. Imamoglu erschien persönlich in Silivri vor Gericht. „Ich bin immer jemand, der versöhnt“, sagte Imamoglu in der Verhandlung, wie die türkischen Zeitung Cumhuriyet berichtete. „Ich bin hier, weil ich die Wahlen in Istanbul drei Mal gewonnen habe“.
Ein Anwalt Imamoglus kritisierte, dass der Prozess nicht wie geplant im Istanbuler Gerichtsgebäude stattfand, sondern ins abgelegene Silivri verschoben wurde. Durch die Entfernung und schwierigere Zugangsbedingungen in Silivri verstoße das gegen das grundsätzliche Öffentlichkeitsprinzip eines Prozesses, sagte der Anwalt. Der nächste Prozesstag wurde für den 16. Juni angesetzt, wie Imamoglus Anwalt der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Gefordert werden eine Freiheitsstrafe von bis zu 7 Jahren und 4 Monaten sowie ein Politikverbot.
Update, 11.46 Uhr: Grünen-Chef Felix Banaszak hat sich kritisch zu den Gerichtsprozessen gegen Ekrem Imamoglu geäußert. „Der Erlass eines Politikverbots“ gegen den Erdogan-Kontrahenten „würde die weitere politische Instrumentalisierung der Justiz besiegeln“, sagte Banaszak gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Der Grünen-Chef kam erst aus der Türkei zurück; dort hatte er als Teil einer deutschen Delegation auch mit CHP-Vertretern gesprochen, darunter Nuri Aslan, Interims-Bürgermeister von Istanbul, sowie Özgür Özel, Vorsitzender der CHP.
„Politischen Konkurrenten stellt man sich in demokratischen Wahlen, man lässt sie nicht juristisch fingiert aus dem Weg räumen. Aber die türkische Zivilgesellschaft lässt sich nicht einschüchtern und kämpft für den Erhalt der Demokratie, das habe ich bei meinem Aufenthalt in Istanbul und Ankara diese Woche wieder einmal eindrücklich erleben dürfen“, sagte Banaszak weiter. Er warnte: „Die andauernden Proteste würden bei solch einem Justizversagen sicherlich nur noch größer – und damit vor allem auch gefährlich für Präsident Erdogan.“
Prozesse in der Türkei: Erdogan-Kontrahent Imamoglu muss persönlich vor Gericht
Update, 10.30 Uhr: Imamoglu soll am heutigen Freitag in drei verschiedenen Fällen vor Gericht erscheinen. Im ersten Verfahren, das im Silivri-Gefängnis stattfindet, wird İmamoğlu wegen des Anschlags auf den Istanbuler Generalstaatsanwalt Akın Gürlek verurteilt, berichtet die unabhängige Nachrichtenagentur Bianet. Die türkische Tageszeitung Hürriyet berichtet hingegen, İmamoğlu werde nur vor zwei Gerichten erscheinen. Übereinstimmung herrscht im Fall der vorgeworfenen „Arbeitsmanipulation“: um in diesem Prozess auszusagen, wird Imamoglu den Berichten zufolge im Gerichtsgebäude von Büyükçekmece erscheinen. Eine Uhrzeit ist allerdings nicht bekannt.
Update, 10.08 Uhr: Ob Ekrem Imamoglu am in Kürze startenden Prozess gegen ihn persönlich teilnehmen wird, war bislang unklar. Noch sitzt der CHP-Politiker wegen anderer Vorwürfe im Gefängnis. Ein Gericht hatte vor kurzem verfügt, dass Imamoglu weiter in Untersuchungshaft bleiben müsse. Festgenommen wurde der damalige Bürgermeister Istanbuls am 19. März 2025.
İmamoğlu muss vor Gericht – Prozesse gegen CHP-Politiker beginnen
Erstmeldung vom 11. April 2025: Istanbul – Am heutigen Freitag starten zwei Prozesse gegen Ekrem Imamoğlu. Dem vor Wochen abgesetzten und seitdem inhaftierten Bürgermeister Istanbuls drohen dabei Haftstrafen und ein Politikverbot. İmamoğlu galt bis zu seiner Verhaftung als der wohl bedeutendste Gegenspieler des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.
Die Anklagen gegen Imamoglu sind weitreichend. Dem Politiker der türkischen Oppositionspartei CHP wird in einem Verfahren Betrug bei Ausschreibung in seiner Zeit als Bezirksbürgermeister im Istanbuler Stadtteil Beylikdüzü vorgeworfen. In einem anderen Prozess, der ebenfalls am Freitag beginnt, wird er der Bedrohung eines Staatsanwalts beschuldigt. Sollte Imamoglu in einem der beiden Prozesse verurteilt werden, droht ihm eine langjährige Haftstrafe und ein politisches Betätigungsverbot. Beide Verfahren haben jedoch nichts mit der jüngsten Festnahme İmamoğlus am 19. März zu tun, die vor allem in Istanbul zu massiven Protesten gegen die Politik in der Türkei unter Präsident Erdogan geführt haben.
Prozess gegen Imamoglu beginnt – Protest gegen Erdogan wird fortgesetzt
Die Verhandlungen sollen um 10.00 Uhr sowie in zwei Fällen um 15.00 Uhr Ortszeit (14.00 Uhr MESZ) beginnen. Wie der in einem Gefängnis in Silivri inhaftierte 53-Jährige an den beiden gegen ihn gerichteten Verhandlungen teilnehmen soll, ist noch unklar. Die Entscheidung ist aber bislang nicht rechtskräftig.
Die Proteste gegen die Inhaftierung Imamoglus und gegen die Regierung von Erdogans AKP sollen in der Türkei fortgesetzt werden. Laut Informationen der ARD ist für das Wochenende eine Großkundgebung in der Stadt Samsun im Nordosten der Türkei angekündigt. Imamoglu Partei, die CHP, fordert dessen Freilassung und vorgezogene Neuwahlen in der Türkei.
Name
Ekrem Imamoglu
Partei
Cumhuriyet Halk Partisi (CHP)
Geburtsdatum
4. Juni 1970 in Akçaabat
Amt
Oberbürgermeister Istanbuls (2019 bis 23. März 2025)
Offiziellen Angaben des türkischen Innenministers Ali Yerlikaya zufolge wurden insgesamt mehr als 1400 Personen im Zusammenhang mit den Protesten von der Polizei festgenommen. Bei einem Großteil soll es sich um Studierende gehandelt haben. Etwa 100 Studierende sollen inzwischen wieder aus dem Hochsicherheitsgefängnis Silivri entlassen worden sein.
„Er ist sehr verängstigt“ – Proteste gegen Erdogan sollen Wirkung zeigen
Laut der Opposition haben die massiven Proteste gegen die Regierung bereits eine Wirkung auf Präsident Erdogan. „Er ist sehr verängstigt! Aber ich möchte ihn noch mal erinnern: Wir werden nicht aufhören, bis wir unseren Ekrem-Bürgermeister zu unserem Präsidentschaftskandidaten machen“, sagte CHP-Parteichef Özgür Özel nach einem Bericht der Tagesschau auf einer Kundgebung vergangene Woche.
In dem aktuellen Prozess gegen Imamoglu geht es vor allem um Vorwürfe, die aus den 2010er Jahren datieren. Fachleuten gelten sie als vorgeschoben. Der 53 Jahre alte CHP-Politiker gilt als wichtigster Konkurrent der amtierenden Regierung, die ihre Widersacher bereits seit Jahren auch juristisch verfolgt. „Erdogan ist ganz offensichtlich nicht bereit, von seinem juristischen Feldzug gegen Imamoglu abzulassen“, sagte Maximilian Popp, Türkei-Experte des Spiegel.
Vorwürfe gegen Polizei rund um Proteste gegen Erdogan
Rund um die Proteste in der Türkei gegen die Inhaftierung Imamoglus werden auch Vorwürfe gegen die Polizei laut. Das Nachrichtenportal Nordic Monitor berichtete über Filmmaterial und Aussagen von Augenzeugen, dass die Sicherheitskräfte zahlreiche Demonstranten fotografierten, um das Bildmaterial mutmaßlich per digitaler Gesichtserkennung zur nachträglichen Identifizierung einzusetzen.