Gegenoffensive der Ukraine

Blogger streuen Gerücht: General Gerassimow möglicherweise auf Krim getötet

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In sozialen Medien wird er für tot erklärt: General Waleri Gerassimow führt für Russland den Ukraine-Krieg und soll auf der Krim umgekommen sein. Zweifel bleiben.

Sewastopol – Er hat quasi das Drehbuch zum Ukraine-Krieg geschrieben und war auch sein Regisseur. Jetzt soll er angeblich tot sein. Wird behauptet. Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow ist oberster Kriegsherr von Wladimir Putins Feldzug gegen die Ukraine und soll jetzt durch einen Angriff ukrainischer Streitkräfte auf die annektierte Krim getötet worden sein. Das berichtet Newsweek unter Bezug auf einen Post des Autors Visegrád 24 auf X – vormals Twitter –, in dem die Nachricht über den Tod aus einem Telegram-Kanal eingebettet ist.

Eine Bestätigung zu Gerassimow Tod fehlt aber, weshalb derzeit noch starke Zweifel am Wahrheitsgehalt der Meldung bleiben. Laut Newsweek hat der Autor des Tweets auf deren Anfrage erklärt, die Nachricht auf der Nachrichtenplattform Discord entdeckt zu haben. Unabhängig überprüfen lassen sich die Hintergründe derzeit nicht.

Der russische Armeechef Waleri Gerassimow – Gerüchten zufolge soll er auf der Krim getötet worden sein.

Newsweek verweist auch auf fehlende Hinweise, dass sich Gerassimow im betreffenden Zeitraum überhaupt auf der Krim aufgehalten habe. Waleri Wassiljewitsch Gerassimow ist Armeegeneral, stellvertretender Verteidigungsminister der Russischen Föderation und seit Januar 2023 Oberbefehlshaber über die russischen Truppen des Überfalls auf die Ukraine. Bereits im Mai 2022 sollte ein Attentat auf Gerassimow während einer Frontinspektion in der damals von Russland kontrollierten Stadt Isium gescheitert sein, berichtete die New York Times.

Im Ukraine-Krieg verschwunden: Gerüchte über Tod von Gerassimow auf der Krim aufgetaucht

Gerassimow hatte Anfang vergangenen Jahres den General Sergej Surowikin als Oberbefehlshaber der Invasionstruppen abgelöst. Surowikin war der schnelle Einmarsch in Russland misslungen; aber auch Gerassimow hat keinen Erfolg gebracht, wie die Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) darstellt. Die Kämpfe um die Stadt Awdijiwka seien, in deren Worten, als ein „Mikrokosmos der allgemeinen Versäumnisse des russischen Generalstabs“ zu betrachten. Russland hätte seit Beginn des Krieges immer wieder schwere Verluste bei „mechanisierte Kämpfen mit infanteriegeführten Frontalangriffen“ erlitten und oft empfindliche Niederlagen einstecken müssen. Laut ISW könne die russische militärische Führung wohl aus gescheiterten Offensiven keine Lehren ziehen.

Wladimir Putins oberster Feldherr

Gerassimow wurde 1955 in Kasan, Hauptstadt der Republik Tatarstan, geboren. Schon als Kind soll er davon geträumt haben, Soldat zu werden. Er liebte angeblich Kriegsspiele und verschlang Bücher über sowjetische Helden im Zweiten Weltkrieg. Geschichten eines Onkels, der damals Panzerkommandeur gewesen war, taten ein Übriges.

Nach seinem Schulabschluss durchlief Gerassimow eine Reihe von militärischen Ausbildungsstätten. 1997 beendete er die Akademie für Militärwissenschaften des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation.

Gerassimow war an unterschiedlichen Orten seines Heimatlandes eingesetzt – unter anderem ab 1999 im zweiten, zehn Jahre anhaltenden Tschetschenienkrieg. Von 2010 an wurde er stellvertretender Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte, zwei Jahre später deren Chef, Vize-Verteidigungsminister sowie Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats. (Quelle: taz)

Waleri Gerassimow gilt als Putins verlängerter Arm in Russlands Angriffskrieg

Gerassimow hat allerdings das Drehbuch des ukrainischen Blitzfeldzuges mitzuverantworten, wie er das bereits 2019 in einer Rede an der Russischen Akademie der Militärwissenschaften geäußert hat. Er hat für das Vorgehen Russlands den Begriff „Strategie begrenzter Aktionen“ geprägt und damit Russlands Verteidigung und Förderung nationaler Interessen jenseits der Grenzen verharmlosend beschrieben, wie der Nato-Wissenschaftler Dave Johnson analysiert. Johnson zufolge umreisst das Schlagwort die russische Militärdoktrin seit dem Jahrtausendwechsel und bedeutet den potenziellen Einsatz russischer Streitkräfte jenseits des russischen Territoriums zur Verteidigung russischer Interessen und Bürger – allerdings nur als eine Säule der Destabilisierung des fremden Territoriums, neben zivilen Maßnahmen.

Zum Zeitpunkt der Rede hatte Russland die Krim bereits fünf Jahre völkerrechtswidrig annektiert. Und die damaligen Äußerungen ließen die militärische Eskalation erahnen, wie Johnson schreibt: Laut General Gerassimow zwingt die gegenwärtige Lage Russland dazu, die Formen und Einsatzmittel der Streitkräfte zur strategischen Abschreckung und zur Verteidigung des Staates weiterzuentwickeln. „General Gerassimow sagte, die Reaktion Russlands auf gegenwärtige und absehbare Bedrohungen sei eine ,Strategie der aktiven Verteidigung‘, die voll und ganz im Einklang mit dem defensiven Charakter der russischen Militärdoktrin stehe.“

Die Reaktion Russlands auf gegenwärtige und absehbare Bedrohungen ist eine Strategie der aktiven Verteidigung.

Waleri Gerassimow in einer Rede an der Russischen Akademie der Militärwissenschaften

Russlands „neue“ Denkrichtung: Konfrontation mit den USA und der Nato

Gerassimow steht für eine Verschärfung des Konflikts mit der Nato, die er so deutlich wie nie zuvor seit Gründung der Russischen Föderation 1991 für deren innere Destabilisierung verantwortlich macht und ihr damit die Erhöhung der Gefahr eines Krieges anlastet. Bereits 2013, also kurz vor der Annexion der Krim hatte er ebenfalls vor der Akademie der Militärwissenschaften deutlich gemacht, dass sich vor dem Hintergrund der unter „Arabischer Frühling“ bekannten Unruhen in Nordafrika das Gesicht des Krieges verändern werde, wie die Denkfabrik The Jamestown Foundation berichtet.

Gerassimow habe verdeutlicht, „dass die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden in der Neuzeit verschwimmt“. Der Arabische Frühling habe ihm zufolge zu ausländischer Intervention, Chaos, humanitärer Katastrophe und Bürgerkrieg geführt und stelle zwar keinen Krieg im herkömmlichen Sinne dar, aber werfe die Frage auf, ob solche Turbulenzen zum typischen Krieg des 21. Jahrhunderts werden könnten.

Russlands Vorgehen in der Ukraine geprägt von der Gerassimow-Doktrin

Mit diesen Aussagen machte Gerassimow die Nato hellhörig; später wurde der Begriff „Gerassimow-Doktrin“ geprägt für das russische Vorgehen auf der Krim. Gerassimow wurde laut Christoph Bilban und Hanna Grininger zum Synonym eines „neuen“ und genuin russischen strategischen Denkens – der Idee der hybriden Kriegführung. Laut Jens Siegert von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) definiert der US-Militärexperte Frank Hoffman „hybriden Krieg“ als „einen zugeschnittenen Mix aus konventionellen Waffen, irregulären Taktiken, Terrorismus und kriminellen Handlungen zur gleichen Zeit und auf dem gleichen Schlachtfeld, um politische Ziele zu erreichen.“

Gerassimow selbst formuliert, „der Akzent der verwendeten Methoden der Konfrontation verlagert sich in Richtung einer breiten Anwendung von politischen, ökonomischen, informationellen, humanitären und anderen nicht-militärischen Maßnahmen, die unter Nutzung des Protestpotenzials der Bevölkerung realisiert werden“, wie Christoph Bilban zusammenfasst.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Laut Siegert ist Gerassimow aber kein Urheber dieser Doktrin, sondern nur deren Entwickler: Er klage darüber, dass der Westen einen nicht erklärten Krieg mit irregulären Mitteln gegen Russland führe und dass sein Land hier dringend aufholen müsse. „Gerassimow führt als Beweise für den ,hybriden Krieg‘ des Westens gegen Russland all die Länder an, in denen in den vergangenen 20 Jahren Diktatoren oder zunehmend autoritäre Herrscher auf die eine oder andere Weise gestürzt wurden (oder versucht wurde, sie zu stürzen): Milošević 1999 in Serbien; Saddam Hussein 2003 im Irak durch die militärische US-Intervention; die Aufstände des sogenannten „arabischen Frühlings“ in Tunesien, Ägypten und – aus russischer Sicht: vor allem – der Sturz Gaddafis in Libyen; auch der Bürgerkrieg in Syrien darf nicht fehlen.“

Darth Vader des Ukraine-Kriegs

Christoph Bilban und Hanna Grininger unterstreichen, dass seit 2013/14 solche Umstürze von russischer Seite aus als Art „hybrider Kriegsführung“ des Westens, und vor allem der USA, gesehen werden. Auf diese hybriden Bedrohungen versuche Russland zu reagieren, indem eigene militärische und nicht-militärische Strategien entwickelt werden. Bilban: „Es muss nochmals hervorgehoben werden, dass es sich aus russischer Sicht um eine Reaktion auf das Verhalten des Westens handelt.“

Die taz sieht in Gerassimow den „Darth Vader“ des Ukraine-Krieges: Laut den Journalisten des Investigativmagazins „Bellingcat“ gehörte er zu den Russen, die verantwortlich waren für den Transport des mobilen Mittelstrecken-Raketensystems in die Ostukraine, mit dem im Juli 2014 eine Boeing mit der Flugnummer MH 17 abgeschossen wurde. 2015 beschuldigte die Militärstaatsanwaltschaft der Ukraine Gerassimow, „Hauptideologe des Krieges im Donbass“ zu sein, wie die taz weiter berichtet: Nach Medienberichten soll Gerassimow eine tragende Rolle bei der seit 2015 in Syrien laufenden Militäraktion gespielt haben. „Für ,Mut und Heldentum‘ bekam er im Mai 2016 durch ein geheimes Dekret Wladimir Putins die höchste staatliche Auszeichnung verliehen – den Titel ,Held der Russischen Föderation‘.“

Rubriklistenbild: © Vadim Savitsky/imago

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