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Um Gewalt gegen Frauen zu beenden, braucht es eine Änderung der Machtverhältnisse. Eine Utopie? Nicht unbedingt, wie die Geschichte zeigt. Ein Essay von Sereina Donatsch.
Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig: Man findet sie weltweit in allen sozialen Schichten und in allen Milieus. Wenn irgendwo ein Bruder seine Schwester tötet, weil sie „die Familienehre verletzt hat“, oder in Frankreich ein Ehemann seine Frau ermordet, weil er der Meinung ist, sie dürfe ihn nicht verlassen, dann geht es immer um dasselbe: um Besitz. Solche Männer sind davon überzeugt, dass sie die Frauen besitzen, erklärt die französische Historikerin Christelle Taraud in einem Interview des Podcasts „Les couilles sur la table“ (Eier auf den Tisch) von 2022.
Das Grundproblem ist die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern. Patriarchat ist diese Selbstverständlichkeit, mit der Männer alles, was mit Frau und Weiblichkeit assoziiert wird, geringer achten als alles, was mit Mann und Männlichkeit verbunden wird. Das lehre uns, veranschaulicht der niederländische Aktivist Jens van Tricht in seinem Buch „Warum Feminismus gut für Männer ist“, dass Autonomie und Unabhängigkeit für wichtiger gehalten werden denn Verbundenheit und Fürsorglichkeit, dass Reden wichtiger sei als Zuhören, Gewalt ein legitimes Mittel, um Konflikte beizulegen, dass Verstand wichtiger als Gefühl, Arbeit wichtiger als Fürsorge wäre.
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Wie also die Gewalt gegen Frauen beenden? „Eine Revolution, die das Patriarchat abschafft“, meint die Historikerin Taraud. Das Patriarchat sei ein System, das Frauen zermürbt und „alle Macht an sich reißt“.
In der tradierten westlichen Kultur – und auch in den östlichen, vielen fernöstlichen und nicht wenigen des sogenannten Globalen Südens – wird Männlichkeit immer noch mit Macht, Dominanz und Kontrolle gleichgesetzt. Und junge Männer wachsen weiterhin in diesen Traditionen auf. In den sozialen Medien von Anchorage bis Athen ist Frauenfeindlichkeit kaum noch wegzudenken: „Frauen wollen dominiert werden.“ „Sie brauchen Führung, weil sie selbst keine Entscheidung treffen können.“ Botschaften wie diese verbreitet aber hierzulande auch der AfD-Politiker Maximilian Krah via TikTok. „Lass dir nicht einreden, dass du lieb, soft, schwach und links zu sein hast“, sagt er den jüngeren Usern. „Echte Männer sind rechts.“
Extreme Rechte rekrutiert Nachwuchs auch mit Sexismus
Die neue extreme Rechte rekrutiert längst nicht mehr ihren Nachwuchs mit martialisch nostalgisierten Fantasien von „Blut und Boden“ – der pure Sexismus funktioniert genauso gut. Ein Paradebeispiel dafür liefert niemand Geringeres als der nächste Präsident des mächtigsten Landes der Welt, Donald Trump. Der sich selbst zum Alpha-Mann Erhobene herrscht mit Gewalt und Drohungen, lügt und betrügt. „Er nimmt sich, was er will, egal, wer dabei verletzt wird.“ Genau diese Haltung mache den „echten“ Mann aus, analysiert die britische Feministin Laurie Penny in ihrem vor zwei Jahren erschienenen Buch „Sexuelle Revolution“.
Ohne einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel wird es nicht gelingen, die Frauenhasser nicht nur zum Schweigen zu bringen, sondern sie auch von ihren ausgetretenen Pfaden misogyner Gewalt abzubringen. Die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Laura Segato schlägt daher Frauenpolitik als Grundlage für ein neues System vor: Statt alte Muster zu reproduzieren und Werte wie Raubbau, Aggression, Gewalt, Eroberung und Krieg zu feiern, müssten Konsens, Diskussion, Teilen, Toleranz und Wohlwollen zu Normen erhoben werden. Also genau jene Werte, die „echte Männer“ abtun, weil sie sie dem „schwächeren“ weiblichen Geschlecht zuordnen.
Das klingt alles schön und gut, aber ist es nicht utopisch? Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es schon anders war. Die Frau war nicht immer dem Mann untergeordnet. Für den Historiker Kai Michel beginnt die Degradierung der Frau mit der neolithischen Revolution vor 12 000 Jahren, als die Menschen sesshaft wurden. Von Frauen als schwachem Geschlecht zu sprechen, sei jedoch eine kulturelle Erfindung, die sich erst Jahrtausende später durchgesetzt habe.
Hexenjagden als Wendepunkt im Verhältnis zwischen Mann und Frau
Christelle Taraud teilt diese Ansicht, aber für sie gibt es einen Wendepunkt mit den Hexenverfolgungen in Europa im 17. Jahrhundert. Frauen, die sich nicht der männlichen Ordnung unterwarfen, wurden hingerichtet oder „domestiziert“. „Hexen waren potenziell alle Frauen“, sagt Taraud. „Die junge Frau, die zu hübsch ist und als Verführerin gilt, die alte Frau, die vom Heirats- und Reproduktionsmarkt verdrängt wurde und daher als nutzlos angesehen wird, die Frau mit Landbesitz, die man nicht in einer Machtposition sehen will, die Frau mit Wissen über Pflanzen und Körper …“ Schon im 15. und 16. Jahrhundert – der der Hexenhysterie zugrunde liegende „Hexenhammer“ erschien 1486 – versuchte sich das aufstrebende nichtadelige Finanz- und Handelsbürgertum „mannhaft“ zu zeigen, indem es Frauen beispielsweise ihrer Menstruation wegen als „leckende Gefäße“ abtat.
Der Terror der Frühen Neuzeit habe zu einer hegemonialen Männlichkeit und zum Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben geführt, so Taraud. Die Frauen mussten der männlichen Herrschaft dienen. So konnten sich die Männer die Welt erobern. Die Hexenjagden und die daraus resultierende neue „Ordnung“ ermöglichten es erst, dass die imperialistische Logik sich über den Globus ausbreitete. Es sei deswegen essenziell, die Geschichte neu zu lesen, „da sie von Männern erzählt wurde“. Nur so könne man Taraud zufolge erkennen, dass einer der ersten Völkermorde in der Geschichte die Hexenverfolgungen waren.
Eine Revolution, wie sie Taraud fordert, ist vielleicht unrealistisch – zumindest derzeit. Aber bloße Symptome zu bekämpfen, reicht offensichtlich nicht aus. Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, müssen natürlich besser unterstützt werden. Frauenhäuser und Beratungsstellen sind aber keine Lösung. Prävention gehört forciert. Jungs wie Mädchen sollten schon in der Schule darüber aufgeklärt und die sozialen Medien besser reguliert werden. Auf dem Gehaltszettel muss die Emanzipation endlich durchgesetzt werden. Die Vorstellung von angeblich „typisch weiblichen“ Jobs muss endlich verschwinden.
2023 wurden in Deutschland 360 Mädchen und Frauen Opfer von Femiziden. Das bedeutet, dass fast an jedem Tag eine Frau oder ein Mädchen getötet wurde. Mehr als 52 000 Frauen und Mädchen wurden Opfer sexualisierter Gewalt. Diese Zahlen mögen erschrecken – und vielleicht nützt der Schock etwas. Aber dass diese Zahlen überhaupt erfasst und veröffentlicht werden, ist schon ein Fortschritt. Vor wenigen Generationen wurde sexualisierte Gewalt noch als normal totgeschwiegen. Immerhin das hat sich geändert. Es kann sich also noch mehr ändern.
