VonAndreas Schmidschließen
Der Abischnitt an deutschen Gymnasien sinkt. „Die Ansprüche sind klar heruntergefahren worden“, meint Ex-Lehrerpräsident Kraus. „Junge Leute werden im Grunde belogen.“
Es ist wieder Prüfungszeit an Deutschlands Gymnasien. Nach mehreren anderen Bundesländern startete am Mittwoch auch Bayern in die Abschlussprüfung. Im Freistaat geht es los mit dem Fach Biologie, in den kommenden Wochen folgen die anderen Fächer – am Ende fließen alle in die Abschlussnote ein. Diese Abschlussnoten werden in Deutschland immer besser. In keinem Bundesland gab es 2024 einen schlechteren Schnitt als 2,49 (Schleswig-Holstein). Also Note 2 für Deutschlands Bildungssystem? Alles „gut“? Der ehemalige Lehrerpräsident Josef Kraus sieht in der Entwicklung Augenwischerei – und ein „politisch gewolltes Kasperltheater“.
„Die Noten werden immer besser, aber man kann nicht sagen, dass die heutige Jugend immer schlauer wird“, sagt Kraus im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Denn: „Es sind ganz klar die Ansprüche heruntergefahren geworden. Und wenn die Ansprüche heruntergefahren und die Bewertungskriterien liberaler werden, kommt eben ein besseres Ergebnis heraus.“ In bestimmten Fächern werde „auf immer mehr Inhalte verzichtet“, etwa auf einstige Pflichtlektüren im Fach Deutsch.
Niedrigere Ansprüche beim Abitur? „Dieses Kasperltheater ist politisch gewollt“
Zudem nähmen die mündlichen Noten einen immer größeren Rahmen ein. „Früher gab es das Vierfachabitur mit drei schriftlichen und einer mündlichen Prüfung. Das heißt also, der Anteil der mündlichen Prüfung lag bei 25 Prozent“, erklärt Kraus. „Heute haben wir fünf Prüfungsfächer, davon zwei mündlich, der mündliche Anteil liegt somit bei 40 Prozent.“ Für Schülerinnen und Schüler eine gute Nachricht: „Nun weiß man natürlich, dass bei mündlichen Prüfungen die Ergebnisse im Schnitt immer erheblich besser sind.“
Das mündliche Abitur, auch Kolloquium genannt, besteht in der Regel aus einem Kurzreferat zu einem Schwerpunktthema mit anschließenden Nachfragen zum Inhalt sowie zu anderen Bereichen. Hier gibt es teils große Unterschiede zwischen den Bundesländern. „In Bayern etwa bekommen Schüler eine halbe Stunde vor Prüfung ein Thema, zu dem sie dann acht bis zehn Minuten ein kleines Referat halten sollen“, sagt Kraus, der in Kipfenberg im Kreis Eichstätt geboren ist. „In Hamburg kann ein Prüfling im mündlichen Prüfungsfach statt eines solchen Referats eine Präsentation wählen, dann bekommt er das Thema zwei Wochen vorher. Wer immer dann daran mitwirkt.“
In der Hansestadt gibt es zudem ein Vier-Prüfungsfächer-Abitur, in Bayern und anderen Bundesländern sind es fünf Fächer. Für das mündliche Prüfungsfach kann ein Abiturient in Hamburg zudem den Stoff von zwei Halbjahren vorab ausschließen, in Bayern nur von einem Halbjahr.
Eltern und Schüler „haben natürlich nichts gegen solche Weichspülereien und die Politik klopft sich auf die Schulter: Schaut her, was wir im Bundesland X für erfolgreiche Politik machen“, so der ehemalige Lehrerpräsident. „Dieses Kasperltheater ist politisch gewollt, weil man eine höhere Abiturientenquote haben will.“ Kraus kritisiert seit Jahren einen „durch die PISA-Ergebnisse ausgelösten Irrglauben, Deutschland hätte zu wenig Abiturienten und Akademiker“.
Abiturientinnen und Abiturienten schneiden in Deutschland immer besser ab. Lag der gewichtete Bundesdurchschnitt 2006 noch bei 2,5, liegt er heute bei 2,36. Während der Corona-Zeit fiel der Schnitt sogar unter 2,3. Damals war der Prüfungsstoff aufgrund von ausgefallenen Unterrichtsstunden und Homeschooling weniger umfangreich. Zudem kamen die Schulen den Absolventen mit etwas liberaleren Bewertungskriterien entgegen, da die Schülerinnen und Schüler bekanntlich besonders unter den Pandemieeinschränkungen litten.
Die Folge der Notenverschiebung: Die Zeugnisse seien mittlerweile „ungedeckte Schecks, mit denen jungen Leuten und deren Eltern etwas vorgegaukelt wird“, meint Kraus. „Im Grunde werden sie belogen, denn nachher zeigt sich an den Hochschulen in bestimmten Fachbereichen, dass das 1,0 oder 1,8 Abiturzeugnis eben nicht die Basis für ein anspruchsvolles Studium ist.“ An Universitäten gebe es immer häufiger Auffrischungskurse für bestimmte Fächer, etwa in Naturwissenschaften. „Die Universitäten müssen hier das nachholen, was Abiturienten früher mitgebracht haben.“
Deutscher Hochschulverband sieht „Noteninflation“ im Abitur und „eklatante Mängel“ bei Absolventen
Diese Einschätzung teilt der Deutsche Hochschulverband (DHV). Die im Verband organisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler „beobachten seit geraumer Zeit mit Sorge, dass das Abitur die Studierfähigkeit zwar formal bescheinigt, in der Praxis jedoch immer seltener garantiert“, erklärt DHV-Präsident Lambert T. Koch auf Anfrage des Münchner Merkur von Ippen.Media. „Natürlich gibt es nach wie vor hochmotivierte und leistungsstarke junge Menschen, die nach dem Abitur ein Studium aufnehmen und vom ersten Semester an brillieren“, so Koch. „Hochschullehrende konstatieren jedoch zunehmend eklatante Mängel: Neben unzureichenden mathematischen Vorkenntnissen haben sich auch das Leseverständnis, die Lesebereitschaft und das allgemeine Ausdrucksvermögen insgesamt spürbar verschlechtert.“
Um diese Defizite aufzufangen und auszugleichen, gebe es an den Hochschulen „fachspezifische Brückenkurse“, die fehlende Grundlagen vermitteln. „Diese nachholende Stoffvermittlung stößt jedoch an strukturelle Grenzen, da den Universitäten die Kapazitäten fehlen, um dauerhaft Bildungsaufgaben der Schulen zu übernehmen.“ Daher fordert Koch: „Um die Aussagekraft des Abiturs nachhaltig zu sichern, muss der fortschreitenden ‚Noteninflation‘ durch eine konsequente Ausschöpfung des Bewertungsspektrums Einhalt geboten werden.“
Wie aus Daten der Kultusministerkonferenz hervorgeht, sind die Abiturnoten in allen Bundesländern auch über die vergangenen 20 Jahre deutlich besser geworden (siehe Grafik). In Bayern etwa hat sich der Durchschnitt von 2,43 im Jahr 2006 auf 2,29 im Jahr 2024 verbessert. In anderen Bundesländern gab es teils stärkere Verschiebungen.
Den besten Abischnitt haben derzeit die Schülerinnen und Schüler in Thüringen: 2,13. Das liegt laut Kraus an einer im Vergleich zu anderen Bundesländern niedrigeren Gymnasialquote. Es gehen also eher die „besseren“ Kinder aufs Gymnasium. „Aber trotzdem ist ein Abiturdurchschnitt von 2,1 natürlich nicht glaubhaft“, sagt Kraus.
In ganz Deutschland erreichen immer mehr Schülerinnen und Schüler ein Abitur mit 1,0. Gab es in Bayern 2006 noch 261 Zeugnisse mit 1,0, waren es 2024 fast fünfmal so viele – 1194. „Ein Abitur mit 1,0 ist heute nicht mehr so viel wert wie ein 1,0 früher“, meint Kraus. (Quellen: Josef Kraus, Deutscher Hochschulverband, Lambert T. Koch, Kultusministerkonferenz, eigene Recherchen)
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