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Italiens rechtsnationale Regierungschefin Giorgia Meloni wird laut Umfragen zu den GewinnerInnen der Europawahl gehören. Sie hofft auf neue Machtverhältnisse in Brüssel – nach dem Vorbild von Rom.
Rom – Eine der Stärken Giorgia Melonis besteht darin, dass sie ein Faible für griffige, volkstümliche Sprüche hat. „Schreibt einfach ,Giorgia‘ auf den Wahlzettel“, rief sie vor kurzem bei einer Wahlveranstaltung an der Adria ihrem Publikum zu. Das genüge und sei auch erlaubt.
Die italienische Ministerpräsidentin und Chefin der Partei Fratelli d’Italia tritt in allen Wahlkreisen als Spitzenkandidatin für Europa an – obwohl sie nicht im Traum daran denkt, im Fall einer Wahl zum Europaparlament umzuziehen. Sehr respektvoll gegenüber den Wählerinnen und Wählern ist das nicht – aber così fan tutti in Italien! Auch Oppositionschefin Elly Schlein kandidiert als Listenspitze, ebenso Außenminister Antonio Tajani, Chef der Forza Italia. Diese vorgeblichen Kandidaturen der Aushängeschilder sollen einfach ein paar Stimmen mehr für die Partei bringen.
Giorgia Meloni bei EU-Wahl: Kein Abgang aus Rom
Auch wenn Meloni nicht gedenkt, von Rom für Straßburg einzuwechseln: Umkrempeln will sie die europäischen Machtverhältnisse sehr wohl. „Mit Giorgia wird Italien Europa verändern“, verspricht die Regierungschefin – in der dritten Person – auf ihren Wahlplakaten, die nun im ganzen Land zu sehen sind. Das Ziel hatte Melonis Infrastrukturminister Matteo Salvini schon vor einigen Monaten formuliert: „Wir wollen das italienische Modell nach Europa exportieren und die Sozialisten nach Hause schicken“, postulierte der Lega-Chef. Mit anderen Worten: Die auf EU-Ebene heute tonangebende Koalition aus der christlich-konservativen EVP, den Liberalen und den Sozialdemokraten soll durch eine Koalition abgelöst werden, deren Komponenten alle rechts der Mitte siedeln, so wie in Rom, wo die Fratelli d’Italia, die Lega und die Forza Italia zusammen regieren.
Angesichts der Stimmungslage und der Umfragen, die bei der Europawahl Anfang Juni mehr oder weniger auf dem ganzen Kontinent ein Erstarken der Rechtsparteien erwarten lassen, scheint ein solches Szenario zumindest auf dem Papier nicht unmöglich. Nicht zuletzt dank Melonis Fratelli d’Italia, die bei der Wahl wohl stark zulegen werden, könnte die europäische Fraktion der „Konservativen und Reformer“ (EKR), deren Präsidentin Meloni schon heute ist, im neuen EU-Parlament drittstärkste Kraft werden. Zugewinne werden auch für die deutlich weiter rechts stehende Fraktion „Identität und Demokratie“ (ID) prognostiziert, welcher unter anderem Salvinis Lega, Marine Le Pens Rassemblement National und Geert Wilders Partei der Freiheit angehören. Die ihnen zu rechte AfD haben sie da ja gerade rausgeschmissen.
Brandmauer gegen rechts auch in Italien
Was der Export des „italienischen Modells“ für die europäische Politik bedeuten würde, lässt sich leicht vorstellen: noch mehr Abschottung, noch weniger Integration, noch weniger Gender-Politik und – soweit überhaupt noch möglich – noch weniger Klimaschutz und Umweltpolitik. Allerdings: Zumindest bisher hat die EVP jegliche Kooperation mit der ID ausgeschlossen – es gilt eine ähnliche „Brandmauer“, wie sie die deutsche CDU/CSU gegenüber der AfD hochgezogen hat. Auch Chefdiplomat Tajani, dessen Forza Italia der EVP angehört, betont bei jeder Gelegenheit, dass eine Koalition mit den Rechtsaußen der ID keine Option sei: Mit Salvini und dessen Lega könne man in Rom zwar regieren, „aber die AfD und Le Pen sind eine ganz andere Währung“.
Auch Giorgia Meloni, die weniger weit rechts steht als der Hardliner Salvini, denkt letztlich ähnlich wie ihr Außenminister, darf es aber dem römischen Koalitionsfrieden zuliebe nicht laut sagen. Sie kann mit der populistischen Anti-Brüssel-Rhetorik und der Putin-Bewunderung von Vizepremier Salvini nichts anfangen; in den ersten eineinhalb Jahren ihrer Amtszeit als Ministerpräsidentin hat sie sich in Brüssel erstaunlich konstruktiv gezeigt, und auch an der Unterstützung der Ukraine hat sie nie einen Zweifel aufkommen lassen.
Melonis strategisches Ziel ist es, auch auf EU-Ebene mit der EKR im Konzert der Großen aufgenommen zu werden, wie es ihr vor eineinhalb Jahren mit ihren Fratelli d’Italia in Italien gelungen ist. Sie will auch in Brüssel die politische Schmuddelecke verlassen – mit wem sie sich dann an den Tisch der Mächtigen sitzen wird, ist ihr weniger wichtig.
Aus der einstigen EU-Kritikerin Meloni ist im Palazzo Chigi, dem Regierungssitz in Rom, eine europapolitische Pragmatikerin geworden. Sie weiß genau: Einzig die EU-Mitgliedschaft kann garantieren, dass Italien seinen enormen Schuldenberg von fast drei Billionen Euro weiterhin zu halbwegs tragbaren Zinsen finanzieren kann. Seit ihrem Amtsantritt hat die 47-jährige Römerin außerdem gelernt, dass Italien auch in der Migrationspolitik nicht auf die Unterstützung der EU verzichten kann: Nur dank der geballten politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Macht der Union wird es – vielleicht – einmal möglich sein, mit Herkunftsländern und tatsächlich verlässlichen Drittstaaten Abkommen zu schließen, um Migration einzuschränken und Abschiebungen zu erleichtern.
Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU




Opposition im Italien: Fehlanzeige
Auf EU-Ebene ist Meloni derzeit noch in der Opposition – aber zu Hause in Italien sitzt sie fester im Sattel denn je. Die beiden wichtigsten Oppositionsparteien – der sozialdemokratische PD von Elly Schlein und die Fünf-Sterne-Protestbewegung von Ex-Premier Giuseppe Conte – bekämpfen lieber einander, statt sich auf einen gemeinsamen, Erfolg versprechenden Oppositionskurs zu einigen. Um die inhaltliche Leere zu übertünchen, beschränken sich die beiden darauf, Meloni ein Bekenntnis zum Antifaschismus abringen zu wollen. Das ist etwa so originell, als würde man Sozialdemokraten oder Sozialisten unablässig auffordern, dem Kommunismus abzuschwören.
Meloni muss derzeit nur sich selber fürchten. Mit ihren zum Teil reaktionären gesellschaftspolitischen Positionen und ihren revanchistischen Ausfällen gegen alles, was nach linker Ideologie riecht, bedient sie zwar die Ressentiments eines Teils ihrer Wählerschaft, aber für den zahlenmäßig sehr viel größeren Rest der italienischen Gesellschaft erscheint sie dadurch als das Gegenteil von dem, was sie eigentlich sein möchte: eine moderne, zukunftsorientierte Frau und Politikerin.
Schon ziehen die ersten dunklen Wolken am Horizont auf: Melonis Staatsreform, die auf eine Stärkung der Position der Regierungsspitze abzielt, erwächst immer mehr Widerstand – in der Politik wie in der Zivilgesellschaft. Eine ähnliche Reform hatte schon der Sozialdemokrat Matteo Renzi im Jahr 2016 versucht. Er scheiterte in der Volksabstimmung – und musste zurücktreten. (Dominik Straub)
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