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Franziska Brantner will die Grünen wieder erfolgreich machen. Doch im Osten des Landes wird klar, wie vielschichtig die Probleme der Partei sind.
Halle – Es ist ein bezeichnender Auftakt der Grünen Co-Parteichefin auf ihrer Sommertour durch Sachsen-Anhalt. Kurz vor Halle an der Saale laden Franziska Brantner und ein lokaler Erdbeerbauer zum gemeinsamen Pflücken ein. Bei weit über 30 Grad und in der prallen Sommerhitze kommt: niemand. Nur Brantner mit Team und der Unternehmer unterhalten sich miteinander und essen Erdbeeren. Das Treffen auf dem Feld im Osten Deutschlands ist in zweierlei Hinsicht erkenntnisreich. Erstens: Für die Grünen interessiert sich derzeit kaum jemand. Zweitens: Den Bauern, eigentlich bekennender CDU- und FDP-Wähler, überzeugt Grünen-Chefin Brantner mit ihrer ideologiefreien, pragmatischen Art von sich. Kann also ausgerechnet eine Realo-Grüne aus Baden-Württemberg den Habeck-Traum der Mitte-Volkspartei am Leben halten und die Partei aus der Sinnkrise holen? Die Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA hat Brantner exklusiv begleitet.
Grüne in der Krise: zwischen AfD, Merz und Linken
Seit dem Abgang der schillernden Parteipromis Annalena Baerbock und Robert Habeck sowie dem unrühmlichen Ausscheiden aus der Bundesregierung kommen die Grünen nicht mehr in Fahrt. Mit 11,6 Prozent kam die neue Führung rund um Brantner und ihren Co-Chef Felix Banaszak bei der Bundestagswahl kaum über die Kernklientel hinaus. Eine klare Profilierung in der Opposition ist kompliziert, die erstarkten Ränder rund um AfD und Linke können stets mit markigeren Forderungen kommen als die sich in der progressiven Mitte positionierten Grünen.
Gleichzeitig will die Partei konstruktiv bleiben, verhalf Kanzler Friedrich Merz und seiner Koalition schon bei mehreren Unterfangen zur nötigen Zweidrittelmehrheit. Staatstragend sein, parallel Opposition, aber nicht so radikal wie andere – keine leichte Aufgabe. Das weiß auch Brantner: „Einerseits müssen wir uns als demokratische Parteien gegenseitig unterstützen“, sagte sie in Halle beim Gespräch mit Interessierten in einem Pub. „Andererseits müssen wir den Wettbewerb auch zwischen Parteien der Mitte so spannend machen, dass die Menschen Unterschiede sehen.“ Bisher scheint die Partei diese Quadratur des Kreises noch nicht hinzubekommen. In Umfragen profitiert sie nicht von ihrer neuen Oppositionsrolle, kommt höchstens auf 12 Prozent.
Denn wofür die Grünen abseits von Klimaschutz, der als Anliegen bei den Deutschen gerade keine Konjunktur feiert, überhaupt stehen, ist vielen nicht klar. Oft verbinden Menschen mit der Partei nur Negatives: Vorschriften, Verbote, Besserwisserei. Auch das bekommt Brantner auf ihrer Tour zu spüren, als sie beim Chemieunternehmen SKW zu Besuch ist. Die Industriearbeiter dort stellen Ammoniak her; kaum ein Industriezweig bläst mehr CO₂ in die Luft, entsprechend reserviert empfangen viele der Angestellten die Grüne, die hier zunächst als Neuauflage des großen Feindbilds Robert Habeck wahrgenommen wird.
Brantner überzeugt die, die keine Freunde der Grünen sind
Doch Brantner lässt sich davon nicht aus der Fassung bringen. Sie betont stets, wie wichtig der Industriezweig sei, als Badenerin liege ihr die Chemiebranche schon immer am Herzen. Vor allem aber überrascht sie die Menschen vor Ort mit ihrem Wissen über Wirtschaft und Industrie. Und ihrer Botschaft, dass Wohlstand erst einmal erwirtschaftet werden muss, bevor über dessen Verteilung geredet wird. Solche Sätze kommen gut an, auch bei der nicht gerade grün gesinnten Industrie. „Dr. Brantner hat einen realistischen Blick und wenn mehr ihrer Art in der Bundesregierung gesessen hätten, wären wir heute in einer besseren Situation“, sagt der SKW-Geschäftsführer Carsten Franzke.
Ist Franziska Brantner also die Rettung für ihre Partei? Kann sie die Grünen aus dem von AfD, Söder und Co geschaffenen Feindbild hin zur pragmatischen Partei links der Mitte führen? Im nächsten Jahr wird in Sachsen-Anhalt gewählt, die wenigen Grünen dort bangen, überhaupt wieder in den Landtag zu kommen.
In Brantner und ihre abgeklärte Art setzen die Grünen in dem Bundesland einige Hoffnung: „Franziska ist die Richtige dafür, die Menschen bei uns zu überzeugen“, sagt Bastian George, Vorsitzender der Grünen Stadtratsfraktion in Dessau-Roßlau. „Mit ihrer Art, ihrer Expertise, ihrem ruhigen Umgang mit Menschen. Das wollen die Menschen hier mehr als das Schrille.“ In dem Lob versteckt ist womöglich auch eine Kritik daran, wer die Menschen im Osten nicht überzeugt: die Schrillen, rund um die Fraktionschefinnen Katharina Dröge und Britta Haßelmann sowie Co-Chef Banaszak. Letzterer sucht besonders oft den Weg ins mediale Rampenlicht.
Pragmatische Grüne – Habecks Weg ist schon einmal gescheitert
In Halle, Dessau und Wittenberg wird klar, dass Brantner Menschen durch sachliche Argumente von deren anti-grünen Haltung lösen kann. Und das vor allem in der Arbeiter- und Unternehmerklientel – keine Grüne Kernwählerschaft. Klar wird aber auch: Brantner hat nicht die Bekanntheit Baerbocks oder Habecks, oft wird sie unterwegs nicht erkannt. Um eine Partei erfolgreich zu machen, reicht Überzeugungsarbeit im persönlichen Gespräch alleine nicht aus. Und: Neben dem Klimaschutz braucht die Partei wieder ein für die Menschen erkennbares Profil.
Brantner selbst steht für die pragmatischen Grünen im Erbe Habecks. Sie will sich nicht lange mit Debatten übers Gendern auseinandersetzen („Gendern lässt sich mit einem Satz abräumen: Jeder spricht, wie er will, und jetzt kümmern wir uns mal um die sozialen Herausforderungen“). Und sie vertritt Positionen, die auch im konservativen Lager Anklang finden (Handys raus aus Grundschulen). Ob das ausreicht, damit die Menschen ihr Kreuz bei Grün machen? Die großen Massen jubeln Brantner nicht zu. Außerdem ist Robert Habecks Idee der grünen Volkspartei spätestens bei der Bundestagswahl im Februar gescheitert. Im Gegensatz zu Habeck hat Brantner auch nicht die volle Kontrolle über ihre Partei, die linkeren Bansazak, Dröge und Haßelmann halten viel Macht bei sich und haben andere Vorstellungen, in welche Richtung sich die Partei entwickeln soll.
„Die Dominanz der AfD lässt dich verstummen“
Ob Franziska Brantner Menschenfängerqualitäten hat, wird sich 2026 zeigen. Im einzig grün regierten Bundesland Baden-Württemberg, Brantners Heimat, wird im März gewählt. Die Grüne Vormachtstellung dort droht zu kippen. Und auch in Sachsen-Anhalt wird ein neuer Landtag gewählt. Sollten die Grünen es dort wider Erwarten über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, wäre das vor allem für Brantners Standing in der Partei ein großer Erfolg. Die Vorzeichen sind jedoch negativ, der Ton vor Ort ist rau, wie der Dessauer Stadtrat George weiß. „Man geht weiterhin auf Veranstaltungen – aber man sagt nicht mehr jedes Mal, dass man ein Grüner ist. Die brutale Dominanz der AfD lässt dich verstummen.“
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