Exklusives Porträt

Gegen „die Schnösel“: Wie Felix Banaszak im Schimanski-Modus die Grünen retten will

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Vom Ruhrpott ins Rampenlicht: Wir haben Grünen-Chef Banaszak über Monate begleitet. Eine Geschichte über Schnösel, Nussecken und Gerechtigkeit.

Die Nussecke liegt noch auf dem Autodach als der Wagen schon losrollt. Felix Banaszak merkt's in letzter Sekunde, angelt sich vom Rücksitz aus sein Mittagessen durchs geöffnete Fenster. Eigentlich will er ja weniger Süßes essen, sagt er, aber der Tag ist vollgepackt mit Terminen, für Gesundes fehlt die Zeit. So richtig wohl fühlt sich der Parteichef nicht in der schwarzen Limousine, die ihm die Grünen-Landtagsfraktion bestellt hat. „Mir sind Statussymbole egal“, sagt er, balanciert die Nussecke in der einen Hand und tippt mit der anderen Nachrichten in sein Smartphone.

Es ist Ende Juni, Banaszak ist auf NRW-Rundreise. Heimspiel für den gebürtigen Duisburger, der hier mal Landeschef der Grünen war. Das Handy legt er selten aus der Hand – Absprachen, Entscheidungen, Anfragen, irgendwer will immer irgendwas. Und der Chef reagiert. Banaszak zieht die Augenbrauen zusammen, starrt auf den Bildschirm, seufzt. „Ich hatte mal einen Tag lang mein Handy verlegt, das war der Himmel auf Erden“, sagt er.

Das Handy legt Felix Banaszak selten aus der Hand.

Aus seinem Umfeld heißt es: Er müsse lernen, auch mal Sachen abzugeben. Das fällt ihm schwer, Banaszak hat Ehrgeiz und eine Menge Selbstbewusstsein. Er will die Grünen nach dem Absturz bei der Bundestagswahl nach vorn bringen und ihren Kern aufpolieren – eine große Aufgabe. „Warum wollen wir nicht einfach die Grünen sein? Die soziale Ökologie im Zentrum ist unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Banaszak. Das will er mehr betonen. Und: „Wir dürfen Krisen nicht mehr kleiner reden, als sie sind. Klar sagen, was das für die Menschheit bedeutet, wenn die Natur zerstört wird.“

Felix Banaszak über Jette Nietzard: „Finde ihre Vorstöße bei weitem nicht immer klug“

Seit November 2024 teilt sich Felix Banaszak den Bundesvorsitz der Grünen mit Franziska Brantner. Die neue Rolle hat von einem Tag auf den anderen alles verändert. Allein die Journalistenanfragen. Zu jedem Thema muss er jetzt was sagen. Etwa zum Skandal um den Berliner Grünen-Abgeordneten Stefan Gelbhaar. Gegen den gab es Belästigungsvorwürfe, offenbar zumindest teilweise zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Bei der Aufarbeitung des Falls sei man angesichts der Bundestagswahl „strukturell überfordert“ gewesen, musste die neue Grünen-Spitze später einräumen.

Und neulich, als die Grüne-Jugend-Chefin Jette Nietzard ein Bild von sich im ACAB-Pulli – „All Cops Are Bastards“ – gepostet hatte, sollte Banaszak das kommentieren. Vor der Kamera, am Telefon. Immer wieder. „Ich finde ihre Vorstöße bei weitem nicht immer klug – aber diese Empörungskultur nervt mich auch. Um Inhalte geht es dann meistens nicht“, sagt er.

Ein ACAB-Typ war er in seiner Jugend nie, sagt Banaszak. Rio Reiser liebt er, aber eher die Solo-Sachen, weniger die Songs von Reisers Revoluzzer-Band „Ton Steine Scherben“. Gegen den Strich: Ja. Haudrauf-Punk: Nein.

Strahlkraft von Baerbock und Habeck fehlt noch

An der Bundesspitze der Partei ist er für manche immer noch „der Neue“. Aufgefallen war er schon vorher, etwa mit der kürzesten Rede im Bundestag: Mit einem Vierzeiler dekonstruierte Banaszak vor ein paar Jahren mal einen AfD-Antrag und sorgte damit für Schlagzeilen. Doch: Noch habe niemand in der Partei „die Strahlkraft von Robert und Annalena“, sagt er selbst. Die Ex-Minister Habeck und Baerbock haben eine gewisse Leerstelle hinterlassen. „Wir sind keine Christian-Lindner-One-man-show. Aber wir wissen, dass Personalisierung wichtig ist“, so Banaszak. „Das ist eine meiner Hauptaufgaben als Bundesvorsitzender.“

Porträt über Felix Banaszak

Banaszak
Felix Banaszak im Landschaftspark Nord, einem stillgelegten Hüttenwerk in Duisburg. „Diese Ruhrpott-Folklore fand ich früher rückwärtsgewandt. Aber mittlerweile weiß ich das als Teil unserer Identität wertzuschätzen.“  © Peter Sieben
Banaszak
Der Fotografierte wird zum Fotograf. Schon als Schüler „zwischen Klassenclown und Klassensprecher.“  © Peter Sieben
Banaszak in Duisburg
„Bier mit Banaszak“ heißt eine regelmäßige Runde in Duisburg. Oft wird es voll.  © Peter Sieben
Banaszak in Duisburg
„Bier mit Banaszak“.  © Peter Sieben
Banaszak
Felix Banaszak trifft seinen ehemaligen Mathelehrer. „Der Felix“ habe sich immer für Schwächere eingesetzt, erzählt der.  © Peter Sieben
Banaszak
Der Grünen-Chef sucht ein Kinderbuch für seine Tochter – als Geschenk, wenn er wieder nach Hause kommt.  © Peter Sieben
Banaszak
Banaszak in Duisburg. © Peter Sieben
Banaszak
Das Handy legt er selten aus der Hand.  © Peter Sieben
Banaszak mit Handy
Irgendwer will immer irgendwas – und der Chef reagiert.  © Peter Sieben
Banaszak
„Ich hatte mal einen Tag lang mein Handy verlegt, das war der Himmel auf Erden“, sagt Felix Banaszak. © Peter Sieben
Banaszak
Manchmal, wenn am Wochenende Zeit ist, zieht sich Banaszak mit seiner Familie zurück – an einen Ort ohne guten Handyempfang.  © Peter Sieben
Banaszak
Mittagspause beim Italiener. Wenn es mit der Politikkarriere vorbei ist, will er ein Restaurant aufmachen – oder eine Kneipe.  © Peter Sieben
Felix Banaszak, Zafer Sirakaya und Max Lucks (v.l.) bei der AKP in Ankara.
Treffen mit Ausblick: Felix Banaszak, Zafer Sirakaya und Max Lucks (v.l.) bei der AKP in Ankara.  © Peter Sieben
Max Lucks zusammen mit Grünen-Chef Felix Banaszak und der Vorsitzenden der Grünen im EU-Parlament, Terry Reintke, bei der CHP in Istanbul.
Max Lucks zusammen mit Grünen-Chef Felix Banaszak und der Vorsitzenden der Grünen im EU-Parlament, Terry Reintke, bei der CHP in Istanbul.  © Peter Sieben
Felix Banaszak und Max Lucks
Auf dem Weg zur AKP-Zentrale: natürlich mit Schlips.  © Peter Sieben
Banaszak
Kurzes Interview am Rande einer Wirtschaftskonferenz im Ruhrgebiet – dann geht es weiter.  © Peter Sieben
Banaszak
Social-Content-Produktion mit der Grünen-NRW-Fraktionschefin Verena Schäffer in Düsseldorf. © Peter Sieben
Banaszak
Entspannt in der Stammkneipe – manchmal sitzt er hier auch mit Bärbel Bas.  © Peter Sieben

Banaszak drängt nach vorn, sitzt jetzt öfter bei Lanz und Co. Mediale Präsenz. Trotzdem tun sich manche noch schwer mit seinem Namen. Wie beim ersten Termin an diesem Juni-Tag, einer Wirtschaftskonferenz im Ruhrgebiet. Der Moderator spricht Banaszak jedes Mal so aus, dass es wie „Banajacques“ klingt, irgendwie französisch. Statt „Banaschak“, mit „sch“-Laut. In der Halle und auf der Bühne: Unternehmer, Lobbyisten. Viele dunkle Anzüge. Gereicht werden Lachs-Canapés. Kein Grünen-Stammpublikum. Der Grünen-Chef kann trotzdem punkten, trifft den richtigen Ton, kriegt Applaus. Was er sagt, ist meist improvisiert, heißt es aus seinem Team – an Redemanuskripte halte er sich selten.

Grünen-Chef: „Fahre einen Golf, der über 20 Jahre alt ist“

Nach der Podiumsdiskussion ist nicht viel Zeit. Ein paar Hände schütteln, ein kurzes Interview, dann ab auf den Parkplatz. Zwischen schwarzen Nobelkarossen und SUVs: ein winziger Wagen, asiatisches Fabrikat. Am Steuer: Heike Kaminski, Leiterin von Banaszaks Wahlkreisbüro in Duisburg, Fachfrau für alle Fälle und jetzt Fahrerin. Im Kleinwagen ist der Grünen-Chef entspannter. „Ich fahre selbst einen Golf, der über 20 Jahre alt ist“, sagt er und zwängt sich auf den Rücksitz. Heike Kaminski lenkt, Felix Banaszak tippt.

Stört ihn das eigentlich, wenn Leute seinen Namen falsch aussprechen? „Nee, das ist ja jetzt eher deren Problem als meins“, sagt Banaszak, dessen Familie aus Polen stammt. Sein Vater lässt sich noch immer mit dem eingedeutschten Namen ansprechen, der klingt wie „Ba-nass-tzak“. Aber Sohn Felix wollte die polnischen Wurzeln wieder stärker betonen.

Banaszak studiert gern: Schulreferate eines Einser-Strebers

Das Arbeiterkind aus dem Ruhrpott merkt man ihm nicht an. Kein „dat“ und „wat“, Banaszak ist wortgewandt. Er doziert gern. Als er detailliert die technischen Abläufe in der Kokerei erklärt, in der sein Großvater einst malocht hat, klingt es ein bisschen wie das Schulreferat eines Einser-Strebers. Menschen, die ihn näher kennen, bescheinigen ihm ein unglaublich gutes Gedächtnis. „In der Schule war ich irgendwas zwischen Klassenclown und Klassensprecher“, sagt er. Ein ehemaliger Mathelehrer sagt im Gespräch mit dieser Redaktion über ihn: Vor allem habe sich „der Felix“ für Schwächere eingesetzt. Auch gegen den Widerstand von Mitschülern.

Kurze Mittagspause bei einem seiner Lieblingsitaliener: Wenn es mit der Politikkarriere vorbei ist, will Banaszak ein Restaurant aufmachen – oder eine Kneipe.

Eine Geschichte, die den Grünen-Politiker bis heute prägt und von der er oft erzählt, ist die Sache mit Bivsi Rana. Das 14-jährige Mädchen war 2017 urplötzlich aus der Schule in Duisburg abgeholt und nach Nepal abgeschoben worden. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen, Bivsi war in Deutschland geboren worden, die Familie galt als gut integriert. Eine Ungerechtigkeit, die Banaszak, damals noch Sprecher der Duisburger Grünen, nicht akzeptieren wollte. Wochenlang setzte er sich für das Mädchen ein, flog nach Kathmandu – am Ende durfte die Familie zurückkommen.

„Das hat mich auch emotional sehr gepackt. Da ist dann so eine Wut, wenn etwas Ungerechtes passiert“, erzählt er. „Als klar war, dass die Familie zurückkommen kann, hab ich zu Hause auf dem Balkon gesessen und richtig angefangen zu heulen, weil die Anspannung abgefallen ist.“

Mit Schimanski-Attitüde gegen Erdogan und „die Schnösel“

Auf den Fotos von damals sieht man ihn in T-Shirt und mit Piercing in der Unterlippe. Heute trägt er dunkle Anzüge, die immer wie angegossen sitzen, und das Piercing ist längst Geschichte. „Ich persönlich bin eigentlich kein Anzugträger“, sagt Banaszak. Aber er habe Respekt vor seinem Mandat, da könne man nicht mehr im T-Shirt rumlaufen. „Außerdem will ich, dass meine politischen Gegner sich inhaltlich mit mir auseinandersetzen und nicht mit meiner Kleidung.“

Also wenig Angriffsfläche bieten: Das birgt die Gefahr, beliebig zu werden. Doch Banaszak hat eine Schimanski-Seite, die könnte sein Alleinstellungsmerkmal sein, die man als Parteichef vielleicht braucht. Den Duisburger „Tatort“-Kommissar aus den 80ern, gespielt von Götz George, liebt er. Nicht das Machohafte, nicht die Prügel-Attitüde. Sondern: „Schimanski legt sich mit den richtigen Leuten an. Mit den Schnöseln, die sich für was Besseres halten“, sagt Banaszak. „Ich geh gern in die Höhle des Löwen.“

Grünen-Chef Felix Banaszak zusammen mit Max Lucks und der Vorsitzenden der Grünen im EU-Parlament, Terry Reintke, bei der CHP in Istanbul.

Einmal lag die Höhle des Löwen in der Türkei. Als dort im April die Proteste gegen Erdogan nach der Festnahme von Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu hochkochen, fliegt Banaszak kurzentschlossen nach Istanbul. Um Solidarität zu zeigen. Eine Handvoll Presseleute ist dabei, als er gemeinsam mit dem Grünen-Abgeordneten Max Lucks türkische Oppositionelle trifft. Und schließlich auch den Vize-Chef von Erdogans AKP, Zafer Sirakaya. Der erste große diplomatische Auftritt als Grünen-Chef. Noch kurz vorher, auf dem Weg zur Parteizentrale, kommt im Minibus die Frage auf: mit Schlips oder ohne? „Natürlich mit“, sagt Banaszak und zeigt Lucks, wie er den Doppelten Windsor knoten muss. Keine unnötige Angriffsfläche bieten.

Mit Bärbel Bas in der Stammkneipe: „In Duisburg trifft man sich schon mal zu später Stunde“

Zurück ins Ruhrgebiet. Es ist nach Mitternacht, Banaszak hat den letzten Termin hinter sich und sitzt jetzt in seiner Duisburger Stammkneipe. Es ist schummrig, aus den Boxen dröhnt Rock aus den 90ern – und jeder hier erkennt ihn. Auch in Berlin kann er nicht mehr unbemerkt U-Bahn fahren, seit er Grünen-Chef ist. Da grüßen ihn dann Leute, und manchmal quatschen ihn auch Wildfremde an, die die Grünen blöd finden. Selbst, wenn seine kleine Tochter dabei ist. Das bringe ihn schon zum Nachdenken, sagt Banaszak. Aber noch will er nicht aufs U-Bahnfahren verzichten oder nur noch mit Kapuze und Sonnenbrille rumlaufen.

„Bier mit Banaszak“ heißt eine regelmäßige Runde in Duisburg. Oft wird es voll. „Begegnungen mit Menschen inspirieren mich, sie geben mir Energie“, sagt Banaszak.

Mit am Tisch jetzt: Jule, mit der sich Banaszak in Duisburg eine Wohnung teilt, und Kevin, der bei den Duisburger Grünen mitmischt. Manchmal sitzt hier auch Bärbel. Bas, die Bundesarbeitsministerin. „Mit Bärbel verstehe ich mich sehr gut, in Duisburg trifft man sich auch schon mal zu später Stunde in der Stammkneipe“, sagt Banaszak. Er ist jetzt sichtlich entspannt, das Handy ruht irgendwo in der Jackentasche, Banaszak lacht laut und trinkt Pils – nur Pils, niemals Schnaps, das sei seine Regel.

Die Grünen-Spitze: Felix Banaszak als Gegenpol zu Franziska Brantner

In der Kneipe war er schon als Schüler, stritt mit anderen über Politik und wollte bloß nie Spießer werden. Heute blickt er milde auf das Sturm-und-Drang-ich. Natürlich könne man nicht immer alle Jugendideale bis ins Erwachsenenalter behalten. Auch mit dem Ruhrgebiet, mit dem er früher manchmal haderte, hat er sich längst ausgesöhnt: „Diese Ruhrpott-Folklore fand ich früher rückwärtsgewandt. Aber mittlerweile weiß ich das als Teil unserer Identität wertzuschätzen.“ Vielleicht ist die Kneipe auch mal Vorbild für die Zeit nach der Politik: Lobbyarbeit, Verbände – das sei dann nichts für ihn. Ein Restaurant will er dann aufmachen, erzählt er. Oder eben eine Kneipe.

Banaszak gilt als Linker, als Gegenpol zu Realo-Strategin Brantner. Ein Fundi ist er aber nicht. Dass er über die Jahre pragmatischer geworden ist, zeigt sich sogar an seiner Frisur. Seitenscheitel und lässige Locke waren sein Markenzeichen. Neuerdings sind die Haare kürzer, der Scheitel ist verschwunden. „Ich hab einfach keine Zeit mehr für die Frisur und brauchte was Praktisches“, erklärt Banaszak – und doziert jetzt über Lebensphasen. Rio Reiser, sein Lieblingskünstler, habe für jede Phase ein passendes Lied. Welches passt denn aktuell zu seinem Leben? Als Chef einer Partei, die die größte demokratische Oppositionskraft ist? Banaszak überlegt, zieht die Augenbrauen zusammen. Trinkt nochmal einen Schluck Pils. Dann fällt ihm was ein, es ist ein Scherben-Song: „Stück für Stück ins Paradies.“

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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