Interview

Carola Rackete: „Die Grünen haben sich von ihren Positionen entfernt“

  • schließen

Carola Rackete, EU-Kandidatin der Linken, über Hinterzimmerdeals, gerechte Klimapolitik und ein Verbot von Privatjets. Das Interview.

Die 35-jährige Carola Rackete ist bekannt geworden als Kapitänin der „Sea-Watch 3“, auf der sie flüchtende Menschen aus dem Mittelmeer rettete. Am Wochenende jedoch möchte die Aktivistin ein neues Kapitel beginnen. Die parteilose Frau will als eine der Spitzenkandidat:innen für die Linke bei der Europawahl im Juni 2024 antreten. Die Partei wählt ihre Kandidat:innen am Wochenende in Augsburg.

Frau Rackete, warum treten Sie bei den Linken an?

Mir geht es um die Veränderung von Machtverhältnissen. Der Staat in Europa muss demokratischer werden. Wir müssen den Lobbyeinfluss beenden, damit wir Entscheidungen für das Gemeinwohl treffen können. Das wird ohne linke Politik nicht gehen.

Sie kommen aus den sozialen Bewegungen für das Klima und sind bekannt geworden als Kapitänin in der Seenotrettung. Wären auch die Grünen für Sie in Frage gekommen?

Heute sicher nicht mehr. Ich gebe zu, ich habe einmal die Grünen gewählt, das ist schon lange her, bei meiner allerersten Wahl vor 15 Jahren. Seither nicht mehr. Jetzt wird es ganz klar: Beim Migrationspakt haben die Grünen ihre Position aufgegeben. Das finde ich absolut untragbar. Beim Thema Klima wird auch klar, wie stark die Grünen sich von ihren Positionen entfernt haben: beispielsweise bei ihrem Hinterzimmerdeal mit RWE zum Kohleausstieg in NRW und dem Abriss von Lützerath. Sie propagieren zudem grünes Wachstum und das ist mit den planetaren Grenzen nicht vereinbar. Die Klimakrise und das Artensterben eskalieren immer schneller. Wir brauchen eine Umstrukturierung des Wirtschaftssystems und eine faire Verteilung von dem, was wir haben. Mit einem begrünten Kapitalismus können wir die ökologischen Probleme nicht lösen.

Carola Rackete: Linke als „Korrektiv zur SPD und Grünen“

Kann man denn als Europaabgeordnete der Linkspartei etwas bewirken, um diese Ziele zu erreichen?

Man muss realistisch sein. Es gibt in Brüssel 25 000 registrierte Lobbyistinnen und Lobbyisten. Nur in Washington gibt es mehr. Das zeigt aber auch, wie wichtig das ist, was da entschieden wird. Die Aufgabe einer linken Abgeordneten muss darin liegen, transparent zu machen, wie dort entschieden wird, welche Deals dort laufen, wo Lobbypolitik stattfindet. Es geht auch darum, die Stimmen derjenigen dorthin zu tragen, die von den Entscheidungen betroffen sind: die Zivilgesellschaft, auch im globalen Süden.

Wollen Sie Mitglied der Linken werden?

Ich bin als Parteilose angefragt worden und finde es auch sinnvoll, weil wir gerade die Klimagerechtigkeitsbewegung mit dem Parlament vernetzen möchten. Ich möchte im Agrarausschuss und im Umweltausschuss arbeiten. Da macht diese Vernetzung Sinn, aber auch eine gewisse Unabhängigkeit von der Partei. Deswegen steht es für mich nicht zur Diskussion einzutreten.

Carola Rackete wurde 2019 als Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ in Italien verhaftet.

Die Linkspartei ist in einer schwierigen Phase, es gibt eine Abspaltung des Flügels um Sahra Wagenknecht. Wie nehmen Sie diese Spaltung wahr?

Ich war am Wochenende beim Landesparteitag in Sachsen, dem Landesverband, der mich vorschlägt. Die Stimmung war hervorragend. Ich habe den Eindruck, dass ein Großteil der Mitglieder erleichtert ist, dass es nach vorne geht. Ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt ist, wo auch wir aus der Zivilgesellschaft uns dafür einsetzen müssen, dass die Linke sich erneuert. Es gibt einen Platz in unserem parlamentarischen System, den diese Partei einnehmen muss – als linkes Korrektiv zur SPD oder zu den Grünen. Man sieht das an der Mindestlohndebatte. Die Linke hat die Einführung des Mindestlohns vorangetrieben, die SPD hat ihn dann umgesetzt.

Zur Person

Carola Rackete war Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ und wurde 2019 von der italienischen Polizei verhaftet. Sie landete mit 40 Flüchtlingen am Hafen von Lampedusa, nachdem die Behörden ihr dazu keine Zustimmung erteilt hatten. Außerdem war sie unter anderem bei Extinction Rebellion tätig.

Beim sächsischen Landesparteitag haben Sie gesagt, dass Sahra Wagenknecht „den Rassismus im Fernsehen salonfähig“ mache. Wie war das gemeint?

Sahra Wagenknecht setzt sich sehr stark für einen deutschen Industriearbeiter ein, aber nicht so stark für alle anderen Teile der Arbeiterklasse, zum Beispiel für Menschen mit Migrationshintergrund, die in schlecht bezahlten Jobs arbeiten und hier marginalisiert sind. Wagenknecht macht hier einen Schulterschluss mit den Rechten. Sie hat ja auch gesagt, dass sie kein Problem damit hätte, mit der AfD zu stimmen. Das wäre ein Abreißen der Brandmauer.

Die Bewegungslinke steht bei anderen Teilen der Linken unter Verdacht, woke Themen in den Vordergrund zu stellen, die an den zentralen Interessen der Menschen vorbeigehen. Wie beurteilen Sie diesen Vorwurf?

Die Gräben zwischen den Strömungen müssen überwunden werden, damit die Partei wieder erstarken kann. Ich denke, dass die Klimakrise die größte soziale Krise ist, die wir in den nächsten Jahren haben werden, weil sie jedes einzelne soziale Problem noch schlimmer macht und hauptsächlich ärmere Menschen betrifft.

Racketes Zeit in der Seenotrettung „vorbei“

Sie sprechen sich für das Kappen von „Luxusemissionen der Reichen“ aus. Was bedeutet das?

Wir könnten die Emissionen massiv verringern, wenn die reichsten zehn Prozent nur auf den Durchschnitt herunterkommen würden. Das werden wir nur durch Verbote schaffen. Jeder soll genug haben. Aber wir dürfen nicht sinnlos weitere Emissionen in die Luft blasen. Wir fokussieren uns darauf, wer die meisten Emissionen ausstößt. Wir wollen ein Verbot von Privatjets und eine Reduktion des Gewichts von Pkw bei der Neuzulassung – also nicht konkret ein Verbot von SUV, aber eine Einschränkung. Das würde auch heißen, Kurzstreckenflüge zu verbieten, aber gleichzeitig die Zugverbindungen auszubauen.

Sie kandidieren in Sachsen. Was verbindet Sie als Niedersächsin, die in Schleswig-Holstein geboren ist, mit diesem Bundesland?

Die Nominierung kommt zustande, weil die bisherige Abgeordnete Conny Ernst, die nicht wieder antreten will und in den Ruhestand geht, mich vorgeschlagen hat. Konkret verbindet mich mit Sachsen der Strukturwandel in der Lausitz. Er ist ein Beispiel für eine Situation, die wir in vielen Teilen Europas bewältigen müssen, indem wir eine sozial gerechte ökologische Transformation umsetzen müssen. In der Lausitz ist das besonders schwierig, weil die Leute dort vor 30 Jahren einen fehlgeleiteten Strukturwandel erlebt haben und natürlich große Sorge haben, dass der nächste Strukturwandel wieder über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Sie sind bekannt geworden als Kapitänin in der Seenotrettung. Ist diese Phase Ihres Lebens vorbei oder könnten Sie dorthin zurückkehren?

Das ist vorbei, auch weil die Zertifikate ablaufen. Es ist wie bei Piloten: Man muss in der Berufspraxis drin sein und seine Zertifikate erneuern, damit das sicher ist. Insofern ist das durch.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

Kommentare