Außenministerin rückt in die zweite Reihe

Grünes Machtvakuum und Forderung nach Linksruck: Was folgt auf den Rückzug von Baerbock und Habeck?

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Das Spitzenduo Baerbock und Habeck zieht sich vorerst zurück. Die Grünen stehen vor einem Umbruch. Neue Führungskräfte müssen jetzt Verantwortung übernehmen.

Berlin – Die Grünen erleben nach den Ergebnissen der Bundestagswahl ein personelles Erdbeben. Nachdem Kanzlerkandidat Robert Habeck seinen Rückzug angekündigt hatte, erklärte am Mittwochmorgen auch Außenministerin Annalena Baerbock, dass sie vorerst keine Führungsrolle bei den Grünen mehr anstrebe. Innerhalb von nur anderthalb Wochen verlieren die Grünen somit ihre beiden prägenden Persönlichkeiten der letzten Jahre. Die Partei und Fraktion stehen nun vor der Herausforderung, diese Lücke zu schließen. Wer könnte in den kommenden Jahren in der Opposition die Führung übernehmen?

Robert Habeck und Annalena Baerbock wollen vorerst in die zweite Reihe bei den Grünen rücken. Wer kann sie ersetzen?

Baerbock und Habeck verzichten auf Führungsrollen: Wer wird die Grünen in Zukunft leiten?

Normalerweise trennen die Grünen strikt zwischen Parteiführung, Fraktionsvorsitz und der Übernahme von Regierungsämtern. Nachdem Baerbock und Habeck infolge der Koalitionsverhandlungen der Ampel-Parteien Ministerposten erhalten hatten, schieden sie als Parteivorsitzende aus. Ricarda Lang und Omid Nouripour übernahmen die Führung, traten jedoch im November 2024 nach enttäuschenden Landtagswahlergebnissen im Osten zurück.

Seit Dezember 2024 leiten Franziska Brantner und Felix Banaszak die Partei. Das neue Führungsduo der Grünen kündigte kurz nach der Bundestagswahl 2025 an, ihre Positionen trotz des enttäuschenden Ergebnisses beibehalten zu wollen. „Wir sind im November 2024 gewählt worden“, erklärte Banaszak am Montag nach der Wahl gegenüber t-online. „Und haben vor, das Amt jetzt auch in dieser Situation weiter auszuüben.“ Innerhalb der Partei werden sie also weiterhin eine zentrale Rolle spielen.

Baerbock strebt Fraktionsvorsitz nicht an – Haßelmann und Dröge haben freie Bahn

Für die Fraktionsführung gibt es ebenso zwei klare Favoritinnen: Britta Haßelmann und Katharina Dröge. Beide führten die Grünen-Fraktion bereits in der letzten Legislaturperiode und signalisierten nach der Wahl, dass sie gerne weitermachen würden. In der vergangenen Woche kursierten jedoch erste Überlegungen, wer in der Fraktionsspitze Platz machen könnte, sollte Baberbock ihren Hut in den Ring werfen. Eine mögliche Nominierung von Haßelmann zur Bundestagsvizepräsidentin stand im Raum, um den Posten für die Außenministerin freizumachen. Doch diese Überlegungen können nach Baerbocks Ankündigung vorerst ad acta gelegt werden.

„Mit zwei starken Frauen an ihrer Spitze beginnt jetzt ein neues Kapitel für unsere Fraktion“, betonte Baerbock in einem am Mittwochmorgen veröffentlichten Brief. Dröge und Haßelmann wurden erst kürzlich geschäftsführend im Amt bestätigt und haben — Stand jetzt – gute Chancen, auch in der kommenden Legislaturperiode den Kurs der Grünen-Fraktion zu bestimmen.

Rufe nach einem Linksruck in der Grünen-Fraktion – Ricarda Lang im Fokus

Laut dem Focus gibt es jedoch auch Forderungen aus den linken Kreisen der Fraktion, die Führung neu zu gestalten. „Nach acht Jahren mit einer Realo-Doppelspitze in der Führung brauchen wir personelle Veränderungen“, äußerte ein anonymes Mitglied des linken Flügels im Gespräch mit dem Focus. Der Vorschlag: Die bewährte Kombination aus Parteilinken und Realos soll durch eine linke Doppelspitze ersetzt werden. Ein Name, der in diesem Zusammenhang häufig genannt wird, ist Ricarda Lang.

Die ehemalige Parteivorsitzende genießt seit ihrem Rücktritt im letzten Jahr große Beliebtheit. Zuletzt zeigte die 31-Jährige mit klaren Worten gegen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, dass sie in der Opposition eine führende Rolle als Kritikerin der Regierung übernehmen könnte. Laut dem Focus ist jedoch eine sofortige Rückkehr von Lang in die erste Reihe für sie zunächst keine Option. Auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Andreas Audretsch, der als Wahlkampfleiter für die Bundestagswahl 2025 fungierte, kann sich Chancen auf mehr Verantwortung ausrechnen.

Grüne suchen nach Baerbocks Rückzug neue Führung: Göring-Eckardt will als Bundestagsvize weitermachen

Die Frage, wer als Stellvertreter des Bundestagspräsidenten – eine weitere hochrangige Position innerhalb der Grünen – nominiert wird, bleibt offen. Katrin Göring-Eckardt, die das Amt bereits in den letzten vier Jahren innehatte, möchte offenbar weitermachen. Ein Vorteil für sie ist, dass sie die einzige Ostdeutsche in der Führungsriege der Grünen ist. Auch Omid Nouripour wird laut Informationen des Handelsblatts für das Amt in Betracht gezogen. Die Chancen für Claudia Roth, die das Amt bereits zwischen 2013 und 2021 innehatte und erneut Interesse bekundet haben soll, stehen eher schlecht.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

Grüne müssen nach Baerbocks Rückzug Weichen für die Opposition stellen

In der Theorie könnten auch die scheidenden Grünen-Minister aus der Ampel-Regierung Führungsverantwortung übernehmen, doch ein Blick ins Kabinett zeigt wenige Optionen. Neben Habeck und Baerbock ist Landwirtschaftsminister Cem Özdemir der prominenteste Vertreter, doch er hat andere Pläne. Der 59-Jährige strebt an, 2026 Winfried Kretschmann als Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu beerben. Umweltministerin Steffi Lemke und Familienministerin Lisa Paus bleiben, doch sie wurden bisher nicht mit weiteren Führungspositionen in Verbindung gebracht.

Ein kleiner Parteitag in den kommenden Wochen könnte mehr Klarheit über die Zukunft der Grünen nach Habeck und Baerbock bringen. Spätestens am 25. März muss der neue Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten – dann kann die neue Fraktion der Grünen die Weichen für die kommenden vier Jahre in der Opposition stellen. (fd)

Rubriklistenbild: © Sören Stache/dpa

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