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Ukrainische Streitkräfte attackieren Russlands Wirtschaft: Mit Drohnenangriffen und Sabotageakten wächst der Druck – Putins Gegenmaßnahmen sind ungewiss.
Kiew – Die jüngsten Meldungen – darunter Drohnenangriffe, Anschläge auf die Drohnenlogistik und Aktionen einer Widerstandsbewegung – zeigen einen klaren Fokus der Streitkräfte im Ukraine-Krieg. Wolodymyr Selenskyj zielt mit seinen Angriffen offenbar auf jene Punkte, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin besonders schmerzen: seine wirtschaftlichen Kapazitäten.
Schon in der Vergangenheit erhöhte sich der Druck auf die russische Wirtschaft, durch ukrainische Drohnenangriffe. Im Zuge dessen sah sich der Kremlchef gezwungen, dem gestiegenen Risiko beispielsweise durch höhere Prämien für Rekruten zu begegnen. Die jüngsten Angriffe schmerzen den russischen Machthaber doppelt: Neben den wirtschaftlichen Aspekten behindert der neue ukrainische Fokus auch das russische Vorankommen im Krieg.
Widerstand in Russland: Sabotageakte treffen Putins Logistik
Die ukrainischen Streitkräfte stören Russland an mehreren Stellen: Die „Freedom of Russia Legion“, eine Widerstandsbewegung gegen Wladimir Putin, führte eine Reihe von Operationen gegen die russische Logistikinfrastruktur durch. Das ukrainische Portal Ukrainska Pravda berichtet darüber, und beruft sich auf den Militärgeheimdienst. Laut dem ukrainischen Medium griffen die Saboteure Lokomotiven an, die von den russischen Streitkräften zum Transport von Waffen, Munition und Ausrüstung eingesetzt wurden. „Die Molotowcocktails der Untergrundwiderstandskämpfer setzten die Steuerungs- und Antriebssysteme von Dutzenden von Lokomotiven in Brand“, zitiert die Ukrainska Pravda.
Damit setzt sich der Trend zur Sabotage fort: Erst Ende der vergangenen Woche sorgte ein Bericht für Aufsehen, welcher eine andere Widerstandsgruppe behandelte. Diese rief, mithilfe eingeschleuster Agenten, Putins Soldaten zur Desertation auf – und legte Brände an russischen LKW. Die Sabotageakte sollen die vorstoßende russische Armee verlangsamen.
Selenskyj zielt auf Putins Schwachstellen – Russlands Drohnen im Visier
Ein Faktor, der Putins Armee weit mehr verlangsamen könnte, sind die kürzlich zunehmenden Angriffe auf Russlands angeschlagene Wirtschaft: Die ukrainischen Streitkräfte haben einen wichtigen Knotenpunkt der Drohnenlogistik im besetzten Donezk angegriffen. Der Generalstab bestätigte laut Kyiv Indipendent den Angriff auf „eine Basis zur Lagerung, Montage und zum Start von Drohnen vom Typ Shahed“.
Telegram-Videos des Angriffes deuten auf den späten Abend, des 5. November hin. Die „sehr starke Sekundärdetonation“ spricht für eine erfolgreiche Operation, die laut Kyiv Indipendent den Einsatz von Raketen-, Artillerieeinheiten und unbemannten Kampfsystemen erforderte.
Der Anführer der Unmanned Systems Forces, Madyar, sprach via Telegram von dem Ergebnis einer „monatelangen, mühsamen Aufklärungsoperation“. Unbestätigten Angaben zufolge könnten bei dem Angriff bis zu 1.000 Shahed-Drohen und 1.500 Sprengköpfe für diese zerstört worden sein. Paradoxerweise war der Flughafen vor dem Krieg eines der wichtigsten Entwicklungsprojekte der Ukraine, bevor er 2015 unter russische Besatzung fiel. Die russische Armee hat ihn in den letzten Monaten zu einem Stützpunkt für die Drohnenlogistik umfunktioniert.
Ölraffinerien im Visier: Ukraine trifft Russlands Wirtschaft
Der für Putin wohl schmerzvollste Angriff ereignete sich jedoch in der südrussischen Region Wolgograd. Das Gebiet, ein Industriezentrum mit Erdölraffinerien, liegt etwa 400 Kilometer von der Grenze entfernt. Der ukrainische Drohenangriff auf die Industrieregion erfolgte gemäß dem russischen Verteidigungsminister mit mehreren Drohnen: 75 davon konnten abgefangen werden. Die Angriffe forderten das Leben eines 48-Jahre alten Zivilisten, wie der dortige Gouverneur berichtet.
Die Regierung in Kiew vermeldete ihrerseits einen Erfolg und bestätigt, eine weitere Ölraffinerie getroffen zu haben. Die Kyiv Post meldet unter Berufung auf ukrainischen Spezialeinheiten, dass es sich um eine der größten Ölraffinerien Russlands handelt. Diese besäße eine Verarbeitungskapazität von mehr als 15 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, was fast sechs Prozent der russischen Gesamtproduktion entspricht. Die von Lukoil betriebene Raffinerie in Wolgograd wurde in diesem Jahr bereits wiederholt angegriffen – der letzte Angriff im September zwang zu einer vorübergehenden Stilllegung.
Putin schützt die „Heimatfront“: Reservisten sollen Russlands Öl schützen
Der russische Präsident scheint sich seiner Schwächen bewusst: Die Staatsduma verabschiedete erst kürzlich einen Gesetzentwurf, der es Putins Behörden erlaubt, Mitglieder der aktiven Reserve Russlands zum Schutz kritischer Infrastrukturen zu rekrutieren. Das Oppositionsmedium Astra berichtete bereits Ende Oktober, dass die ersten Behörden Stellen ausschreiben. Dort sollen Reservisten in mobilen Feuerwehreinsatzteams Ölraffinerien vor Drohnenangriffen schützen.
Zusätzlich ließ der russische Präsident durch die Besoldung bereits seine Schwerpunkte erahnen: Während der reguläre Reservistendienst nur 3.000 Rubel (ca. 32 Euro) einbringt, wird die Teilnahme an einer Ausbildung mit 40.000 Rubel (ca. 428 Euro) vergütet. Besonders lukrativ: Für den Dienst in einer Raffinerie werden 50.000 Rubel (ca. 535 Euro) zusätzlich gezahlt. Zum Vergleich: Der durchschnittliche russische Monatslohn lag im Mai 2025 bei 103.183 Rubel (etwa 1.105 Euro). Damit scheint Putin seine Raffinerien einmal mehr schützen zu wollen.
Russlands Wirtschaft im freien Fall: Ölindustrie fällt weiter
Die jüngsten Angriffe versetzen Präsident Wladimir Putin einen harten Schlag, denn der Abschwung der russischen Wirtschaft setzt sich fort. Laut dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung verlangsamt sich das Wachstum bereits das dritte Quartal in Folge.
Die Moscow Times berichtet von mehreren zivilen Wirtschaftsbereichen im freien Fall: Die gefährdeten Ölraffinerien erlitten einen Einbruch um 4,5 Prozent, während die Lebensmittelherstellung (-0,2 Prozent) und die Produktion von Schuhen und Textilien (-2,3 Prozent) ebenfalls fielen. Zusätzlich drohen im Autosektor Entlassungswellen, und die Luftfahrt schwächelt aufgrund fehlender westlicher Ersatzteile. (Quellen: AFP, Kyiv Indipendent, Ukrainska Pravda, Telegram, Kyiv Post, Astra, Moscow Times, Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, frühere Berichterstattung) (kox)
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