VonFlorian Naumannschließen
Wladimir Putin wird am Donnerstag auch den Westen mit einer Riesen-PK beschäftigen. Russland blickt gemischt auf das Event – auch Spott gibt es.
In Deutschland gibt es die „Sommerpressekonferenz“ des Kanzlers. Doch im Ausland überträgt man diese Termine eher nicht Anders ist das, wenn Wladimir Putin das Wort erhebt: Wenn am Donnerstag die Jahrespressekonferenz des Kremlchefs ansteht, werden auch deutsche Nachrichtensendungen berichten.
Aber hat die Großinszenierung überhaupt handfeste Bedeutung? Daria Krushcheva, in Russland aufgewachsene Slawistin und Medienexpertin, bezweifelt das. Sie glaubt, dass die Veranstaltung zwar einst eine kritische Relevanz hatte – diese jedoch mittlerweile verloren habe. Das sagt die Wissenschaftlerin der Ruhr-Uni Bochum im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
Krushcheva sieht das Event vor allem als „Zeichen von gewisser Stabilität im Lande“. „Putin kommt, Putin sagt, was so alles abläuft; Ergebnisse des zurückliegenden, Ziele des neuen Jahres.“ Es gebt zwar noch kritische Fragen. Aber nicht mehr im Umfang früherer Jahrzehnten, als unabhängige Journalisten wie Dmitri Muratow von der Nowaja Gazeta Putin konfrontieren konnten. Heute gilt der Friedensnobelpreisträger Muratow dem Kreml als „ausländischer Agent“. Es ist nur ein einzelnes Symptom der gewachsenen Repression.
Putin als „guter Zar“: Bei der Jahrespressekonferenz ist sachte Kritik möglich – über vieles wird geschwiegen
Aber natürlich will die russische Regierung ein Signal aussenden. Putin gebe in diesem Schauspiel den „guten Zar“, der „Hoffnung auf Stabilität, gute Zukunft“ verkörpere, sagt Krushcheva. „Regionale Regierungen, regionale Administrationen sind dann böse und daran schuld, dass man kein Geld, keine Heizung oder auch andere regionale Probleme hat“, erklärt sie. „Putin ist dann quasi dafür da, das zu regeln, zu klären, den Menschen etwas zu versprechen.“
Der Politikwissenschaftler Felix Jaitner erwartet ebenfalls eine sehr eindeutige Selektion bei den Themen. Putin werde wohl preisen, dass Russland wirtschaftlich prosperiere. Das treffe in einigen Bereichen durchaus zu, etwa dort, wo die „Lokomotive“ der Rüstungsindustrie wirke. Allerdings gehöre zur Realität auch, dass sich die Unterschiede in Putins Reich vertiefen. „Die Regionen im Kaukasus und im europäischen Norden, um Murmansk etwa, fallen immer weiter zurück“, sagt Jaitner IPPEN.MEDIA. „Darüber wird er mit Sicherheit nicht reden.“
Möglich sei dennoch, dass einige Kritiker zu Wort kommen, meint Krushcheva. Etwa die „Soldatenmütter“, die wegen des Einsatzes ihrer Söhne im Ukraine-Krieg in vielen Teilen Russlands wütend und besorgt sind. Oder von gemeinnützigen Organisationen, deren Spendenbasis durch den Exodus der Mittelschicht aus Russland weggebrochen ist. „Darauf sind sicher auch Antworten vorbereitet“, sagt Krushcheva.
Verfolgt Russland Putins Groß-Event im TV? „Im Hintergrund kann das laufen“
Aber verfolgen die Menschen in Russland das Event überhaupt im Fernsehen? Debattieren sie darüber? Krushcheva glaubt nicht, dass viele zuschauen. „Wobei: Wenn man das Fernsehen als Hauptinformationsquelle hat, bei älteren Menschen, kann das im Hintergrund laufen, in der Küche etwa.“
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Die Jahrespressekonferenz könne indes etwa für Angehörige von Soldaten, die sich im Krieg befinden, ein ernstes Gesprächsthema sein. Davon abgesehen finde sich reichlich Ironie in möglichen Diskussionen. Memes zum Termin mit Putin verbreiten sich schnell im Netz – zuletzt etwa auch nach einer Rede zur Stationierung von Oreschnik-Raketen in Belarus: „Dann redet man eher darüber, ob er gesund ist, ob das ein Doppelgänger ist ...“, erklärt Krushcheva.
Russland im Ukraine-Krieg: Was denkt das Land wirklich über Putin?
Die wirkliche Meinung der Russen zum Ukraine-Krieg sei schwer einzuschätzen, sogar Meinungsforschungsinstitute gäben das zu, erklärt Krushcheva. Das liege auch an „alten Instrumenten“ wie Festnetztelefon-Umfragen. „Die Menschen denken: ‚Sie haben meine Rufnummer, meine Festnetznummer, sie wissen wahrscheinlich, wo ich wohne, wo ich arbeite, wo meine Kinder studieren. Warum soll ich jetzt sagen, dass ich die Politik des Staates nicht unterstütze?‘“
Krushcheva glaubt, dass viele Menschen in Russland kriegsmüde sind, aber auch unter Alltagsproblemen mit der Sozialpolitik oder auch mit Heizung und Warmwasser im Winter leiden. Die Stimmung sei jedoch nicht einheitlich. Bei ihren eigenen Aufenthalten in Russland stelle sie „Meinungspluralität“ fest, etwa im Gespräch mit Nachbarn oder älteren Verwandten. Was in Deutschland eine positive Konnotation hätte, hat im sozial tief gespaltenen Aggressorland Russland natürlich eine andere Bedeutung. Von einer „interessanten, wenn auch etwas traurige Beobachtung“ spricht Krushcheva. Ausländische Beobachter meinen: Die Propaganda in Russland wirkt. (fn)
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