Jahrespressekonferenz im Krieg

„Guter Zar“ Putin: Was Russland bei der TV-Show erwartet – und wo „Ironie“ gedeiht

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Wladimir Putin wird am Donnerstag auch den Westen mit einer Riesen-PK beschäftigen. Russland blickt gemischt auf das Event – auch Spott gibt es.

In Deutschland gibt es die „Sommerpressekonferenz“ des Kanzlers. Doch im Ausland überträgt man diese Termine eher nicht Anders ist das, wenn Wladimir Putin das Wort erhebt: Wenn am Donnerstag die Jahrespressekonferenz des Kremlchefs ansteht, werden auch deutsche Nachrichtensendungen berichten.

Aber hat die Großinszenierung überhaupt handfeste Bedeutung? Daria Krushcheva, in Russland aufgewachsene Slawistin und Medienexpertin, bezweifelt das. Sie glaubt, dass die Veranstaltung zwar einst eine kritische Relevanz hatte – diese jedoch mittlerweile verloren habe. Das sagt die Wissenschaftlerin der Ruhr-Uni Bochum im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.

Krushcheva sieht das Event vor allem als „Zeichen von gewisser Stabilität im Lande“. „Putin kommt, Putin sagt, was so alles abläuft; Ergebnisse des zurückliegenden, Ziele des neuen Jahres.“ Es gebt zwar noch kritische Fragen. Aber nicht mehr im Umfang früherer Jahrzehnten, als unabhängige Journalisten wie Dmitri Muratow von der Nowaja Gazeta Putin konfrontieren konnten. Heute gilt der Friedensnobelpreisträger Muratow dem Kreml als „ausländischer Agent“. Es ist nur ein einzelnes Symptom der gewachsenen Repression.

Putin als „guter Zar“: Bei der Jahrespressekonferenz ist sachte Kritik möglich – über vieles wird geschwiegen

Aber natürlich will die russische Regierung ein Signal aussenden. Putin gebe in diesem Schauspiel den „guten Zar“, der „Hoffnung auf Stabilität, gute Zukunft“ verkörpere, sagt Krushcheva. „Regionale Regierungen, regionale Administrationen sind dann böse und daran schuld, dass man kein Geld, keine Heizung oder auch andere regionale Probleme hat“, erklärt sie. „Putin ist dann quasi dafür da, das zu regeln, zu klären, den Menschen etwas zu versprechen.“

Auch die Armee soll zuschauen: Das Foto der Staatsagentur Tass zeigt russische Frontsoldaten im Ukraine-Krieg bei Putins Jahrespressekonferenz 2023.

Der Politikwissenschaftler Felix Jaitner erwartet ebenfalls eine sehr eindeutige Selektion bei den Themen. Putin werde wohl preisen, dass Russland wirtschaftlich prosperiere. Das treffe in einigen Bereichen durchaus zu, etwa dort, wo die „Lokomotive“ der Rüstungsindustrie wirke. Allerdings gehöre zur Realität auch, dass sich die Unterschiede in Putins Reich vertiefen. „Die Regionen im Kaukasus und im europäischen Norden, um Murmansk etwa, fallen immer weiter zurück“, sagt Jaitner IPPEN.MEDIA. „Darüber wird er mit Sicherheit nicht reden.“

Möglich sei dennoch, dass einige Kritiker zu Wort kommen, meint Krushcheva. Etwa die „Soldatenmütter“, die wegen des Einsatzes ihrer Söhne im Ukraine-Krieg in vielen Teilen Russlands wütend und besorgt sind. Oder von gemeinnützigen Organisationen, deren Spendenbasis durch den Exodus der Mittelschicht aus Russland weggebrochen ist. „Darauf sind sicher auch Antworten vorbereitet“, sagt Krushcheva.

Verfolgt Russland Putins Groß-Event im TV? „Im Hintergrund kann das laufen“

Aber verfolgen die Menschen in Russland das Event überhaupt im Fernsehen? Debattieren sie darüber? Krushcheva glaubt nicht, dass viele zuschauen. „Wobei: Wenn man das Fernsehen als Hauptinformationsquelle hat, bei älteren Menschen, kann das im Hintergrund laufen, in der Küche etwa.“

Russland feuert Raketen auf Kinderkrankenhaus in Kiew: Fotos zeigen erschütternde Szenen

Rauch über Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wurde am Montag von mehreren russischen Raketen getroffen.
Rauch über Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wurde am Montag von mehreren russischen Raketen getroffen. © Evgeniy Maloletka / dpa
Die Schäden nach dem russischen Angriff auf Kiew sind beachtlich, wie hier zu sehen im Lukianivska Bezirk.
Die Schäden nach dem russischen Angriff auf Kiew sind beachtlich, wie hier zu sehen im Lukianivska Bezirk. © Andreas Stroh / dpa
Das Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew wurde durch die russischen Raketen schwer getroffen.
Das Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew wurde durch die russischen Raketen schwer getroffen. Rettungskräfte und Zivilisten suchen nach möglichen Verschütteten. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein augenscheinlich verletzter Mann telefoniert nach dem schweren Angriff auf Kiew.
Ein augenscheinlich verletzter Mann telefoniert nach dem schweren Angriff auf Kiew. © dpa/AP | Efrem Lukatsky
Eine Frau kümmert sich um ein Kind vor dem von russischen Raketen getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew.
Eine Frau kümmert sich um ein Kind vor dem von russischen Raketen getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus zeigt, wie schwer die Raketen aus Russland die Klinik in der Ukraine verwüstet haben.
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus zeigt, wie schwer die Raketen aus Russland die Klinik in der Ukraine verwüstet haben. © Evgeniy Maloletka / dpa
Mit blutigem Gewand steht ein Krankenhaus-Mitarbeiter vor den Trümmern nach dem russischen Raketenangriff auf Kiew.
Mit blutigem Gewand steht ein Krankenhaus-Mitarbeiter vor den Trümmern nach dem russischen Raketenangriff auf Kiew. © IMAGO/Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire
Rettungskräfte räumen die Trümmer nach dem schweren russischen Angriff auf Kiew vor der Kinderklinik.
Rettungskräfte räumen die Trümmer nach dem schweren russischen Angriff auf Kiew vor der Kinderklinik. © Evgeniy Maloletka / dpa
In der nähe des von einer Rakete getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses trägt ein Mann ein Kind aus der Gefahrenzone.
In der nähe des von einer Rakete getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses trägt ein Mann ein Kind aus der Gefahrenzone. © Evgeniy Maloletka / dpa
Nach dem schweren russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt werden verletzte abtransportiert.
Nach dem schweren russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt werden Verletzte abtransportiert. © IMAGO/Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire
Kinder warten in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses, das von russischen Raketen getroffen wurde.
Kinder warten in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses, das von russischen Raketen getroffen wurde. © Evgeniy Maloletka / dpa
Vereinte Kräfte bei den Bergungsarbeiten: Retter tragen ein Stück des Daches am Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew weg.
Vereinte Kräfte bei den Bergungsarbeiten: Retter tragen ein Stück des Daches am Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew weg. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein Feuerwehrmann sitzt bei Rettungsarbeiten in Kiew nach dem schweren russischen Angriff im Schutt.
Ein Feuerwehrmann sitzt bei Rettungsarbeiten in Kiew nach dem schweren russischen Angriff im Schutt. © Aleksandr Gusev / dpa
Auch am Tag nach dem russischen Raketenangriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew gehen die Aufräumarbeiten weiter.
Auch am Tag nach dem russischen Raketenangriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew gehen die Aufräumarbeiten weiter. © IMAGO/Maxym MarusenkoNurPhoto
Nach dem russischen Angriff auf das Kinderkrankenhaus mussten die schwer kranken Kinder draußen vor der Klinik behandelt werden.
Nach dem russischen Angriff auf das Kinderkrankenhaus mussten die schwer kranken Kinder draußen vor der Klinik behandelt werden. © IMAGO/Maxym Marusenko/NurPhoto
In Kiew stehen Krankenhaus-Betten auf der Straße, um nach dem Angriff auf die Kinderklinik die Patienten weiter betreuen zu können.
In Kiew stehen Krankenhaus-Betten auf der Straße, um nach dem Angriff auf die Kinderklinik die Patienten weiter betreuen zu können. © IMAGO/Bahmut Pavlo/Ukrinform/Abaca
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus in Kiew zeigt, wie schwer die russischen Raketen die Klinik zerstört haben.
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus in Kiew zeigt, wie schwer die russischen Raketen die Klinik zerstört haben. © IMAGO/Ruslan Kaniuka/Ukrinform/ABACA
Medizinisches Personal und Freiwillige räumen Trümmer, suchen unter dem Schutt des Kinderkrankenhauses nach Opfern.
Medizinisches Personal und Freiwillige räumen Trümmer, suchen unter dem Schutt des Kinderkrankenhauses nach Opfern. © Anton Shtuka / dpa
Verzweiflung herrscht in Kiew. Nach dem Angriff auf die Kinderklinik suchen Erwachsene und Kinder Schutz in Kellern.
Verzweiflung herrscht in Kiew. Nach dem Angriff auf die Kinderklinik suchen Erwachsene und Kinder Schutz in Kellern. © Anton Shtuka / dpa

Die Jahrespressekonferenz könne indes etwa für Angehörige von Soldaten, die sich im Krieg befinden, ein ernstes Gesprächsthema sein. Davon abgesehen finde sich reichlich Ironie in möglichen Diskussionen. Memes zum Termin mit Putin verbreiten sich schnell im Netz – zuletzt etwa auch nach einer Rede zur Stationierung von Oreschnik-Raketen in Belarus: „Dann redet man eher darüber, ob er gesund ist, ob das ein Doppelgänger ist ...“, erklärt Krushcheva.

Russland im Ukraine-Krieg: Was denkt das Land wirklich über Putin?

Die wirkliche Meinung der Russen zum Ukraine-Krieg sei schwer einzuschätzen, sogar Meinungsforschungsinstitute gäben das zu, erklärt Krushcheva. Das liege auch an „alten Instrumenten“ wie Festnetztelefon-Umfragen. „Die Menschen denken: ‚Sie haben meine Rufnummer, meine Festnetznummer, sie wissen wahrscheinlich, wo ich wohne, wo ich arbeite, wo meine Kinder studieren. Warum soll ich jetzt sagen, dass ich die Politik des Staates nicht unterstütze?‘“

Krushcheva glaubt, dass viele Menschen in Russland kriegsmüde sind, aber auch unter Alltagsproblemen mit der Sozialpolitik oder auch mit Heizung und Warmwasser im Winter leiden. Die Stimmung sei jedoch nicht einheitlich. Bei ihren eigenen Aufenthalten in Russland stelle sie „Meinungspluralität“ fest, etwa im Gespräch mit Nachbarn oder älteren Verwandten. Was in Deutschland eine positive Konnotation hätte, hat im sozial tief gespaltenen Aggressorland Russland natürlich eine andere Bedeutung. Von einer „interessanten, wenn auch etwas traurige Beobachtung“ spricht Krushcheva. Ausländische Beobachter meinen: Die Propaganda in Russland wirkt. (fn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexander Polegenko/Itar-Tass

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