VonMichael Kisterschließen
Nach dem Terroranschlag in Moskau überschlagen sich die Anschuldigungen. Einige Beobachtende vermuten darin eine False-Flag-Operation.
Moskau – Nach dem verheerenden Anschlag auf die Crocus City Hall in Moskau ist das „Blame-Game“ in vollem Gange. Jeder stellt sich die Frage, wer den Angriff in Auftrag gab – auch die russische Menschenrechtskommissarin Tatyana Moskalkova, die der staatlich-russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge sagte: „Es ist sehr wichtig für die gesamte Weltgemeinschaft, heute zusammenzuarbeiten, um die Urheber zu finden und sie in vollstem Umfang zur Verantwortung zu ziehen.“
Es scheint nur so, als ob Wladimir Putin seine Verantwortlichen bereits gefunden hätte. Er behauptete nach fast eintägigem Schweigen zu dem Anschlag, dass die Ukraine ein „Fenster“ vorbereitet habe, durch das die Terroristen unentdeckt die Grenze überqueren sollten. Das sei aber verhindert worden, indem man sie auf dem Weg dorthin noch in der russischen Region Bryansk ergriffen habe. Nun sitzen insgesamt elf Verdächtige in Haft, darunter vier Tadschiken, von denen mindestens zwei – vermutlich unter schwerer Folter – gestanden haben sollen, die Attentäter gewesen zu sein.
Putins Narrativ: Die Ukraine steckt hinter dem Terrorangriff
So setzte Putin das Narrativ, dem sich die russischen Kommentatoren anschlossen: Die Ukraine sei verantwortlich für den Terrorangriff in Moskau. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Zakharova wob gegenüber der Zeitung Komsomolskaja Prawda jüngst noch eine vermeintliche Involvierung der USA mit in das Narrativ ein. Während westliche Beobachter weitgehend darin übereinstimmen, diese Sicht der Dinge abzulehnen, vertreten einige doch eine gewagte Hypothese.
Recht früh äußerte der Militärgeheimdienst der Ukraine (HUR) den Vorwurf einer False-Flag-Operation auf seinem offiziellen Telegramkanal: „Die ungehinderte Bewegung einer Gruppe von Bewaffneten mit Sturmgewehren im Zentrum Moskaus sowie viele andere unbestreitbare Beweise deuten jedoch darauf hin, dass die Schießerei in der Crocus City Hall von russischen Geheimdiensten organisiert wurde.“
War das Attentat auf die Crocus City Hall eine False-Flag-Operation?
Der ukrainische Journalist und Chefredakteur des Nachrichtenportals Censor.net Jurij Butusow nannte das Massaker in Moskau „Putins blutige Krönung“. Der Kremlherrscher habe damit die „Verbrechen und Massenmorde, die Putin jeden Tag begeht“ in der internationalen Wahrnehmung in den Hintergrund rücken und durch Mitleidsbekundungen gegenüber Russland ersetzen wollen.
„Und all dies“, so fährt Butusow in einem Post auf X fort, sei den russischen Medien zufolge „vier Tadschiken zu verdanken“, denen man Waffen gegeben, die man nicht am Töten gehindert und denen man dabei geholfen habe, Moskau in der politisch notwendigen Richtung zu verlassen.
Ähnliche Vorwürfe kommen nicht nur von ukrainischer Seite
Entsprechende Anschuldigungen kommen allerdings nicht nur von ukrainischer Seite. Der US-Sicherheitsjournalist Mark Toth und der pensionierte US-Militärgeheimdienst-Oberst Jonathan Sweet verglichen die Crocus-Hall-Attacke in der New York Post mit den Bombenanschlägen, die im September 1999 in Russland 293 Todesopfer forderten. Putin, der damals noch Ministerpräsident war, machte islamistische Terroristen verantwortlich und legitimierte so den Zweiten Tschetschenienkrieg, der seine Macht festigte. Seitdem stehen Vorwürfe im Raum, dass der FSB und Putin selbst hinter den Explosionen steckten.
Toth und Sweet spekulieren nun, so sei es auch diesmal gewesen. Sie werfen sogar in den Raum, ob der FSB womöglich absichtlich eine falsche Spur zum IS gelegt habe, die dann die USA zu ihrer Terrorwarnung an die Russen veranlasste. Das habe Putin veranlasst, um ein härteres Durchgreifen in der Ukraine und eine weitere Mobilisierungswelle zu rechtfertigen.
Carlo Masala: Putin „versucht es sofort, den Ukrainern in die Schuhe zu schieben“
Ob der Kremherrscher das allerdings nötig hat, scheint fraglich. Die Initiative an der Front im Ukraine-Krieg liegt bei seinen Truppen und substantieller Widerstand im Inneren Russlands gegen eine neue Mobilmachung ist eher nicht zu erwarten.
Deswegen teilt die Mehrheit der westlichen Beobachtenden auch die Meinung, die der Sicherheitsexperte Carlo Masala auf der Leipziger Buchmesse im Gespräch mit ARD, ZDF und 3sat äußerte: „Putin war derjenige, der vor ein paar Jahren erklärt hat, dass das Problem Islamischer Staat erledigt sei, durch das russische Eingreifen in Syrien sei der Islamische Staat besiegt. Jetzt kommt dieser internationale Terrorismus zurück, er kann nicht zugeben, dass letzten Endes sein gesamter Sicherheitsapparat diese Bedrohung komplett vernachlässigt hat und versucht es sofort, den Ukrainern in die Schuhe zu schieben.“
Womöglich, so Masala weiter, hätten die russischen Sicherheitsorgane überhaupt nicht die Kräfte zur Verfügung, um der Terrorgefahr angemessen zu begegnen, weil die seit zwei Jahren mit Blick auf die Ukraine gebunden seien. Diese Sicht der Dinge wird auch von der Indizienlage gestützt: Eine entsprechende Terrorwarnung durch die USA im Voraus sowie ein Bekennerschreiben und Bodycam-Videomaterial des Anschlags, beides vom IS veröffentlicht, deuten auf den Islamischen Staat als Urheber des Blutbades in der Crocus City Hall hin. (mk)
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