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Riad Othman von Medico International im Interview über Israels Militäreinsatz, die drohende Radikalisierung der palästinensischen Bevölkerung und Hunger als Kriegswaffe.
Herr Othman, die jüngste UN-Sicherheitsresolution zum Krieg in Nahost zielt darauf ab, mehr Trucks mit Lebensmitteln und Treibstoff nach Gaza reinzubringen. Einige Hilfsorganisationen kritisieren sie als wirkungslos. Eine Ansicht, die Medico teilt? Warum?
Ja, denn die Forderung nach einer Waffenruhe fehlt völlig. Es ist lediglich von „humanitären Pausen“ die Rede. Tausende ziviler Opfer in Gaza sind aber nicht das Ergebnis einer Naturkatastrophe, sondern des unverhältnismäßigen Vorgehens der israelischen Armee und, wie zu befürchten ist, bald auch der absichtlichen Vorenthaltung von humanitärer Hilfe in angemessenem Umfang.
Welche Erfahrung hat Medico mit Hilfssendungen gemacht?
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Wir konnten in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn zweimal in Gaza Medikamente und Lebensmittel besorgen. Die Märkte sind aber längst leer gekauft und der Zugang von außen extrem schwierig. Mit einer britischen Organisation planen wir eine weitere Hilfssendung, sobald sie die derzeitige Lieferung kriegsmedizinischer Güter für Krankenhäuser abgeschlossen hat. Unsere Partner machen lebensnotwendige Basisgesundheitsversorgung, keine Notoperationen.
Was liefert Medico?
Zum einen natürlich Schmerzmittel. Zum anderen Medikamente gegen Bluthochdruck, Diabetes, Durchfall, Hautkrankheiten. All das, was unsere Partnerin, die Palestinian Medical Relief Society, behandeln kann. Infektionskrankheiten drohen nun an den Orten der Massenzuflucht epidemisch zu werden. Die humanitäre Hilfe erreicht ohnehin nur einen Bruchteil der Bevölkerung.
Laut UN-Generalsekretär Antonio Guterres leben vier von fünf der am stärksten von Hunger betroffenen Menschen derzeit in Gaza. Welche Dimension hat die Notlage, der Mangel an Essen und Wasser, nach Einschätzung von Medico?
Die meisten Menschen in Gaza haben deutlich weniger als zwei Liter Trinkwasser pro Person und pro Tag. Die Weltgesundheitsorganisation setzt als Minimum 7,5 Liter Trinkwasser zum Überleben pro Tag an, weil es nicht nur zum Trinken, sondern auch zur Essenszubereitung ausreichen muss. Also, von Körperhygiene oder davon, dass man nach über zwei Monaten vielleicht auch mal sein T-Shirt oder die Hose waschen möchte, ist gar nicht die Rede.
Muss mit Hungertoten gerechnet werden?
Laut dem Welternährungsprogramm greifen 96 Prozent aller binnenvertriebenen Haushalte auf extreme Bewältigungsstrategien gegen Hunger zurück, und in Gaza sind etwa 85 Prozent der Bevölkerung auf der Flucht. Dazu passt ein Bericht von Human Rights Watch, wonach Israel Hunger systematisch als Kriegswaffe einsetzt.
Was hören Sie von Medico-Partnern über ihre persönliche Lage?
Sie berichten, dass sehr viele Menschen eine Mahlzeit alle zwei bis drei Tage zu sich nehmen. Zwischenzeitlich hatten wir drei Wochen lang keinen direkten Kontakt mehr zu ihnen. In den ersten beiden Kriegsmonaten funktionierten meist noch aufgezeichnete Sprachnachrichten und Chat-Messages. Nie herrschte länger als drei, vier Tage absolute Funkstille. Inzwischen ist das eine völlig andere Geschichte. Ihr Eindruck ist, dass die ohnehin alarmierenden Schätzungen über Hunger, Krankheiten und Dehydrierung zu niedrig sind.
Muss davon ausgegangen werden, dass sich die Lage der Menschen noch verschlechtert hat?
Stark verschlechtert. Sie hungern. Nach Ende der Feuerpause gab es ja den israelischen Befehl zur Zwangsumsiedlung an die ägyptische Grenze. Dort in Rafah sind 16 000, teils 18 000 Menschen pro Quadratkilometer zusammengepfercht.
Was wissen Sie über die Zustände in den überfüllten Zeltlagern?
Sie bergen natürlich ein hohes Risiko: Infolge von Nahrungsmittelknappheit geschwächte Menschen treffen auf Bedingungen grassierender Infektionskrankheiten bei zu wenig Trinkwasser oder gar kontaminiertem Wasser. Hinzu kommen die Winterregen. Wenn sich da mehrere Hundert eine Toilette teilen müssen, weichen die Leute aufs freie Feld aus. Man kann sich ausmalen, was bei Überschwemmungen passiert, kombiniert mit nicht geborgenen Leichen. Die Lage ist eine Vollkatastrophe. Ich glaube, viele machen sich in Deutschland, auch in der Politik, nicht bewusst, dass dies kein Krieg ist, wie man ihn zuvor in Gaza erlebt hat.
Gibt es politische Vorbehalte von palästinensischen Partner-NGOs gegen Hilfe aus Deutschland? Offenbar lehnen einige inzwischen eine weitere Zusammenarbeit etwa mit politischen Stiftungen im Westjordanland ab, wie verlautet wegen „einseitiger Parteinahme“ der Bundesregierung zu Israel.
Wir hören, dass deutsche Organisationen tatsächlich Partner verloren haben, übrigens nicht nur palästinensische, sondern auch andere in Nahost und Nordafrika. Bei uns ist das bisher nicht der Fall. Wir haben uns allerdings auch, gemessen am deutschen Kontext, sehr deutlich positioniert.
Inwiefern?
Neben der Forderung nach sofortiger Waffenruhe haben wir auch israelische Kriegsverbrechen thematisiert oder zumindest darauf hingewiesen, dass diese eigentlich schon stattfinden, dass das nicht nur ein Verdachtsfall ist. Wir haben natürlich auch palästinensische Verbrechen, die am 7. Oktober und in den Tagen danach verübt worden sind, gleich zu Beginn verurteilt. Aber im Moment liegt unser Hauptaugenmerk auf Gaza.
Was erwidert Medico auf Einwände aus Israel, von einer Waffenruhe profitiere nur die Hamas?
Es ist ein Argument, das vor allen Dingen das extrem harte Vorgehen der israelischen Armee legitimieren soll. Wenn man die Hamas oder generell radikale Kräfte schwächen oder besiegen möchte, dann macht man das nicht, indem man über 20 000 Personen tötet und einen Großteil der Infrastruktur zerstört. Was in Gaza gerade passiert, wird eher zur Radikalisierung künftiger Generationen beitragen. Eine militärische Zerstörungskampagne entzieht dem Terrorismus nicht den Boden.
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Israel begründet seine Angriffe mit Verweis darauf, dass die Hamas sich hinter menschlichen Schutzschildern und sogar in Krankenhäusern und Schulen verschanze.
Ich halte die vorgelegten Beweise für eher dünn. Selbst wenn es sie gibt, gilt immer noch das Gebot der Verhältnismäßigkeit im internationalen Recht. Das heißt, man muss sich überlegen, ob man für Tunnel, in dem man fünf Kalaschnikows oder dergleichen findet, Hunderte von Patientinnen und Patienten zwangsevakuiert, teilweise unter Inkaufnahme, dass sie oder auch medizinisches Personal sterben. Mein Eindruck ist, das war nicht verhältnismäßig. Aber das haben Völkerrechtler zu beurteilen, nicht ich.
In der internationalen Gemeinschaft ist wieder die Zwei-Staaten-Lösung in aller Munde. Nach dem Krieg müsse eine palästinensische Zukunftsperspektive her. Ein Hoffnungsschimmer?
Die israelischen Siedlungsprojekte im Westjordanland haben jahrelang eine Zwei-Staaten-Lösung verbaut. Angesichts dessen, was jetzt in Gaza geschieht, würde ich sagen, sie wird zeitgleich auf der Westbank und in Gaza beerdigt. (Inge Günther)
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