Premierminister

Misstrauen in Israel: Streitkräfte wenden sich gegen Netanjahu

  • schließen

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gilt gemeinhin als unberechenbar und deshalb so erfolgreich. Im Israel-Krieg holt ihn seine Machtpolitik ein.

Tel Aviv – Es hat 29 Grad im Schatten, aber Benjamin Netanjahu trägt Daunenjacke. Tiefe Furchen stehen auf der Stirn des Ministerpräsidenten von Israel, während er den Generälen seinen Kommando-Zeigefinger entgegenstreckt. Das ist die Bildsprache, die in diesen Tagen aus dem Büro des Regierungschefs an die Medien dringt: Seht her, hier ist er, der Selenskyj des Nahen Ostens. Der allseits bewunderte Anführer im Kampf gegen einen ruchlosen Feind.

Nach dem Angriff der Hamas, der das Land geschockt hat, gibt es in Israel jetzt auch wieder Proteste gegen Benjamin Netanjahu und seine Regierung.

Mitten im Israel-Krieg laufen Netanjahu die Menschen in Scharen davon

Die Wirklichkeit sieht allerdings ganz anders aus. Mitten im Krieg laufen jenem Mann, der Israel länger regiert hat als jeder andere Politiker, die Menschen in Scharen davon. Mehr als zwei Drittel der Israelis erklärten zuletzt, sie hätten bestenfalls geringes Vertrauen in Netanjahus Fähigkeit, das Land durch diesen Krieg zu führen. In dieser Phase des Schocks, in der die ganze Nation spürbar zusammenrückt, ist eine solche Distanzierung bemerkenswert.

Selbst vor Netanjahus engstem Kreis macht diese Entwicklung nicht halt. Hohe Parteifunktionäre kritisieren ihn zwar nicht öffentlich, hinter den Kulissen aber umso lauter: „Feige“ sei Bibi, wie die Israelis Netanjahu nennen. In einer Nation, in der die Streitkräfte einen so hohen Stellenwert haben, ist so ein Vorwurf geradezu vernichtend. Mindestens vier Regierungsmitglieder sollen den Rücktritt erwägen, um zu verhindern, dass das potenziell toxische Image des Ministerpräsidenten ihnen auch schadet. Sie alle entstammen Netanjahus Likud-Partei. „Entweder er trifft gar keine Entscheidungen, oder er trifft die falschen“, sagt einer von ihnen über Netanjahu.

Drei Wochen nach dem verheerenden Überfall der Terrorgruppen auf Israel warten die Bodentruppen immer noch auf den Einsatzbefehl für den Gazastreifen. „Wir sind jederzeit bereit, aber die Politik hat nicht entschieden“, bescheidet der Sprecher der Streitkräfte, Konteradmiral Daniel Hagari.

Misstrauen gegen Netanjahu erfasst Israels Streitkräfte

Das Misstrauen gegenüber Netanjahu hat längst auch die Streitkräfte erfasst – und es beruht auf Gegenseitigkeit. Netanjahu hat für sein Büro einen eigenen Militär-Mediensprecher ernannt. Das ist höchst ungewöhnlich, da diese Aufgabe bei der Pressestelle der Streitkräfte liegt. Diese gehorcht aber Verteidigungsminister Joav Gallant, und ihm würde Netanjahu gerne die Alleinschuld für das Versagen des Sicherheitsapparates im Vorfeld zum 7. Oktober zuschieben. Der neue Sprecher soll das für ihn erledigen. Und davon ablenken, dass Netanjahu sehr wohl über eine Hamas-Mobilisierung gewarnt worden war. Die Warnungen wurden nicht ernst genommen. Zu sicher war man sich, dass die Hamas an keiner Eskalation interessiert sei. Für „man“ setzen zwei Drittel der Israelis den Namen „Netanjahu“ ein.

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa

Im Unterschied zum Ministerpräsidenten hat das Militär immerhin schon Fehler eingeräumt. Der oberste Kommandierende des Militärgeheimdienstes sagte, er übernehme „die volle Verantwortung“ für das Versagen der Dienste bezüglich der Terroroffensive. Netanjahu hingegen schickt seine Vasallen vor – treue Parteifunktionäre, die dann in Interviews erklären, die Schuld liege einzig und allein bei der Armee.

Die dicke Luft zwischen Netanjahu und der Generalität ist allerdings kein Nebenprodukt des aktuellen Krieges. Der Ministerpräsident hat sie schon vor Monaten herangezüchtet, indem er alle Warnungen der Armee ausschlug, dass sein Justizcoup die nationale Sicherheit gefährde. Da Netanjahu daran scheiterte, den eindringlich mahnenden Verteidigungsminister mundtot zu machen, feuerte er ihn einfach. Den Kampfpiloten und den Geheimdienstprofis, die daraufhin mit Dienstverweigerung drohten, ließ Netanjahus Entourage bloß ausrichten, sie seien elitär, abgehoben und ohnehin verzichtbar. Wie unverzichtbar sie heute sind, beweisen sie nun Tag und Nacht im Luftraum über Gaza und in den Kommandozentralen.

Tritt Benajmin Netanjahu zurück?

Wird Netanjahu zurücktreten? Das einzig Berechenbare an Netanjahu – das hat Israel schon manches Mal erlebt – ist seine Unberechenbarkeit.

Der Druck auf die Regierung steigt indes. Wann immer sich ein Minister oder eine Vertreterin der Regierungsparteien in der Öffentlichkeit blicken lässt, werden sie lautstark ausgebuht. Niemandem ist entgangen, dass die Regierung in den vergangenen Monaten nur auf ein Thema fokussiert war – die Entmachtung der Justiz – während Israels Sicherheit vernachlässigt wurde.

Netanjahu ist als ein Politiker bekannt, der Umfragen sehr genau studiert. Sein Rezept gegen öffentlichen Zorn, ist, diesem auszuweichen. Angehörige der nach Gaza verschleppten Israelis beklagen, dass sich bisher zwar Tausende Freiwillige und Hunderte Medienleute bei ihnen gemeldet hätten – aber auch nicht eine einzige Person aus Regierungskreisen.

Als die Hamas-Geisel spricht, ist kein Regierungsmitglied anwesend

Als die aus Gaza befreite Geisel Yocheved Lifschitz am Dienstag vor die Presse trat, war da ebenfalls niemand von der Regierung anwesend, um die 85-Jährige mit der gebotenen Anteilnahme zu begleiten. Niemand stand ihr beiseite, als sie Hunderttausenden TV-Zuschauern von den exzellenten Bedingungen in der Hamas-Geiselhaft erzählte: Man habe ihr nicht nur Shampoo sondern auch Haarbalsam zur Verfügung gestellt und ihren Wunsch nach fettreduzierten Streichkäse nur zu gerne erfüllt, erzählte Lifschitz. Dass sich ihr Mann immer noch in den Händen der Terroristen befindet und sie alles tun würde, um seine Sicherheit nicht zu gefährden, macht Lifschitz’ eigentümlich Aussagen sehr viel verständlicher – wenn nicht weniger problematisch. Es war aber auch niemand da, um sie in politischer Rhetorik zu unterstützen.

Der Shitstorm, der danach folgte, weil Lifschitz’ Narrariv der offiziellen Kriegspropaganda so ungeheuer widerspricht, traf nicht die Regierung – sondern den Pressesprecher des Krankenhauses, in dem die Pressekonferenz abgehalten wurde.

Praktisch für Bibi. Er posiert weiter in Daunenjacke und mit staatstragenden Stirnfalten, wenn er nicht gerade vor der Öffentlichkeit flieht. Die Verantwortung tragen andere. Noch.

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare