Umstrittene Sozialreformen

Hitzige Sommerpause: Merz stellt mit Bürgergeld-Keule die SPD auf die Probe

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Bürgergeld und Rente: Im Herbst will Merz die Sozialreformen vorantreiben. Doch die Vorschläge kommen in der Koalition bedingt gut an. Die SPD rüstet zum Kampf.

Berlin – In zwei Wochen geht Friedrich Merz (CDU) in den Urlaub. Das verriet der Kanzler am Freitag (18. Juli) auf seiner Sommerpressekonferenz in Berlin. Das Reiseziel: unbekannt. Doch klar ist: Begleitet wird der deutsche Regierungschef mit einem ganzen Koffer voller ungelöster Probleme. Die Reform des Bürgergeldes, der Rente, möglicherweise auch der Krankenversicherung stehen nach der parlamentarischen Sommerpause auf der Agenda.

Doch schon jetzt bieten die ersten Debattenbeiträge recht viel Zündstoff im Kabinett. Nach den ersten 65 Tagen in der Regierung herrscht viel Unruhe. Droht bereits jetzt ein neues Regierungschaos? In der SPD jedenfalls will man sich bei dem Thema nicht unter Wert verkaufen.

Nach Streit um Bürgergeld-Wohngeld: Merz erwartet eine hitzige Sommerpause

Vor allem der neue SPD-Generalsekretär positioniert sich als neuer Hardliner. Nach der Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), das Wohngeld für Bürgergeld-Empfänger zu begrenzen, reagierte Tim Klüssendorf jetzt mit scharfer Kritik: „Wir müssen endlich aufhören, zu glauben, dass wir den Staat auf Kosten der Bürgergeldbezieher sanieren könnten.

Schon schlechte Stimmung in der Koalition? Kanzler Friedrich Merz (links, CDU) und Vize Lars Klingbeil (SPD) erwarten harte Entscheidungen.

Das ist schlichtweg falsch“, sagte Klüssendorf dem Portal t-online. „Wir haben ein Existenzminimum in Deutschland, an dem niemand rütteln kann. Der einzige und entscheidende Hebel ist doch, wie wir Menschen wieder in Arbeit bringen.“ Der Merz-Vorschlag sei schlichtweg „unsinnig“, stellte er klar.

Wohnkosten zu hoch? Merz erhitzt mit Bürgergeld-Vorschlag die Gemüter

Zum Hintergrund: Merz hatte sich am Sonntag im ARD-„Sommerinterview“ dafür ausgesprochen, die vom Staat erstatteten Wohnkosten für Bürgergeld-Empfänger zu begrenzen. Er nannte dabei eine Pauschalisierung der Wohnkosten, geringere Sätze oder eine Begrenzung der unterstützten Wohnungsgrößen als Möglichkeiten. Merz kritisierte dabei, dass für Bürgergeld-Empfänger teils Wohnungen finanziert würden, die sich „eine normale Arbeitnehmerfamilie nicht leisten“ könne. Während ihm die Union dafür viel Applaus zollte, hagelte es vom SPD-Koalitionspartner, der Opposition von Grünen und Linken, aber auch von Gewerkschaften Kritik.

Rente, Gesundheit, Bürgergeld: Bei Reform der Sozialsysteme drohen Kürzungen

Das Bürgergeld wird deshalb ein Streitthema im Merz-Kabinett bleiben. Insgesamt sind die sozialen Sicherungssysteme in eine massive Schieflage geraten. Den Krankenkassen und den Pflegeversicherungen drohen neue Milliardenlöcher, die Rente muss auch für künftige Generationen stabilisiert werden. Strengere Regeln und auch Leistungskürzungen stehen zur Debatte.

Doch Union und SPD haben hier unterschiedliche Vorstellungen zu Zuschnitt und Ausmaß der benötigten Reformen. Vor allem beim Bürgergeld gibt es Zoff. Denn im laufenden Jahr sollen die Ausgaben auf einen Rekordstand von knapp 52 Milliarden Euro steigen, nach 46,8 Milliarden im Vorjahr. Merz sagte im Wahlkampf, er wolle deswegen einen zweistelligen Milliardenbetrag beim Bürgergeld einsparen. Das SPD-geführte Bundesfinanzministerium von Bärbel Bas sieht für das kommende Jahr aber allenfalls 1,5 Milliarden Euro Einsparpotenzial, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet.

Wie hoch ist das Bürgergeld?

Das Bürgergeld beträgt aktuell für alleinstehende Arbeitslose 563 Euro monatlich. Diese Höhe gilt unverändert seit 2024, da es zum 1. Januar 2025 keine Erhöhung des Bürgergeld-Regelsatzes gab. Hier ist eine Übersicht der aktuellen Bürgergeld-Regelsätze für 2025:

Alleinstehende/Alleinerziehende: 563 Euro
Paare (je Partner): 506 Euro
Volljährige (18-24 Jahre) im Haushalt der Eltern: 451 Euro
Jugendliche (14-17 Jahre): 471 Euro
Kinder (6-13 Jahre): 390 Euro
Kinder (0-5 Jahre): 357 Euro

Im Koalitionsvertrag haben SPD und Union viele potenzielle Streitthemen erst einmal ausgeklammert, um die Koalition zustande zubringen. Der Trick: Für viele Themen wurde ein Prüfauftrag vereinbart. Es sollen Kommissionen gegründet werden, die Vorschläge erarbeiten, die dann im Kabinett und den Parteien diskutiert und verhandelt werden können. So der Plan.

Sommerpressekonferenz in Berlin: Merz kündigt „Herbst der Sozialreformen“ an

Vor diesem Hintergrund zeigte sich Friedrich Merz jetzt betont gelassen. Am Freitag stellte er sich zur traditionellen Sommerpressekonferenz vor den Hauptstadtjournalistinnen und -journalisten ein und kündigte einen „Herbst der Sozialreformen“ an. „Wir müssen einen leistungsfähigen Sozialstaat behalten“, sagte er. Die Vorbereitungen für die Reformen würden laufen. Es sei verabredet, dass man die verschiedenen Positionen in den anvisierten Arbeitsgruppen in Ruhe erörtere.

Schlechte Stimmung? Diese Frage wischte Merz weg. „SPD und Union haben eine normale Arbeitsbeziehung“, sagte der Kanzler. Es sei normal, dass man in einem Regierungsbündnis „Höhen und Tiefen“ erlebe. Dennoch betonte er, dass man die Kosten beim Bürgergeld „signifikant senken“ müsse.

Streit im Kabinett: Bei Bürgergeld-Kürzung droht SPD mit Debatte um Erbschaftssteuer

Doch der Ton wird unüberhörbar schärfer. Denn der Juniorpartner hat keineswegs vor, sich zu schnell dem Willen von CSU und CDU unterzuordnen. Vorsorglich holte SPD-Generalsekretär schon mal zum Gegenschlag aus – und machte seinerseits einen Finanzierungsvorschlag: Wenn das Geld knapp werden würde, könne man ja statt über Kürzungen beim Bürgergeld auch über eine Reform der Erbschaftssteuer reden, sagte Klüssendorf im t-online.de-Interview.

Damit sei nicht das Eigenheim oder die Altersvorsorge der Mittelschicht gemeint, sondern Millionenvermögen. „Das würde nicht nur für mehr Gerechtigkeit in der Steuerpolitik sorgen, sondern auch Milliardensummen in die Länderhaushalte spülen, was in die Bildung oder innere Sicherheit fließen kann.“

Wegen einer fehlenden Mehrheit hatten SPD und Union das Thema in den Koalitionsverhandlungen eigentlich schon offiziell beerdigt. Dass der SPD-General das Fass zum jetzigen Zeitpunkt wieder aufmachte, zeigt: Die SPD ist bereit für die Verhandlungen über die Sozialreformen, zur Not auch mit harten Bandagen.

Stromsteuer, Richterwahl, Bürgergeld: Merz kommt im Regierungsalltag an

Kanzler Merz kommt damit nach der ersten Anfangseuphorie auf dem harten Boden des Regierungsalltages an. Angetreten war er mit dem Versprechen, dass nach den vielen Jahren im Ampel-Chaos endlich wieder Ruhe einkehren sollte. „Ich möchte, dass Sie schon im Sommer spüren: Hier verändert sich etwas zum Besseren.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Doch der Kanzler, der eine Aufbruchstimmung im Land erzeugen wollte, geht mit unerledigten Problemen in die Sommerpause. Bereits seine Kanzlerwahl geriet zum kleinen Fiasko, dann gab es Streit zur Stromsteuer und eine vergeigte Wahl der neuen Bundesverfassungsrichter. Dies alles sind im Sommer keine guten Vorzeichen für einen Herbst der Sozialreformen. Aber vielleicht findet Merz dann doch in seinem Urlaub die rettende Idee – wo auch immer der Kanzler zur Erholung hin abtaucht. (jek)

Rubriklistenbild: © Niklas Treppner/dpa

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