Hochwasser

Hochwasser in Deutschland: Gefährliche neue Normalität

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Schwierige Passage: Ein Rettungswagen am Sonntag in Schrobenhausen zwischen Augsburg und Ingolstadt.
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Die Flut in Teilen Süddeutschlands zeigt: Extreme Hochwasser werden zunehmend zum gefährlichen Alltag. Die Politik muss bei Klimaschutz und Klimaanpassung nachlegen. Der Kommentar

Diesmal ist der Süden der Republik betroffen. Land unter in Teilen von Baden-Württemberg und Bayern, nachdem extreme Regenmengen in kürzester Zeit vom Himmel gefallen sind. Straßen wurden zu Wasserstraßen, viele Keller und Erdgeschosse sind geflutet, Not-Evakuierungen wurden nötig, Landkreise riefen den Notfall aus – das volle Programm. Erst vor zwei Wochen, am Pfingstwochenende, gab es ein ähnliches Szenario im Saarland und in Rheinland-Pfalz, und fünf Monate vorher, nach dem Jahreswechsel, hatte es Niedersachsen und Bremen erwischt.

Hochwasser-Chaos im Süden Deutschlands: Gibt es immer häufiger Unwetter?

Zum Glück sind die Folgen bei diesen drei Hochwassern nicht so verheerend wie 2021, als die Megafluten an den Flüssen Ahr und Erft in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen über 180 Tote und rund 40 Milliarden Euro Wiederaufbaukosten forderten. Die Bevölkerung ist frühzeitig und umfassend gewarnt worden, die Katastrophen- und Rettungsdienste leisten gute Arbeit, und es gab zum Glück keine vergleichbare Zahl von Opfern. Trotzdem sind die drei Fluten für viele der betroffenen Menschen ein Schock, den sie zeitlebens nicht vergessen werden. Einmal abgesehen von den finanziellen Schäden, die von den Versicherungen bei weitem nicht komplett abgedeckt werden. Die Folgekosten der Unwetter in Niedersachsen werden auf mindestens 160 Millionen Euro geschätzt, die im Saarland und Rheinland-Pfalz auf über 200 Millionen.

Die Frage ist: Muss man sich an die Häufung solche Unwetter gewöhnen? Sind sie die neue Normalität in Zeiten des Klimawandels, so wie auf der anderen Seite Hitze- und Trockenperioden intensiver werden, wie wir das in den Jahren 2018 bis 2020 und 2022 erlebt haben? Laut dem Deutschen Wetterdienst hat die Menge der Tage mit starken Niederschlägen seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts pro Jahr zwar nur leicht zugenommen, wobei sie im Winter häufiger, im Sommer aber seltener wurden. Allerdings: Die Intensität ist höher geworden. Das heißt, es fallen höhere Regenmengen in kürzerer Zeit. Das verstärkt die Folgen. Kanalisationen laufen sofort über, Bäche schwellen schneller zu reißenden Fluten an, die Hochwasser-Wellen in Flüssen überlagern sich.

Hochwasser im Süden von Deutschlands: Extreme Wetterlage könnte sich häufen

Die Klimaforschung erwartet, dass die Extremwetterlagen weiter zunehmen, so auch beim Regen. Der Weltklimarat sagt voraus, dass die derzeit in Europa beobachteten intensivsten Niederschlagsereignisse bei jeder weiteren Erwärmung um ein Grad Celsius etwa doppelt so häufig werden. Der Grund ist Physik. Pro Grad höherer Temperatur nimmt die Atmosphäre rund sieben Prozent mehr Feuchtigkeit auf, die aus Meeren, Seen und Flüssen verdunstet. Die entsprechenden, in den Wolken gespeicherten Wassermassen entladen sich auch wieder, und zwar nach den Klimamodellen vermehrt in Starkregenfällen in kurzen Zeitspannen von bis zu 24 Stunden. Genau das, was jetzt auch wieder in Süd- und Südost-Deutschland passiert ist.

Die Konsequenz daraus liegt auf der Hand. Deutschland muss nicht nur, wie der Rest der Welt, mehr für die Begrenzung des Klimawandels tun, indem alle Wirtschaftssektoren beschleunigt auf Klimaneutralität umgestellt werden. Es muss auch mehr in die Vorbeugung gegen Extremwetter-Ereignisse investiert werden – auf allen Ebenen, vom Bund über die Länder und die Kommunen bis zu den Unternehmen und den Privatleuten.

Die aktuellen Unwetter unterstreichen noch einmal die Forderungen nach einer „Klima-Risiko-Taskforce“ und einem „Unwetter-Umbau“, wie sie erst jüngst von einem Forschungsteam der TU Kaiserslautern aufgestellt wurden. Das heißt: Es müssen Starkregen-Risikokarten erstellt, Wohnhäuser und öffentliche Gebäude, wo nötig, umgebaut sowie Kanalsysteme und Versickerungsflächen ausgebaut werden. Auch ein weiter verbessertes Frühwarnsystem vor Überflutungen ist wichtig.

Bilder vom Hochwasser in Deutschland: Zahlreiche Orte unter Wasser – es gibt Tote und Vermisste

Pfaffenhofen in Oberbayern ist dramatisch vom Hochwasser betroffen. Die Einsatzkräfte haben einen schweren Verlust zu verkraften. An der Ilm war am Wochenende ein Feuerwehrmann bei einer Rettungsaktion ums Leben gekommen. Doch die Gefahr verlagert sich auch nach Passau und Regensburg.
Pfaffenhofen in Oberbayern ist dramatisch vom Hochwasser betroffen. Die Einsatzkräfte haben einen schweren Verlust zu verkraften. An der Ilm war am Wochenende ein Feuerwehrmann bei einer Rettungsaktion ums Leben gekommen. Eine Frau starb in ihrem gefluteten Keller in Schrobenhausen. Ein Feuerwehrmann wird bei Günzburg vermisst. Doch die Gefahr verlagert sich auch nach Passau und Regensburg. Die Bilder vom Wochenende und vom Montag. © Jason Tschepljakow/dpa
Eine Uferstraße ist vom Hochwasser überschwemmt. Die Drei-Flüsse-Stadt Passau in Niederbayern hat aufgrund des Starkregens ebenfalls mit erheblichem Hochwasser zu kämpfen. Der Pegelstand der Donau stieg am Sonntag auf mehr als 7,70 Meter, wie der Hochwassernachrichtendienst mitteilte. Zahlreiche Straßen und Plätze in Stadtgebiet stehen unter Wasser.
Eine Uferstraße ist vom Hochwasser überschwemmt. Die Drei-Flüsse-Stadt Passau in Niederbayern hat aufgrund des Starkregens ebenfalls mit erheblichem Hochwasser zu kämpfen. Der Pegelstand der Donau stieg am Sonntag auf mehr als 7,70 Meter, wie der Hochwassernachrichtendienst mitteilte. Zahlreiche Straßen und Plätze in Stadtgebiet stehen unter Wasser.  © Markus Zechbauer/Zema Medien/dpa
nden einen Stand von 5,80 Meter erreicht, wie die Stadt mitteilte. Die historische Wurstkuchl wird mit einer Schutzwand vor dem Hochwasser der Donau geschützt.
Das Wasser der Donau steigt und steigt, nun hat auch Regensburg den Katastrophenfall ausgerufen. Die Wasserhöhe am Messpunkt Eiserne Brücke habe in den Morgenstunden einen Stand von 5,80 Meter erreicht, wie die Stadt mitteilte. Die historische Wurstkuchl wird mit einer Schutzwand vor dem Hochwasser der Donau geschützt.  © Armin Weigel/dpa
Auch Menschen in Baden-Württemberg sind weiter in großer Gefahr. Hier ein Blick auf Täferrot, wo der Fluss Lein über die Ufer getreten war und Überschwemmungen verursacht hatte.
Auch Menschen in Baden-Württemberg sind weiter in großer Gefahr. Hier ein Blick auf Täferrot, wo der Fluss Lein über die Ufer getreten war und Überschwemmungen verursacht hatte. © Jason Tschepljakow/dpa
Autos fahren durch eine von Hochwasser betroffene Kreisstraße zwischen Beuren und Illerrieden
Besonders im Süden hat das befürchtete Unwetter voll zugeschlagen. In Baden-Württemberg regnete es seit den Samstag-Morgenstunden (1. Juni) heftig. Straßen wurden geflutet, wie hier zwischen Beuren und Illerrieden. © Marius Bulling/Imago
Hochwasser in Babenhausen (Bayern).
Im Laufe des Samstagvormittags (1. Juni) wurden in fünf bayerischen Landkreisen der Katastrophenfall ausgerufen. Mehrere Menschen mussten mit dem Boot gerettet werden, so wie hier in Babenhausen. © Stefan Puchner/dpa
Feuerwehrleute arbeiten überfluteten Straße in Ichenhausen, nachdem die Günz übergetreten war.
Im Landkreis Günzburg (Bayern) ist die befürchtete Jahrhundertflut eingetreten. Feuerwehrleute arbeiten an überfluteten Straßen in Ichenhausen, nachdem die Günz übergetreten war. (Foto-Collage) © dpa/Foto-Collage
Rettungskräfte fahren die Hochwasserlage in Bayern (Fischbach) mit einem Jetski ab.
In den angrenzenden Landkreisen Günzburg und Augsburg wurde im Laufe des Samstagvormittags der Katastrophenfall ausgerufen, nachdem die Pegelstände stark angestiegen waren. Im Ort Fischbach (Landkreis Augsburg) verschaffen sich Einsatzkräfte mit Jetskis einen Überblick über die Lage. © dpa
Hochwasser nach Extremwetter in Haselbach (Bayern).
Doch auch andere Teile Bayerns sind stark betroffen. In der Gemeinde Haselbach östlich von Regensburg hat der Dauerregen einen Spielplatz komplett unter Wasser gesetzt. © Stefan Puchner/dpa
Hochwasser nach heftigen Unwetter zwang den Rettungshelikopter auszurücken in Bayern.
Der Rettungshelikopter musste ebenfalls ausrücken. Personen mussten aus ihrem Haus auf dem Luftweg befreit werden, da sie sonst nicht mehr herausgekommen wären. © Stefan Puchner/dpa
Feuerwehrleute kämpfen gegen das Hochwasser in Ochsenbach, Baden-Württemberg.
Auch in Baden-Württemberg haben zahlreiche Einsatzkräfte mit dem Unwetter zu kämpfen. In Ochsenbach nordwestlich von Memmingen stapeln Feuerwehrleute Sandsäcke und pumpen Wasser ab. Die schlimmste Unwetter-Zelle hielt sich am Samstag (1. Juni) zwischen München und Stuttgart. © Thomas Warnack/dpa
Hochwasser auch auf den Straßen in Ochsenbach, Baden-Württemberg.
Dennoch waren im Ort zahlreiche Straßen geflutet. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) riet von Aufenthalten im Freien ab. © Thomas Warnack/dpa
Unwetter-Lage in Baden-Württemberg.
Hier findet sicher so schnell kein Fußballspiel statt. Eigentlich sollte der SV Daugendorf im Ortsteil der Stadt Riedlingen (Baden-Württemberg) am Samstag (1. Juni) das letzte Spiel der Runde ausrichten. Nach den Unwettern steht der Platz unter Wasser.  © Thomas Warnack/dpa
In Sachsen haben Einsatzkräfte schon am Freitagabend (31. Mai) Vorkehrungen getroffen.
Seit Tagen herrscht in Deutschland die Sorge vor heftigen Unwettern und einer Jahrhundertflut. In vielen Regionen, wie hier in Sachsen, haben Einsatzkräfte schon am Freitagabend (31. Mai) Vorkehrungen getroffen.  © Katrin Mädler/dpa
In Bad Wörishofen im Unterallgäu, staut sich das Hochwasser nach andauernden Regenfällen an.
Im Unterallgäu hatte sich schon am späten Freitagabend (31. Mai) an einigen Stellen Wasser angesammelt. Die Behörden bereiteten am Samstagvormittag eine Evakuierung vor und rieten den Bewohnern freiwillig ihre Häuser zu verlassen. Vor allem in Hanggebieten sind Erdrutsche möglich, warnt der DWD. © Bernd Feil /Imago
Überflutete Straße in Lindau am Bodensee.
In Lindau am Bodensee verschluckte Hochwasser auf gefluteten Straßen in der Nacht zum Samstag einen Van. © Bernd März/dpa

Hochwasser-Lage in Deutschland: Fachleute warnen vor Extremwetter

Natürlich sind das keine Erkenntnisse, die plötzlich vom Himmel fallen. Solche Forderungen gibt es seit vielen Jahren, mit besonderer Dringlichkeit von Fachleuten aufgestellt nach der verheerenden Ahrtal-Flut, ohne dass sie flächendeckend umgesetzt würden. Der Bundestag hat sogar bereits ein „Klimaanpassungsgesetz“ beschlossen, das im Sommer in Kraft treten wird und die Länder sowie speziell die Kommunen dazu antreiben soll, mehr für Risikovorsorge und Klimaanpassung zu tun. Die Frage ist nur, wer die nötigen Umbau-Maßnahmen bezahlt. Die hier federführende Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat eingeräumt, es gebe bisher keine entsprechende Finanzierung für die nötigen Anpassungsmaßnahmen.

Das muss sich dringend ändern. Bekanntermaßen sind Bund, Länder und Kommunen schon jetzt am Limit, es ist nicht Geld da, um die bröselnde vorhandene Infrastruktur – von Verkehrswegen über Schulen bis Sportstätten – zu erhalten. Um die zusätzlichen Aufgaben der Klimaanpassung zu bewältigen, braucht es mehr Mittel, etwa durch die Aufnahme eines „Sondervermögens“ wie bei der Bundeswehr. Das müsste, nach den Bildern vom Wochenende aus den Flutgebieten, eigentlich auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) einsehen.

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