VonAnika Zuschkeschließen
Unternehmen in Deutschland leiden zunehmend unter der Inflation und den hohen Energiepreisen. Eine Insolvenzwelle droht – Hakle und Görtz machen den Anfang.
Berlin – In Deutschland macht sich der Ukraine-Krieg und infolgedessen der befürchtete Gasmangel besonders bei den explodierenden Energiepreisen bemerkbar – und für die zahlt die ganze Bundesrepublik im wahrsten Sinne des Wortes ihren Preis. Denn nicht nur Privatpersonen leiden, auch Betrieben machen die drastischen Kostensteigerungen zu schaffen. Als erste Unternehmen mussten Hakle und Görtz im Zuge dessen bereits Insolvenz anmelden – und das ist wohl erst der Anfang. Was unternimmt die Politik gegen eine drohende Insolvenzwelle?
Energiekrise und Inflation in Deutschland befeuern Insolvenzwelle – Hakle ist das erste prominente Opfer
Die Folgen der Inflation in Deutschland werden derzeit immer ersichtlicher: Da der Hygienepapierproduzent „Hakle“ die Steigerungen der Energiekosten nicht schnell genug an den Handel weitergeben konnte, musste das Unternehmen laut dem Amtsgericht Düsseldorf vor wenigen Tagen Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Darüber berichtete zunächst die Lebensmittelzeitung.
Die Produktion von Papier sei laut Hakle besonders energieintensiv und Holz ist zudem knapp und teuer geworden. Diese Mehrkosten konnte das Unternehmen nicht mehr im Alleingang auffangen – und ist infolgedessen zum Sanierungsfall geworden. Diesem unerfreulichen Beispiel folgte schnell auch der Hamburger Schuh-Riese Görtz.
Görtz muss Insolvenz anmelden – wegen Ukraine-Krieg, Inflation und Energiepreisen
Wie der Spiegel berichtet, musste die Muttergesellschaft Ludwig Görtz GmbH ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung beantragen, für zwei Töchter wurde zudem ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angemeldet. Zwar läuft der Geschäftsbetrieb in den Filialen, der Zentrale in Hamburg und den beiden Zentrallagern laut einer Mitteilung von Görtz uneingeschränkt weiter, doch steckt das Unternehmen zweifelsohne in Schwierigkeiten.
Auch in dem Fall wird die Insolvenzanmeldung mit dem Ukraine-Krieg, der hohen Inflation und steigenden Energiepreisen begründet, die Görtz zufolge zu enormer Kaufzurückhaltung in den Filialen und im Onlinegeschäft geführt hätten.
Insolvenzwelle in Deutschland droht: Unternehmen können Preissteigerungen nicht auffangen
Schenkt man Experten Glauben, ist das leider erst der Anfang. Branchenkenner erwarten laut dem Handelsblatt eine Konsolidierungswelle – also die vermehrte Umwandlung von kurzfristigen Schulden in langfristige Schulden – wenn Beschaffungskosten weiterhin auf diesem hohen Niveau bleiben.
Das Problem liegt dabei – vor allem bei mittelständischen Unternehmen wie Hakle – darin, dass Hersteller ihre höheren Kosten nicht einfach an den Handel weitergeben können. „Konsumgüterhersteller können Preiserhöhungen in der Regel erst zeitversetzt umsetzen. Das ist für viele nicht leicht zu verkraften“, erklärt Johannes Sausen, Direktor Konsumgüter und Handel der IKB Deutsche Industriebank, dem Handelsblatt.
Viele Hersteller verlangen zwar schon jetzt Preiserhöhungen, doch sind Händler dazu häufig nicht bereit. Eskaliert diese Situation, kann es sogar zu einer Einstellung der Lieferungen kommen. So ist auch Coca-Cola vorgegangen, die vorerst ihre Lieferungen an Edeka eingestellt haben – der Lebensmittelriese geht auf den Preiskampf aber auch bissig ein.
Insolvenzwelle in Deutschland? „Jeden Tag erreichen uns Notrufe von Betrieben“
Infolge dieser Preisprobleme hat eine Studie des Industrieverbands BDI ergeben, dass 58 Prozent der Betriebe vor großen Herausforderungen stehen und 34 Prozent sogar um ihre Existenz fürchten. Laut dem Spiegel hatten im Februar nur 23 Prozent in diesem Sinne geantwortet. In der Untersuchung heißt es zudem, dass fast jedes zehnte Unternehmen die Produktion bereits gedrosselt oder sogar unterbrochen habe.
Doch nicht nur die Industrie steht vor einem immer größer werdenden Problem, auch handwerkliche Betriebe leiden. „Jeden Tag erreichen uns Notrufe von Betrieben, die kurz davor sind, ihre Produktion einzustellen, weil sie die enorm gestiegenen Energierechnungen nicht mehr bezahlen können“, sagte der Präsident des Branchenverbandes ZDH, Hans Peter Wollseifer, der Rheinischen Post.
In Niedersachsen zeigen sich die Auswirkungen der Preissprünge ebenfalls deutlich: Der Syker Blechtechnik steht zum zweiten Mal innerhalb wenige Jahre ein Insolvenzverfahren bevor und auch die Achimer Stadtbäckerei meldete bereits Insolvenz an.
Experten erwarten Entlastungspaket für Unternehmen: „Eine riesige Insolvenzwelle ist bereits im Gang“
Der Präsident des Verbands der Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée, wurde im Gespräch mit der Rheinischen Post extrem deutlich: „Eine riesige Insolvenzwelle ist bereits im Gang, und sie wird noch viel größer werden. Zehntausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel“, so Eben-Worlée.
„Die Bundesregierung muss schleunigst ein Entlastungsprogramm für die Wirtschaft auf den Weg bringen“, fordert deswegen BDI-Präsident Siegfried Russwurm laut dem Spiegel. Tatsächlich möchte Wirtschaftsminister Robert Habeck mit dem dritten Entlastungspaket jetzt auch „kleinen und mittleren“ Unternehmen helfen – nachdem er bei einem Auftritt bei maischberger in der ARD mit seinen Insolvenz-Äußerungen gehörig für Wirbel gesorgt hatte.
In Bezug auf Branchen wie Bäckereien oder Blumenläden, die aufgrund des gesunkenen Konsumverhaltens vor Schwierigkeiten stünden, sagte Habeck nämlich: „Dann sind die nicht insolvent automatisch, aber sie hören vielleicht auf zu verkaufen.“ Auf die Frage, ob er an eine Insolvenzwelle glaube, äußerte Habeck zudem: „Nein, das tue ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass bestimmte Branchen einfach erst mal aufhören, zu produzieren.“ Diese Aussagen sorgten wenig überraschend für eine Menge Kritik.
Regierung wehrt sich gegen mögliche Insolvenzwelle – mit Änderungen im Insolvenzrecht
Doch sind erste konkrete Pläne der Bundesregierung gegen eine mögliche Insolvenzwelle bereits in der Mache. Das FDP-geführte Bundesjustizministerium möchte kurzfristig Änderungen im Insolvenzrecht vornehmen. „Von der Änderung werden Unternehmen profitieren, die im Kern gesund und auch langfristig unter den geänderten Rahmenbedingungen überlebensfähig sind“, sagte ein Sprecher des Ministeriums laut dem Spiegel.
Im Zuge dessen hatte sich die Ampelkoalition auch bereits auf Erleichterungen bei der Insolvenzantragspflicht geeinigt. Dies solle nun zügig umgesetzt werden. Geplant sei demnach eine zeitlich begrenzte Erleichterung bei der Pflicht zur Stellung eines Insolvenzantrags wegen Überschuldung. Dieser Zeitraum soll wohl auf vier Monate verkürzt werden.
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