VonSebastian Richterschließen
Der oberste Führer Ali Chamenei ist tot – getötet bei einem US-israelischen Luftschlag. In Teheran herrscht Chaos zwischen Jubel und Trauer.
Donald Trump hat seine Drohungen wahrgemacht. Am Samstagmorgen startete das US-Militär gemeinsam mit der israelischen Armee Angriffe auf den Iran. Trumps Ziel des Einsatzes nach eigenen Angaben: das Ende des Mullah-Regimes. Dieses Ziel hat er mit einem Teil der iranischen Bevölkerung gemeinsam: Bei massiven Protesten im Dezember und Januar gingen zahlreiche Menschen auf die Straßen. Das Regime reagierte mit tödlicher Gewalt, Schätzungen zu den Opferzahlen gehen in die Zehntausende. Trump versprach Hilfe für die Protestbewegung – und schickte sie wohl nun in Form von Kampfjets.
Bei den Angriffen wurde offenbar auch der oberste Führer Ali Chamenei und ein Teil seiner Familie getötet. Ebenso starben mehrere Offiziere und Kommandeure der iranischen Revolutionsgarden. Nehmen die Proteste nun neue Fahrt auf? Fällt gar das Regime?
Trump und Netanjahu fordern die Menschen im Iran zum Handeln auf
Nach der Verkündung von Chameneis Tod gingen die Menschen in Teheran zumindest erneut auf die Straßen. Zum einen aus Freude über den Tod des verhassten Kopfes des Regimes – zum anderen aus Trauer um den geliebten, gar heiligen Führer. Wie groß die jeweiligen Versammlungen waren, kann nicht nachgeprüft werden. Nur wenige Informationen dringen aus dem Iran nach außen, das Internet wurde abgeschaltet. Über große Proteste gegen das Regime ist noch nichts bekannt.
Trump zumindest baut auf ein Erstarken der Proteste. „Übernehmt die Regierung, wenn wir mit den Bombardierungen fertig sind, das ist wahrscheinlich eure einzige Chance auf Generationen hinaus“, sagte der US-Präsident in seiner Rede nach dem Angriff. Die Stunde der Freiheit sei nun greifbar nah. Ähnlich äußerte sich der israelische Staatschef Benjamin Netanjahu: „Nehmt Euer Schicksal in die eigenen Hände. Schaut in den Himmel, die Piloten der freien Welt kommen euch zu Hilfe, die Hilfe ist da.“
Dauerhafter „Regime Change“ im Iran: Ohne das Volk keine langfristige Lösung
Um das Regime zu Fall zu bringen, sind Trump und Netanjahu tatsächlich auf die Bevölkerung angewiesen, erklärt Sicherheitsexperte Phillips O‘Brien, Professor für Strategische Studien an der Universität St. Andrews in Schottland, gegenüber der Tagesschau. „Zwar könnten Luftangriffe Gebäude zerstören und die derzeitige Führung schwächen. Aber ohne die Zusammenarbeit von Menschen innerhalb Irans, die bereit sind, Trumps Ziel der Ablösung der derzeitigen Regierung zu unterstützen, wird es keinen dauerhaften Machtwechsel geben.“
Ob eine neue Protestbewegung überhaupt Erfolg hätte, ist ungewiss. Chamenei mag tot sein, das Regime lebt allerdings weiter. Ein Dreier-Gremium soll vorübergehend die Führung übernehmen: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des Wächterrats. Chamenei soll nach den US-Angriffen im Vorjahr die Erstellung mehrschichtiger Nachfolgepläne angeordnet haben, um ein Machtvakuum zu vermeiden. Langfristig war immer wieder Chameneis Sohn Modschtaba als Nachfolger im Gespräch. Zu seinem Zustand und Aufenthaltsort gibt es allerdings keine Angaben.
Fast 50 Jahre Bestand: Das Regime im Iran fällt nicht nach dem Tod ihres Führers
Experten wie Thomas Juneau halten einen kurzfristigen Zusammenbruch für unwahrscheinlich. Das System habe sich in fast 50 Jahren massiv gefestigt. Solange Polizei, Militär, Revolutionsgarden und Basidsch-Milizen loyal bleiben, dürfte es Bestand haben, erklärt der Professor der Internationalen Beziehungen von der Universität Ottawa. Die umfangreichen Angriffe haben zwar das iranische Militär signifikant schwächen können – allerdings sagt das wenig über die Fähigkeiten des Regimes aus, Aufstände im Inland niederzuschlagen.
Die Bereitschaft zur Gewalt haben die Revolutionsgarden bereits bei den Protesten im Dezember und Januar gezeigt. Jetzt stehen die Milizen zusätzlich unter massivem militärischen Druck von Außen. Das könnte die Gegenwehr intensivieren: Eine aktuelle Analyse der CIA geht davon aus, dass die Angriffe die Hardliner aus den Reihen der Revolutionsgarden eher noch stärken, wie die Tagesschau berichtet.
Menschen auf der Straße, Rauch über Städten: Bilder der Eskalation im Nahen Osten




Zwischen Hoffnung und Angst: Den Menschen im Iran steht Ungewissheit bevor
Zudem bietet der Angriff der USA und Israels dem Regime ein neues Narrativ: Die Proteste seien ohnehin von außerhalb gesteuert. Der iranische Botschafter Majid Nili Ahmadabadi erklärte Ende Januar in Berlin, dass die Proteste zunächst friedlich und sogar legitim gewesen seien. Erst Donald Trumps Hilfsversprechen auf dessen Plattform Truth Social hätten die Demonstrationen aufgewiegelt und schließlich die Eskalation in die Wege geleitet, die tausenden Demonstrantinnen und Demonstranten das Leben kostete. Auch vom israelischen Geheimdienst Mossad unterstützte „Terrorgruppen“ hätten gezielt Gewalt gestreut.
Für die Menschen im Iran steht eine Zeit der Ungewissheit bevor. Die Angriffe werden zeitnah nicht aufhören, wie Donald Trump bereits ankündigte.
Eine der wenigen Stimmen, die aus dem Iran in die Welt drangen, hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa) aufgefangen. Für den Bankangestellten Ramin ist der Angriff der USA und Israels „der Beginn vom Ende dieses Regimes und all unserer Leiden“, wie er sagt. Ob er eine ungewisse Zukunft fürchtet? „Nein, dunkler als Schwarz kann es ja nicht werden.“ (spr) (Verwendete Quellen: dpa, tagesschau.de, br.de, truthsocial.com, eigene Recherche)
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