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Ein Planspiel hält den Atomkrieg zwischen Israel und dem Iran für möglich. Jüngste Rückschläge mit konventionellen Raketen lässt die Gefahr steigen.
Jerusalem – „Der Iron Dome wurde ursprünglich dafür entwickelt, auf Bedrohungen aus kurzer Entfernung, also auf verschiedene Waffentypen, zu reagieren“, sagt John Erath. Der Analyst des Thinktank Center for Arms Control and Non-Proliferation hält Israels Raketen-Abwehrschirm für ungeeignet gegenüber Atomwaffen, die möglicherweise aus dem Iran anfliegen könnten. Jedenfalls hält die Washington-Post die aktuelle Lage des Krieges in Israel für bedrohlich: „Die jüngsten militärischen Rückschläge seien genau die Art von Entwicklung, die einen letzten Anlauf des Iran zur Bombe auslösen könnte“, schreibt das Blatt.
„Menschen geraten nicht in Panik, sie neigen dazu, die Sirenen auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber 100-prozentige Sicherheit kann sowieso niemand gewährleisten“, sagte Yiftah Shapir. 2014 hatte die Deutsche Welle (DW) den Analysten des israelischen Nationalen Instituts für Sicherheitsstudien zitiert. „Israelis vertrauen auf ‚Iron Dome‘“, lautete die Botschaft der DW, die Shapir schon vor zehn Jahren missmutig gemacht hat – und die sich jetzt als leichtfertig und tödlich für das Volk Israels herausstellen könnte.
Warnung aus den USA: Hisbollah könnte den Iron Dome an seine Grenzen bringen
Die Regierung von US-Präsident Joe Biden spricht aktuell die Warnung aus, dass die Hisbollah im Krieg in Israel das System an seine Grenzen bringen könnte. Allerdings hatte der jüngste Gegenschlag des Iran mit fast 200 Raketen nur optisch Wirkung erzielt – und könnte Israel deshalb zwingen, das Konzept Luftabwehr zu überdenken. „Wenn die Achse des Widerstands nicht funktioniert, dann ist die einzige Abschreckung vielleicht eine nukleare Abschreckung“, sagt David Albright gegenüber der Washington Post.
„Obwohl Israel und der Iran zunächst versuchen könnten, nukleare Angriffe auf die Bevölkerung zu vermeiden, ist eine solche Selbstbeherrschung fragil.“
Der Atomwaffenexperte und Präsident des Thinktank Institute for Science and International Security sieht in jedem iranischen Fehlschuss mit konventionellen Raketen die Wahrscheinlichkeit wachsen, dass die Unterstützer der Hisbollah mit dem Bau von Atomwaffen beginnen würden, wie er gegenüber der Washington Post erklärt hat. Für den Journalisten Nic Robertson wäre das eine absolute Überforderung eines grundsätzlich effektiven Abwehrsystems, dessen einzelne Rakete jeweils bis zu 45.000 Euro kostet. Der Thinktank Centre for Strategic and International Studies schätzt, dass ein System aus Radar, Computer und drei bis vier Trägerraketen mit jeweils bis zu 20 Abfangraketen rund 90 Millionen Euro verschlingt. Zehn davon soll Israel im Einsatz haben.
Das System bestünde aus den drei Teilen „Kopf“, „Hand“ und „Augen“, hatte der Iron-Dome-Projektleiter Daniel Gold Focus Online erläutert. Der Kopf, also das Rechnersystem, überwache permanent den Himmel. Wenn eine Rakete anflöge, würde berechnet, wo sie gestartet wurde, welche Rakete käme, mit welcher Rakete geantwortet werden müsse und wie die Flugbahn aussehe. „Das System ist intelligent: Wenn die Rakete nicht im bewohnten Gebiet einschlägt, sondern auf dem offenen Feld oder im Meer, wird nicht reagiert. Nun steht der Kopf aber geografisch nicht neben der Batterie mit den Raketen. Und die ‚Hand‘, also der Auslöser, steht noch einmal ganz woanders“, sagte Gold.
Fehler im System: Atombombe könnte vom Iron Dome ignoriert werden und dennoch wirken
Auf CNN hat der Reporter Robertson erläutert, dass eine Atomrakete möglicherweise zwar durch die Iron-Dome-Abwehrraketen vernichtet werden könnte, deren radioaktive Strahlung sowie deren elektromagnetischer Impuls trotz dessen über dem anvisierten Ziel wirksam würden. Durch den Abschuss in einer gewissen Höhe über einem Aufschlagpunkt wäre insofern wenig gewonnen; genauso durch eine Rakete, die vom Iron Dome ignoriert würde, allerdings durch ihre atomare Kraft die gesamte Region ihres Aufschlages zerstören könne.
Darüberhinaus ist Israels Iron Dome als Abwehr grundsätzlich lediglich gegen Kurzstrecken-Raketen ausgelegt. Die wahre Gefahr für das System läge eher in präzisionsgelenkter Munition, erläutert John Erath. Eine atomare Waffe – beispielsweise ein von einem Flugzeug gestarteter Marschflugkörper – könnte die Fähigkeiten des Systems also sprengen. David’s Sling („Davids Schleuder“) sowie Arrow 2 und 3 wären zwei weitere israelische Luftabwehrsysteme, die in der Lage seien, ballistische Mittel- und Langstreckenraketen abzuwehren, berichtet der Sender ABC. David‘s Sling sei für Entfernungen bis zu 300 Kilometer konzipiert, das Arrow-System für weitere Distanzen.
Kriegssimulation zwischen Israel und dem Iran: „Es wurde schnell nuklear“
Arrow-2 sei in der Lage, Raketen aus 500 Kilometer Entfernung zu erkennen und sie auf vergleichsweise kurze Distanz abzufangen – in einer Entfernung von bis zu 100 Kilometern vom Startplatz, wie die BBC wissen will. Arrow-3 würde eingesetzt gegen Boden-Boden-Raketen während ihres Anfluges außerhalb der Erdatmosphäre. Der Rakete wird eine Reichweite von 2.500 Kilometern zugeschrieben.
Tatsächlich berichtete das Bulletin of the Atomic Scientists im Februar dieses Jahres von simulierten Kriegsspielen zwischen Israel und dem Iran mit dem Ergebnis: „Es wurde schnell nuklear“. Obwohl der Iran keine Atomwaffen besitzt, berichtet das Wall Street Journal (WSJ) aktuell, dass sichere Voraussagen fehlten, wie lange der Iran für den Bau einer Atomwaffe benötigte: „Letztes Jahr sagte General Mark Milley, der damalige Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, vor dem Kongress, es würde mehrere Monate dauern, bis Teheran eine Atomwaffe einsatzbereit hätte“, schreibt das Blatt.
Israel verliert einen Verbündeten: Die USA setzen auf Diplomatie
Laut dem WSJ sei der Iran das einzige atomwaffenfreie Land, das zu 60 Prozent angereichertes Uran produziere, und über genügend waffenfähigen Kernbrennstoff für etwa drei Bomben verfüge. Außerdem sollen US-Geheimdienste davon ausgehen, dass das dortige Regime den um die Jahrtausendwende begonnenen Bau einer Atomrakete wieder aufgenommen habe. Israel selbst werden 200 bis 300 atomare Sprengköpfe nachgesagt.
Laut dem Bulletin of the Atomic Scientists hätte das Planspiel zwischen Israel und dem Iran Ende vergangenen Jahres stattgefunden – auf Einladung der im U.S.-Bundesstaat Virgina ansässigen Bildungseinrichtung Nonproliferation Policy Education Center. Dem Bulletin zufolge sollen zu den 35 Teilnehmern Mitarbeiter des Kongresses von Republikanern und Demokraten gehört haben, Beamte und Analysten der US-Exekutive, führende Wissenschaftler, Experten für nationale Sicherheit und Nahost-Think-Tanks sowie US-Militärpersonal.
Hintergrund der fiktiven militärischen Planung, die im Jahr 2027 beginnt, sind Geheimdienstberichte, denen zufolge der Iran tatsächlich seine Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen ausrüstet, worauf Israel vorbeugend dessen Atomanlagen und Basen angreift. Im Zuge weiterer konventioneller Gefechte verdichten sich Hinweise, dass dem Iran trotz der israelischen Bombardements weiterhin Atomwaffen zur Verfügung stehen könnten. Laut dem Planspiel verzichten die USA auf militärische Interventionen und setzen auf Diplomatie.
Lösungsansatz: Israels Sicherheit müsste stärker mit seinen Nachbarn verzahnt sein
„Da Israel nun weiß, dass es isoliert ist und weitere konventionelle israelische Angriffe einen iranischen Atomschlag kaum verhindern können, beschließt der israelische Ministerpräsident, dass ein Angriff auf den Iran mit Atomwaffen die einzige Option für Israel ist“, schreibt Bulletin-Autor Henry Sokolski. Die Ergebnisse des Planspiels sehen tatsächlich in Israel die treibende Kraft einer atomaren Eskalation.
Allerdings ist dieser Ausgang eingebettet in eine insgesamt instabile politische Lage in der Region. Henry Sokolski schreibt über eine Schlussfolgerung des Spiels, dass eine generelle Beruhigung im Nahen Osten wahrscheinlich nur eintrete durch eine multilaterale Unterstützung für die israelische Sicherheit und der daraus folgenden israelischen Bereitschaft, über eine regionale Denuklearisierung zu sprechen: Ängste würden wahrscheinlich abgebaut werden, wenn Israels Sicherheit und wirtschaftliche Zukunft stärker mit seinen Nachbarn verzahnt wären, behauptet er.
Parallel dazu solle der Westen der iranischen Führung verdeutlichen, dass die Produktion von Atomwaffen intolerabel sei und zu einem Sturz des Regimes führen würde. Der Westen könnte versuchen, mittels Informationskampagnen die Zustimmung des iranischen Volkes zu seiner Führung zu unterminieren. Darüber hinaus bleibt Sokolski gegenüber der Eskalation des militärischen Konflikts mittels rein konventioneller Waffen skeptisch: „Obwohl Israel und der Iran zunächst versuchen könnten, nukleare Angriffe auf die Bevölkerung zu vermeiden, ist eine solche Selbstbeherrschung fragil.“ (Karsten Hinzmann)
